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20. Juni 2012, 17:20 Uhr

Globale Ernährung

"Wir glauben nicht an den Untergang"

Von , Paris

Sieben Milliarden Menschen leben auf der Erde, bald werden es neun sein. Kann der Planet sie alle ernähren? Marion Guillou, Chefin von Frankreichs Nationalem Instituts für Agrarforschung, glaubt an eine pragmatische Lösung zur Vermeidung der Ernährungskatastrophe.

"Wenn der Stress zu dicke kommt, gehe ich aufs Wasser" - sagt Marion Guillou und verlässt ihr Chefbüro an der Rue de l'Université in Paris, um den Zug Richtung Marseille zu nehmen. Dort, in ihrer Heimatstadt, geht sie an Bord ihrer Yacht: "Ein älteres dänisches Modell, das gut am Wind liegt", sagt die begeisterte Navigatorin. Auf dem Mittelmeer, wo sie "so gut wie alle Küsten kennt", findet die einflussreiche Frau fern von Forschung und Verwaltungsarbeit zur Ruhe - und zu sich. Das maritime Hobby, so weiß einer ihrer Mitarbeiter, "ist ihre einzige Passion - außer der Arbeit".

Davon hat die Präsidentin des Nationalen Instituts für landwirtschaftliche Forschung (Inra) dieser Tage reichlich. Jean-Marc Ayrault, der neue sozialistische Premierminister Frankreichs, hat Guillou in die Regierungsdelegation für das "Rio+20"-Gipfeltreffen zu nachhaltiger Wirtschaft aufgenommen. Papiere, Dokumente, Sprechzettel für die Konferenz sind vorzubereiten, an der auch François Hollande, der frisch gewählte Staatschef Frankreichs, teilnehmen will: "Wenigstens zum Auftakt, um unser Engagement zu unterstreichen", sagt Guillou.

Die Wissenschaftlerin, seit acht Jahren an der Spitze eines der wichtigsten akademischen Institute Frankreichs, ist für die Aufgabe prädestiniert. Die gelernte Ingenieurin promovierte an der École Polytechnique mit einer Dissertation über Biotransformation. Erst Agrarattaché der französischen Botschaft in London, dann Leiterin der Abteilung für Ernährung am Ministerium für Landwirtschaft, wechselte sie 2004 zur Inra - einem riesigen Apparat mit 8500 Forschern, verteilt auf 19 lokale Zentren landesweit.

Guillou, 58, hat jüngst eine pragmatische Analyse veröffentlicht, die bei der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Uno (FAO) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Aufmerksamkeit sorgte. "Neun Milliarden Menschen ernähren - eine Herausforderung für die Welt", verfasst mit Gérard Matheron, Chef des Internationalen Kooperationszentrums für landwirtschaftliche Forschung und Entwicklung (Cirad), entwirft nicht die üblichen Untergangsszenarien. Stattdessen ist das Buch eher optimistisch: Ja, es ist möglich, Nahrungsmittel für die rund neun Milliarden Menschen bereitzustellen, die in 40 Jahren voraussichtlich die Erde bevölkern werden. Und das trotz der Bedrohung durch schrumpfende Ressourcen und Klimawandel.

Das Problem ist die Verteilung

"Unser gegenwärtiges Problem ist nicht die Quantität, sondern die Verteilung", sagt Guillou, und greift damit eine These auf, die auch andere Experten schon seit einiger Zeit vertreten. "Armut und Ungleichheit, bestimmt durch Krieg und Krisen, sind dafür verantwortlich, genauso wie der Zugang zu Nahrungsmitteln. Nicht eine zu geringe landwirtschaftliche Produktion ist Schuld am Hunger, sondern Politik und Wirtschaft sind es."

Es ist ein Paradox: Im Schnitt stehen weltweit die nötigen 3000 Kilokalorien zur Verfügung, die jeder Mensch für eine ausgeglichene Ernährung braucht. Aber eben nur theoretisch. Instabilität, ungerechte Verteilung und Mangel wiegen mehr als Probleme der Landwirtschaft, meint Guillou und zitiert den indischen Nobelpreisträger Amartya Sen: "Hunger bedeutet nicht, dass nicht genug zum Essen existiert; es bedeutet, dass für viele nicht genug Essen bereitsteht."

Das Autorenpaar tritt damit der These entgegen, dass Hunger auf knappe Produktion zurückgehe: Weil die Bevölkerung wächst, muss die Erzeugung bis 2050 um 70 Prozent steigen. "Das hängt freilich auch von der Nachfrage ab", hält Guillou dagegen: "Die Originalität unseres Herangehens besteht darin, dass wir nicht fragen: Wie wird diese Pflanze möglichst in großem Umfang angebaut. Wir machen uns im Gegenteil erst einmal Gedanken, ob eine Feldfrucht für die Ernährung nützlich ist."

Die Fachfrau räumt zwar ein, dass Investitionen für die Landwirtschaft nötig seien, um die Armut unter den Bauern zu beenden. Zugleich unterstreicht sie das gewaltige Potential bei Einsparungen. "Heute gehen 30 bis 50 Prozent der Ernten verloren, etwa bei Transport, weil sie von Parasiten gefressen werden, schlecht gelagert verrotten oder während der Lebensmittelproduktion verloren gehen. Hier existieren bei der Verringerung der Verluste gigantische Möglichkeiten." Beispiel Brasilien: Dort haben gezielte Investitionen beim Silobau nicht nur eine bessere Qualität des Getreides beschert, sondern auch Jobs in der Bauwirtschaft geschaffen und obendrein für stabilere Preise gesorgt.

Gastronomie gegen Fastfood

Vergeudet wird aber nicht nur bei der Herstellung, sondern auch beim weltweiten Konsum. Groteskerweise gibt es nicht nur eine Milliarde Menschen, die hungern - gleichzeitig sind 1,4 Milliarden übergewichtig. In Frankreich stehen jedem Bürger täglich im Schnitt rund 4000 Kilokalorien zur Verfügung - er isst aber nur 2200. Der Rest wird vergeudet.

Guillou gibt sich unideologisch. Bio ist gut, wo es passt: "In Ländern, wo Grund und Boden reichlich vorhanden ist. Es ist aber kein Patentrezept für Gegenden, wo Anbaufläche knapp ist." Genmanipuliertes Saatgut? "Nur da, wo es einen Vorteil bringt - etwa für den chinesischen Baumwoll-Farmer, der sonst mit gefährlichen Pestiziden und Herbiziden hantieren muss."

Auch die rigorose Abschaffung der energieaufwendigen Fleischproduktion sei keine Lösung, weil eine Milliarde Bauern wegen karger Böden nur dank Viehwirtschaft überlebten: "Indien, wo keine Rinder geschlachtet werden, ist der größte Konsument von Milch." Will heißen: Nahrungsmittel auf der Basis von Viehzucht können für das Gleichgewicht der Ernährung wie für die Umwelt durchaus sinnvoll sein. Guillou: "Es ist der Exzess des Fleischkonsums, der widersinnig ist."

Bleiben die Rezepte des Pariser Autorenpaars angesichts der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise nur eine Utopie aus dem Elfenbeinturm? Guillou will davon nichts wissen: "Unsere Thesen sind umsetzbar. Und, nein, wir glauben nicht an den Untergang. Man kann Veränderungen erzielen."

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