Innere Uhr verstellt Das Leiden der Schichtarbeiter

Stahlwerker: In zahlreichen Branchen sind Schichtdienste unverzichtbar
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Stahlwerker: In zahlreichen Branchen sind Schichtdienste unverzichtbar

2. Teil: Zwei-Prozess-Modell des Schlafs


Doch nicht nur die innere Uhr, die unsere Schlafzeiten regelt, gerät durch die Desynchronisation aus dem Takt. Nach dem Zwei-Prozess-Modell der Schlafregulation, das der niederländische Biologe Serge Daan von der Universität Groningen und der ungarisch-schweizerische Pharmakologe Alexander Borbély von der Universität Zürich Anfang der 1980er Jahre aufstellten, wird zudem die Schlaftiefe über einen homöostatischen Prozess gesteuert. Hier macht sich die körperliche Ermüdung, die sich über den Tag hinweg aufbaut, als wachsender Schlafdruck bemerkbar.

Rotierender Schichtdienst und Nachtarbeit verlagern die Ruheperioden in Tageszeiten, zu denen die innere Uhr keine geeigneten Schlafbedingungen bereitstellt. Der Versuch, tagsüber zu schlafen, wird durch ansteigende Körpertemperatur und auf Aktivität zielende Stoffwechselprozesse vereitelt. Der Schlummer außerhalb des biologischen Schlaffensters ist deshalb kürzer, weniger erholsam und wird leichter durch Umweltfaktoren gestört: Tagsüber erhellt die Sonne das Schlafzimmer, und die allgemeine Geräuschkulisse ist ebenfalls lauter.

Aber nicht nur der Schlaf stellt für Schichtarbeiter eine Herausforderung dar. Problematisch sind auch die Essenszeiten. Wechselschichten erfordern, Mahlzeiten vorzuverlegen oder aufzuschieben, wenn ein Arbeitnehmer mit seiner Familie zusammen essen möchte. Ein "Frühstück" vor der Nachtschicht fällt somit etwa in die Zeit des häuslichen Abendessens, und das Mittagessen - oftmals die Hauptmahlzeit - wird gegen Mitternacht eingenommen.

Hinzu kommt ein tageszeitabhängiger Appetit, der sich negativ auf das Essverhalten auswirken kann. Jeder weiß von sich selbst, dass es ihn mittags nach anderen Gerichten verlangt als abends oder morgens. Essen zu ungewohnten Zeiten ist deshalb oft von Appetitlosigkeit und Unwohlsein begleitet. Darunter leidet der Stoffwechsel; Verstopfung, Durchfall, Sodbrennen oder gar Magengeschwüre können folgen. Auch Bluthochdruck, ein erhöhter Blutfett- oder Cortisolspiegel sowie Herzerkrankungen dürften durch Schichtarbeit begünstigt werden. Umstritten ist, ob unregelmäßige Arbeitszeiten auch Tumorerkrankungen wie Brustkrebs auslösen können. Auf Grund statistischer Häufungen von Krebserkrankungen bei Schichtarbeitern sowie Ergebnissen aus Tierversuchen hat 2010 die Weltgesundheitsorganisation WHO Schichtarbeit als potentiell krebsauslösend eingestuft.

Sicherlich ist auch der Stress, unter dem Schichtarbeiter stehen, nicht zu vernachlässigen. Chronische Stressfaktoren wirken sich auf das sympathische Nervensystem aus und fördern die Ausschüttung von Noradrenalin, Adrenalin und Cortisol. Diese Botenstoffe wiederum lassen Blutdruck und Pulsrate ansteigen (siehe G&G 1-2/2010, S. 24).

Kann man die Gesundheitsrisiken der Schichtarbeit eindämmen? Da Licht den zentralen Zeitgeber für die innere Uhr darstellt, liegt es nahe, hier anzusetzen. Dazu benötigt man sehr helles Licht, das dem Tageslichtspektrum näher kommt als herkömmliche Innenraumbeleuchtungen. Die üblichen Beleuchtungsstärken am Arbeitsplatz liegen oftmals unter 100 Lux - also weit unter der Tageshelligkeit mit 10.000 Lux und mehr. Deshalb wirkt sich die Sonne, die ein Nachtschichtarbeiter auf dem Heimweg am frühen Morgen zu Gesicht bekommt, wesentlich stärker auf seine innere Uhr aus als die Lampen, die er während der Dunkelheit angeschaltet hatte. Es wird dem Betreffenden schwerlich gelingen, sich an die Nachtarbeit anzupassen, da das Morgenlicht ihn stets auf Tagaktivität einstellt.

