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09. April 2012, 07:21 Uhr

Neues aus der Archäologie

Die Farbe des Todes

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Von den Indianern Nordamerikas ausgerichtete Bäume weisen auf heilige Orte. Keramik-Analysen verraten viel über die Farbe, mit der die Maya Menschenopfer bemalten. Und alte Aufzeichnungen offenbaren das grausige Werk eines Hochstaplers. Ein Überblick über neue Entdeckungen aus der Archäologie.

+++ Lebende Artefakte +++

In der Regel sind archäologische Artefakte ziemlich leblos. Doch in den USA gibt es welche, die zum Teil seit über 300 Jahren wachsen und gedeihen: indianische Markierungsbäume. Als die Bäume noch jung und biegsam waren, banden Indianer fast im gesamten Gebiet der heutigen USA die Stämme so Richtung Boden, dass sie nicht weiter gen Himmel wuchsen, sondern erst einmal mehr oder weniger parallel zum Boden. Die Krone des Baumes zeigte dann auf einen heiligen Ort oder markierte den Weg zu Wasser oder Viehgründen.

Verschiedene Gruppen und Organisationen suchen, dokumentieren und pflegen diese Artefakte: "Wir stehen unter Zeitdruck, bevor diese wunderbaren Bäume verschwunden sein werden", sagt Mary Graves, Präsidentin der Dallas Historic Tree Coalition.

Der gemeinnützige Verein Mountain Stewards hat mittlerweile 1850 gebogene Bäume in 39 US-Bundesstaaten registriert. Darunter sind mehrere Gelbkiefern im Florissant Fossil Beds National Monument in Colorado, die auf den Pikes Peak zeigen - ein heiliger Berg des Ute-Stammes. In Texas dagegen dienten viele der Bäume einem anderen Zweck: Sie wiesen den Comanche-Indianern den Weg zu Wasser, Verstecken oder Weidegründen und halfen ihnen so im Krieg gegen die Soldaten der U.S. Army.

So unterschiedlich wie die Bedeutungen können auch die Formen der Bäume sein. Während die Comanchen den unteren Teil des Stammes in der Form eines Halbmondes bogen, verlaufen die Stämme in anderen Teilen des Landes oft erst gerade und stehen dann im 90-Grad-Winkel ab, bevor sie wieder weiter nach oben wachsen.

+++ Notizen eines Scharlatans +++

Auf Catalina Island, 40 Kilometer vor der kalifornischen Küste, machte der Kurator des Inselmuseums einen bedeutenden Fund: In einem staubigen Hinterzimmer entdeckte John Boraggina den Nachlass des umstrittenen Archäologen Ralph Glidden. Mit den vergilbten Fotografien und Notizbüchern könnte es gelingen, den Tongva-Indianern der Insel ein Stück ihrer Geschichte zurückzugeben - die Glidden ihnen in den 1920er und 1930er Jahren durch unkontrollierte Ausgrabungen und das Verscherbeln von Fundstücken geraubt hatte.

Die Tongva begruben jahrhundertelang ihre Toten auf der kleinen Insel. In diesen Gräbern wütete Glidden und erfand hanebüchene Geschichten über seine Funde. Zum Beispiel behauptete er, auf der Insel Beweise für eine prähistorische Indianerrasse von Riesen mit heller Haut und blauen Augen entdeckt zu haben.

Für die Ausstellung der Funde errichtete er das Catalina Museum of Island Indians auf einem Hügel mit Blick auf den Hafen. Er baute es aus den Knochen der Tongva: Die Fenster waren mit Hand- und Fußknochen dekoriert, Arm- und Beinknochen dienten als Halter für Regalbretter und an den Decken prangten Rosetten aus Schulterblättern. Doch offenbar reichten ihm die Funde auf Catalina Island nicht. Es gibt einen Beleg über Gliddens Zukauf von Skeletten bei einem Kuriositätenhändler in Los Angeles. Das Museum war noch bis 1950 geöffnet, danach kaufte der Kaugummifabrikant Wrigley's die Artefakte und schenkte sie dem Catalina Island Museum. Die nun entdeckten Notizen können helfen, sie wieder korrekt zuzuordnen.

+++ Farbe für Menschenopfer +++

Die Maya bemalten damit Wände, Keramik - und Menschen, die geopfert werden sollten: mit Maya-Blau. Die leuchtende Farbe mischten sie aus dem Mineral Palygorskit und dem Farbstoff Indigo. Nun hat eine Forschergruppe um Dean Arnold vom US-amerikanischen Wheaton College die Quellen für das Palygorskit gefunden - nach der Archäologen bereits seit den sechziger Jahren suchen. Arnold und seine Kollegen analysierten Maya-Blau von Keramik aus dem Field Museum in Chicago und verglichen das darin enthaltene Palygorskit mit Proben von 33 Orten auf der Yucatán-Halbinsel.

Die Spur führte zu zwei Minen: eine in Sacalum und die andere in Yo' Sah Kab nahe der Stadt Ticul. Im "Journal of Archaeological Science" berichten die Forscher, dass alle Proben aus der Maya-Stadt Chichén Itzá nur Palygorskit aus Sacalum enthielten. Die Keramik aus Palenque dagegen enthielt Palygorskit aus Sacalum, Yo' Sah Kab oder einer anderen Region. Wahrscheinlich ist jedoch, dass die Maya das Mineral nur aus den zwei Minen in Sacalum oder Yo' Sah Kab bezogen. Alle anderen Vorkommen waren zu schwer zugänglich oder nicht reich genug.

+++ Seltener Piktenfriedhof ausgegraben +++

Schon lange bevor die Römer nach Britannien kamen, lebten im Nordosten Schottlands die Pikten. Sie hatten eine eigene Kultur und eine eigene Sprache - doch nach ihrem Verschwinden im 9. Jahrhundert blieb von ihnen kaum mehr als die verzierten Piktensteine, die sie überall in ihrem Gebiet errichteten. Auf einigen schottischen Feldern bilden sich Kornkreise an Stellen, wo einst Gebäude oder Gräber der Pikten standen. Nun haben Archäologen in der Nähe der Stadt Perth bei Routinearbeiten einen piktischen Friedhof entdeckt und ausgegraben.

Auch wenn die Toten keinen Schmuck oder Geschirr mit ins Jenseits bekommen hatten, verwendeten ihre Leute offenbar große Mühe auf den Bau der Gräber. Die Bestatteten lagen alle in einer Reihe, umgeben von Gräben und einst bekrönt von Hügeln - die allerdings im Laufe der Jahrhunderte abgeflacht sind. Alle Toten lagen nach Ost-West ausgerichtet. Die Gräben um zwei der Gräber waren rund, die drei übrigen lagen in viereckigen Umrandungen mit Aussparungen an den Ecken.

Grabungsleiter Martin Cook von der Firma AOC Archaeology mutmaßt in der neuen Ausgabe der Zeitschrift "British Archaeology", die Toten könnten eng miteinander verwandt sein. Um mehr zu erfahren, sollen nun die Knochen der toten Pikten untersucht werden. Eine ähnliche Anlage aus der Nähe von Redcastle datiert in die Zeit zwischen dem 3. und dem 8. Jahrhundert.

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