Innere Uhr Sommerzeit kollidiert mit natürlicher Zeitumstellung

Mehr Licht, mehr Aktivität - das ist der Sinn des alljährlichen Vorstellens der Uhr im März. Doch die Umstellung auf Sommerzeit bringt vor allem die innere Uhr durcheinander, sagen Biologen. Denn Taktgeber des Körpers ist nicht die Uhr, sondern das Tageslicht.

Die einen freut's, die anderen ärgert's: die Umstellung auf die Sommerzeit. Jedes Jahr am letzten Sonntag im März werden Deutschlands Uhren um eine Stunde vorgestellt und am letzten Sonntag im Oktober wieder zurück. Das alles bringt nichts, sagen jetzt Till Roenneberg und Thomas Kantermann, Chronobiologen an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität. Zusammen mit zwei niederländischen Kollegen haben sie die bislang größte Studie zu diesem Thema angefertigt. Anhand von Fragebögen untersuchten sie die Schlafmuster von 55.000 Menschen in Mitteleuropa.

"Die innere Uhr des Menschen passt sich an die saisonalen Änderungen des Sonnenaufgangs an", sagte Thomas Kantermann zu SPIEGEL ONLINE. So würde der natürliche Schlaf- und Aktivitätsrhythmus auch in den Sommermonaten durch den Sonnenaufgang gesteuert. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Sommerzeit-Umstellung diese natürliche Anpassung der inneren Uhr verhindert." Ihre neue Studie haben die Forscher im Fachmagazin "Current Biology" veröffentlicht (Bd. 17, November 2007).

Obwohl die Zeitverschiebung einen Einfluss auf die natürlichen Rhythmen hat, gab es bislang nur wenige Untersuchungen zu den Auswirkungen der Zeitumstellung. Die meisten davon ergaben, dass sich der Körper innerhalb weniger Tage an die veränderte Zeit anpasst.

Gesundheitliche Nachteile durch Sommerzeit?

Die Versuchsteilnehmer sollten Angaben zu ihren Schlafgewohnheiten sowohl an Arbeitstagen als auch an freien Tagen machen. Dabei stellte sich heraus, dass die Probanden an ihren freien Tagen, an denen sie also nicht zu einer bestimmten Uhrzeit aufstehen mussten, ihren Schlaf nach der Dämmerung ausrichteten.

In einem weiteren Experiment beobachteten die Wissenschaftler die individuellen Schlaf- und Aktivitätsmuster von 50 Personen - jeweils über vier Wochen vor und vier Wochen nach der Zeitumstellung. Die Schlafmuster wurden wie beim ersten Versuch per Fragebogen erfasst. Zusätzlich erfasste ein Messgerät am Arm die körperliche Aktivität der Versuchsteilnehmer.

Auch diese Untersuchung zeigte: Während ihrer freien Tage passten sich die Nacht- und Tagesrhythmen der Testpersonen nicht an die Sommerzeit an. Die biologische Uhr der Versuchsteilnehmer blieb also unbeeinflusst von der Zeitumstellung. Ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen mussten sie jedoch an der um eine Stunde vorgehenden Sommerzeit ausrichten.

Nicht nur ist die Sommerzeit nach Ansicht der Forscher nutzlos - sie vermuten sogar, dass sie auf lange Sicht gesundheitsschädlich sein könnte. Doch dazu halten sie sich noch bedeckt: "Es ist viel zu früh zu sagen, ob Sommerzeit einen gesundheitsschädigenden Langzeit-Effekt hat", schreiben die Autoren in ihrem Bericht. "Aber unsere Ergebnisse zeigen, dass wir diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht ziehen und noch viel mehr Forschung betreiben müssen."

Als wenn man alle Deutschen nach Marokko transportierte

Obwohl die Zeitumstellung nur eine Stunde betrage, habe sie weitaus drastischere Effekte als man zunächst vermute, schreiben die Wissenschaftler. Da sich die natürlichen Sonnenaufgangszeiten änderten, sagt Kantermann, werfe diese Umstellung im Frühjahr die Menschen um vier Wochen in ihrer Anpassung zurück. "Es ist, als ob man wieder im Februar ist", sagt Kantermann. Im Herbst, wo die Sonnenaufgangszeiten sich nicht so schnell ändern, sind es übersetzt dann noch mal sechs Wochen, um die die Menschen in ihrer Anpassung zeitlich zurückspringen.

Man kann die veränderten Sonnenaufgangszeiten auch örtlich in Breitengrade übersetzen: Der Stundensprung im Frühjahr und Herbst wäre dann laut Kantermann so, als ob man alle Deutschen im Frühjahr nach Marokko und im Herbst wieder zurück transportieren würde - "nur leider, ohne das entsprechende Wetter dazu zu bekommen".

lub/ddp