Mehrere Arbeitsgruppen wie die von Charmane Eastman von der Rush University in Chicago, Diane Boivin von der McGill University in Montreal (Kanada) oder Debra J. Skene von der University of Surrey in Guildford (England) haben in den letzten Jahren die psychologische und physiologische Wirkung von kontrollierter Lichtexposition bestätigt. Dabei zeigte sich etwa, dass hohe Lichtintensitäten von mehreren tausend Lux während bestimmter Phasen in der Nachtschicht den Wachheitsgrad steigern und den Schlaf am folgenden Tag fördern. Offensichtlich verschiebt das Licht den Melatoninrhythmus in Richtung Tagschlafphase. Das Hormon Melatonin, welches die Zirbeldrüse des Gehirns normalerweise nachts ausschüttet, macht uns schläfrig. Der durch Licht aktivierte SCN hemmt dagegen die Melatoninproduktion.

Rotierende Schichten

Das schlichte Tragen einer Sonnenbrille auf dem Nachhauseweg von einer Nachtschicht kann helfen, die Wirkung des Tageslichts zu dämpfen. Allerdings schränkt dies auch die Fahrtauglichkeit ein, die schon durch die erhöhte Müdigkeit geschwächt sein kann. Darüber hinaus sollte der Schichtarbeiter in möglichst komplett abgedunkelten Räumen schlafen und unnötige Störquellen wie Telefon oder Türklingel abstellen. Alkohol oder Medikamente als Einschlafhilfe beziehungsweise zum Wachbleiben sind dagegen wegen der gesundheitlichen Risiken nicht zu empfehlen.

Unterm Strich erweisen sich all diese Anpassungsversuche jedoch als schwierig - schließlich müsste der Schichtarbeiter auch an seinen freien Tagen Licht meiden, um an seinen verschobenen Rhythmus angepasst zu bleiben. Das dürfte nahezu unmöglich sein. So gelangt auch ein Dauernachtarbeiter in eine "rotierende Schicht", in der er zwischen privater Tag- und beruflicher Nachtaktivität hin- und herpendelt.

Festzuhalten bleibt, dass Schichtarbeit nicht per se krank macht. Vielmehr bedrohen die physiologische Anforderung und die erhöhte Stressexposition zur falschen inneren Zeit die Gesundheit der Betroffenen. Darüber hinaus kann Schichtarbeit bereits bestehende Krankheiten verschlimmern und negative Einflüsse der Lebensweise verstärken. Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Übergewicht und Rauchen können in ihrer Wirkung potenziert werden. Eine sorgfältige Untersuchung vor der Einstellung in den Schichtdienst sowie regelmäßige Gesundheitschecks sind aus diesem Grund unabdingbar.

Statt Lohnzuschlägen sollte man den Betroffenen Freizeitausgleich und flexible Arbeitszeiten sowie ein Mitspracherecht bei betrieblichen Umgestaltungen gewähren. Dazu zählt auch, dass den Schichtarbeitern gesunde Lebensmittel wie Obst, Salat, Wasser und Saft zur Verfügung gestellt werden oder sie die Möglichkeit haben, sich selbst eine gesunde Mahlzeit vor Ort zuzubereiten - egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit.

