Insel-Mythos entzaubert Briten sind zorniger als gedacht

Ist die britische Coolness nur ein Mythos? Eine neue Studie zeigt, dass viele Briten ihren Ärger nur schwer kontrollieren können und selten cool bleiben. Zorn sei mittlerweile eine Art Volkskrankheit auf der Insel, erklären Psychologen.


Cool Britannia - in kaum einen anderen Land wird Gelassenheit und Gemütsruhe so kultiviert wie im britischen Königsreich - nach den Londoner Terroranschlägen wurden die Briten weltweit für ihre Coolness gerühmt. Jetzt zeigt aber eine Studie der britischen Mental Health Foundation (MHF): Ärger und Zorn sind in der britischen Gesellschaft weiter verbreitet als bisher gedacht.

Englischer Fußballfan bei der WM 2006 in Frankfurt: Wutausbrüche und Ängste
AFP

Englischer Fußballfan bei der WM 2006 in Frankfurt: Wutausbrüche und Ängste

So waren 64 Prozent der insgesamt 1974 Befragten davon überzeugt, dass Menschen heute im Allgemeinen leichter wütend werden. 32 Prozent erklärten, sie hätten Freunde und Familienmitglieder, die große Schwierigkeiten haben, ihren Ärger unter Kontrolle zu bringen. Und auch bei sich selbst sehen viele Briten uncoole Tendenzen: Immerhin 28 Prozent machten sich Sorgen darüber, dass sie selbst manchmal mit ihrem Zorn nicht fertig werden.

Ärger und Zorn seien bisher vom britischen Gesundheitssystem sträflich vernachlässigt worden, kritisiert MHF-Direktor Andrew McCulloch. So gebe es zwar Therapieangebote für Depressionen, Ängste, Phobien und zahlreiche andere emotionale Probleme - "jedoch werden wir allein gelassen, wenn es zu einer emotionalen Aufwallung kommt, die so mächtig ist wie unser Zorn".

Die Zahlen der Studie belegen dies: 58 Prozent der Befragten wüssten nicht, wohin sie gehen sollten, wenn sie Probleme mit Ärger und Zorn hätten. Dabei sei Zorn zwar keine psychische Krankheit an sich, dennoch hätte er schwerwiegende Folgen - körperlich und psychisch: So stehen Herzleiden, Schlaganfälle und Krebs, aber auch Depressionen, Selbstverletzungen und Drogenmissbrauch im Zusammenhang mit chronischem Ärger, wie die Autoren der Studie berichten.

Doch bisher werde das Problem Zorn im Vereinigten Königreich nicht angepackt, bevor jemand eine Straftat begeht und das Gericht den Straftäter zu einem Ärgermanagement-Training schickt. "Das Problem anzugehen, wird nicht einfach, aber die Gewinne können enorm sein", sagt McCulloch. Denn seinen Ärger zu beherrschen, sei nicht nur für die körperliche und seelische Gesundheit wichtig: Mehr als irgendeine andere Emotion habe Ärger eine negativen Effekt auf Beziehungen. In der Studie berichteten 20 Prozent der Teilnehmer, sie hätten Beziehungen oder Freundschaften wegen der Neigung der jeweiligen Partner zu Wutausbrüchen beendet.

Die Studie zeigte auch interessante regionale Unterschiede: So berichteten Schotten doppelt so häufig wie andere Briten, dass sie Probleme haben, ihren Ärger zu kontrollieren. Sind die Schotten also schuld, dass Britannien nicht cool ist? Nicht unbedingt, meinen die Autoren: Die Schotten könnten sich ihres Zorns einfach bewusster sein - schließlich habe die schottische Regierung in den vergangenen Jahren mehr in die psychische Gesundheit ihrer Einwohner investiert als das übrige Königreich. Dazu passt, dass im Vergleich zu Engländern oder Walisern weniger Schotten der Meinung sind, dass die Menschen generell zorniger geworden sind.

So könnte der schottische Weg ein Modell für das gesamte Königreich sein, wie die Autoren meinen: Denn es gebe bereits genügend Therapien, die Menschen helfen könnten, mit ihrem Ärger zurechtzukommen - doch zuvor müssten Ärger und Zorn überhaupt erstmal als behandlungsbedürftige Probleme akzeptiert werden.

ama/dpa



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