Inselbegabte Die Geistes-Giganten

Von Karin Steinberger

2. Teil


So ähnlich hat es sich auch der Hirnforscher Allan Snyder gedacht. Dann hat er bei mehreren Versuchspersonen an der Universität von Sydney mit einer Magnetspule Teile ihres Gehirns gelähmt. Vorübergehend und unblutig, seine Methoden sind trotzdem einigermaßen umstritten.

Mit seinen Versuchen will Snyder beweisen, dass er Menschen künstlich kreativ machen kann. Er will ihnen neue Tore öffnen, indem er Teile ihrer Gehirne abstellt. Die Fähigkeiten der Savants seien bei uns allen da, sagt Snyder, nur komme man nicht dran, weil die dominante linke Hirnhälfte uns die Welt durch Vorwissen ordne und viele nebensächliche Details herausfiltere. "Im täglichen Leben fahren wir damit ganz gut, aber wir tun so viel unbewusst. Manchmal frage ich mich, wer ist eigentlich der Chef in unserem Kopf?"

Und tatsächlich erkennen die von Snyder temporär hirnverletzten Personen jeden kleinen Schreibfehler, Dinge, die sie vorher übersehen haben, weil ihre linke Hirnhälfte sie ausgeblendet hat. Sie malen plötzlich Hunde dreidimensional und proportional richtig, nicht die unbeholfenen Strichfiguren, die sie davor hingekritzelt haben. Ein Beweis ist das noch nicht. Aber ein Ansatz.

"Irgendwann werden wir Kappen tragen, die uns die Fähigkeiten von Kim geben. Wir haben keinen Zugang zu den Hinterräumen unseres Gehirns, weil wir nur sehen, was wir kennen. Weil es im normalen Leben nicht von Vorteil ist, jedes Detail wahrzunehmen. Kim Peek sieht alles. Er ist hundert Prozent Detail", sagt Snyder.

Also schaut man es sich an, Kim Peeks Gehirn. In der Mitte ist nichts, nur erschreckende Leere. Es fehlt das Corpus callosum, die Verbindungsfasern zwischen den Hirnhälften. Und dahinter hängt das Cerebellum im schwarzen Raum, klein und verschrumpelt. Es fehlen also ganz entscheidende Teile im Kopf von Kim Peek.

Ihn stört das nicht. Er hat trotzdem gerade einen großen Auftritt.

Kim Peek steht jetzt in der Brigham Young Universität in Provo, Utah, Saal 111, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Vor ihm sitzen mehr als hundert Studenten, die Fragen stellen. Sie rufen ihre Geburtstage in den Saal. 9. August 1974. Kim Peek sagt: "Freitag. Dieses Jahr ist es ein Mittwoch. Und dein letzter Arbeitstag wird 2039 ein Dienstag sein." Ungläubiges Geraune. So geht das stundenlang. Die Studenten fragen nach Postleitzahlen in Wyoming, nach Straßenverbindungen in Texas, nach empfangbaren Fernsehkanälen in Alabama, nach den Geburtsdaten der amerikanischen Präsidenten, nach Shakespeare-Zitaten, Spaceshuttle-Flügen und nach Opern-Erstaufführungen.

Kim antwortet: schnell, emotionslos, korrekt. Manchmal stößt er Schreie aus. Manchmal schlägt er sich an den Kopf oder er setzt sich zu seiner Cousine in der ersten Reihe und umarmt sie. Bis eine neue Frage kommt. "Warum bist du nicht getauft worden?", fragt ein Mädchen. "Weil mir niemand das Schwimmen beigebracht hat", sagt er. Tosender Applaus. Kim gähnt.

So ist das mit Kim Peek. Er macht Witze über die Mormonen und ihre Tradition, Menschen bei der Taufe unterzutauchen, mitten im Land der Mormonen, in einer Universität, die im Besitz der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist, auf einem Campus, an dem sie vor und nach jeder Stunde ein Gebet sprechen. Nach Zufall sieht das nicht aus. Kim Peek hat noch überall gesagt, was er dachte. Als ihn einmal einer der hohen Priester der Mormonen fragte, ob er das heilige Buch Mormon gelesen habe, sagte er: "Nein, ich lese keine Fiktion." Und als er in Hollywood Dustin Hoffman traf, weil der den Menschen sehen wollte, nach dem die Hauptfigur des Films "Rain Man" geschaffen wurde, sagte Kim Peek ihm, dass sie hier ein paar wirklich gute Filme gemacht hätten. Aber auch ein paar wirklich schlechte.

Das hat er gesagt und das ist es, was Darold Treffert so erstaunt. Kim Peek verändert sich. Am Anfang waren es nur soziale Umgangsformen. Er ist ein anderer Mensch seit "Rain Man", er schaut den Menschen jetzt in die Augen, wenn er mit ihnen spricht, umarmt Wildfremde, wenn er mit seinem Vater durchs Land tourt. Aber Kim Peek verändert sich auch im Kopf. Früher sei er wie eine Enzyklopädie gewesen, wenn man etwas herausfinden wollte, konnte man bei ihm nachschlagen, sagt Treffert und legt eine DVD in den Computer. Aber Kim werde immer kreativer. "Jetzt ist er wie Google, er stellt selber Bezüge her", sagt Treffert. Hinter ihm baut sich das Gesicht von Kim Peek auf dem Bildschirm auf, braune, viereckige Brille - und ein Kopf wie ein Medizinball.

Darold Treffert lacht, als er ihn sieht. Neben dem Computer steht ein Kalender mit den bunten Bildern des elfjährigen Zeichen-Savants Ping Lian Yeak aus Malaysia, daneben Wolkenkratzer von Stephen Wiltshire, den sie die "lebende Kamera" nennen und dessen Schwester sagt, er sei wie ein Videorekorder. Wenn er wolle, spule er das Band einfach zurück. Dann malt er plötzlich und wie von einer fremden Macht getrieben Dinge auf, etwa das Opera House in Sydney, schnell und genau, jede Treppenstufe so, wie er sie auf dem Poster gesehen hat, an dem er gestern vorbeigegangen ist. Neben Wiltshires Wolkenkratzern stehen Pferde von Alonzo Clemons, den sie in ein Heim steckten und den Lehm wegnahmen, damit er lerne, sich die Schuhe zu binden. Er hat sich dann den Kitt aus den Fensterrahmen herausgekratzt, weil er es nicht sein lassen kann.

So ist das. Stephen Wiltshire muss malen. Alonzo Clemons muss formen. Und Kim Peek muss wissen. Darold Treffert sagt, als sie Alonzo den Lehm wegnahmen, sei dies ein Desaster gewesen. "Trainiert das Talent, das ist meine Meinung. Wenn sie ihr Talent benutzen, werden sie sozialer und weniger isoliert und ihre Sprache wird besser. Es ist die beste Art, sie im Leben zu halten."

So hält auch Fran Peek seinen Sohn im Leben. Vor mehr als zwei Millionen Menschen ist er mittlerweile aufgetreten. Es gibt nur zwei Regeln: Sie nehmen kein Geld. Und wenn Kim nicht mehr will, hören sie auf. Aber Kim will. Irgendwo muss es ja hin, das Wissen, das er abgespeichert hat, 12.000 Bücher. Manchmal sitzt Fran vor seinem Sohn wie vor einem fremden Wesen: "Hey, was für eine Spezies bist du eigentlich, Kim?"

"Ich bin ein guter Mann", sagt Kim Peek. "Ich glaube, er ist die nächste Dimension", sagt der Vater und fährt weiter mit ihm durch diese Stadt, von der nie wieder ein Mensch so viel wissen wird wie Kim Peek.



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