Chronobiologen fordern bereits seit Längerem individuelle Schichtpläne, die den jeweiligen Chronotyp berücksichtigen, um die Gesundheit von Schichtarbeitern nicht dauerhaft zu gefährden. Theoretisch ist dies durchaus möglich - die praktische Umsetzung und Erprobung steht allerdings noch aus.



insgesamt 49 Beiträge
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Zyklotron, 27.03.2011
1. naiv
Schöne Worte, die einem allerdings nichts nutzen, wenn dem Arbeitgeber die Gesundheit seiner Mitarbeiter weitestgehend egal ist. Hauptsache die Inspektoren sehen keine offensichtlichen Unfallgefahren und die Luxusautos in der Garage sind auf Hochglanz poliert.
Martin Franck 27.03.2011
2. Versagen der Politik
Eigentlich müsste die Politik dafür sorgen, dass es immer weniger Schichtarbeit gibt, jedoch ist das Gegenteil der Fall. Was wiedrum heißt, dass der Politik die Gesundheit völlig egal ist, oder dass sie zu blöd ist Chronobiologie zu verstehen. Ein Punkt der das Politikversagen untermauert ist die Sommerzeit. Hier ist es nicht nur so, dass die Gesundheit leidet, sondern auch die erhofften Energieeinsparungen trteten nicht ein. Nur ist es wohl einfacher die Sommerzeit damals einzuführen, als plötzlich zusagen, dass man sich geirrt hat, und wieder zur Normalität zurück zu kehren.
only2read 27.03.2011
3. Was mich wundert...
...ist der Umstand, dass wir seit 2005 offiziell wissen, dass die Ursprungsintention (Energiesparen) nicht eintrifft - und bei den doch eigentlich so demokratiefernen(?!) Russen wird einfach nach der Umstellung auf die Sommerzeit jetzt, nicht mehr an der Uhr gedreht http://unterwaeltigt.de/?p=374 Warum nur, also mit welcher Begründung, beharren wir Deutschen so sehr auf etwas, von dessen Nutzlosigkeit wir uns 30 Jahre lang überzeugen konnten? Würde man damit wieder irgendeiner Lobby auf die Füße treten, oder ist das Thema den Regierenden schlichtweg egal?
Hans58 27.03.2011
4.
Zitat von Martin FranckEigentlich müsste die Politik dafür sorgen, dass es immer weniger Schichtarbeit gibt, jedoch ist das Gegenteil der Fall. Was wiedrum heißt, dass der Politik die Gesundheit völlig egal ist, oder dass sie zu blöd ist Chronobiologie zu verstehen. Ein Punkt der das Politikversagen untermauert ist die Sommerzeit. Hier ist es nicht nur so, dass die Gesundheit leidet, sondern auch die erhofften Energieeinsparungen trteten nicht ein. Nur ist es wohl einfacher die Sommerzeit damals einzuführen, als plötzlich zusagen, dass man sich geirrt hat, und wieder zur Normalität zurück zu kehren.
Es gibt Berufe, da kann man ohne Schichtarbeit nicht leben. Polizei, Rettungsdienste, Feuerwehr, Versorgungsbetriebe, Flughäfen, Deutsche Bahn, Flugsicherung usw usf. Sie scheinen sich aber mit dem Thema wenig oder überhaupt nicht befasst zu haben. Die Politik hat da schon eine Menge in der Vergangenheit getan, was aber noch verbessert werden kann: - Erschwerniszulagen für Schichtdienst und Wechselschichtdienst, - Zulagen für Dienst zu ungünstigen Zeiten, - Zusatzurlaub für im Schichtdienst arbeitende Menschen, - regelmäßige Kuren zum Erhalt der Arbeitsfähigkeit, etc. Wer einen Beruf ergreift, bei denen Schichtdienst gefordert ist, nimmt das von vornherein in Kauf. Es mag hier und da Branchen geben, bei denen man den Schichtdienst sicherlich hinterfragen kann, die Mehrheit der heutigen Schichtdienste ist jedoch nicht entbehrlich. Nennen Sie mir übrigens ein Beispiel, bei dem die "Politik" mehr Schichtarbeit eingerichtet hat (so wie sie ja behaupten).
NormanR, 27.03.2011
5. Schlichtweg egal trifft es schon sehr
Dieser sogenannten Regierung ist doch so ziemlich alles egal was das dumme Volk betrifft. Nicht nur Schicht- sondern auch Leiharbeit ohne Mindestlohn und sowieso kein Mindestlohn nirgendwo. Gesundheitskosten explodieren, egal. Beitragsbemessungsgrenze, rühren wir nicht an. Atomkraft ist gut für die Betreiber usw. usw. Weg damit und natürlich mit dem ganzen Gesockse in Berlin.
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