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29. Juni 2006, 06:53 Uhr

Inselbegabte

Die Geistes-Giganten

Von Karin Steinberger

Sie sind oft hilfsbedürftig und behindert. Aber in ihren Gehirnen haben Inselbegabte Platz für alles Wissen der Welt: Sie lernen Telefonbücher auswendig, zeichnen Stadtpläne aus dem Gedächtnis und spielen spontan Pianokonzerte nach. Wo liegt der Schlüssel zum Genie?

Zum Frühstück gibt es Cheese-Bagel mit Eiern. Kim Peek schiebt sich das Zeug in den Mund, schnell muss es gehen. Er hat viel zu sagen. Dazu gibt es Cola und ein paar Brocken deutsche Geschichte. Er erzählt von den Franken und den Habsburgern, schreit Regierungsdaten und Geburtstage in das Restaurant, stößt Lacher aus und immer neue Zahlen. "Nicht so laut, Kim", sagt der Vater.

Hirnscan: Mit dem Magnetresonanz-Tomografen auf der Suche nach dem Grund für Begabung
University of Illinois at Chicago

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Kim Peek versucht es leiser, singt Melodien aus "Tristan und Isolde", Richard Wagner, 1859 komponiert, 1865 uraufgeführt, sechs Hörner, drei Trompeten, drei Posaunen. Tamdadaram. Ein gurgelndes Lachen rollt aus ihm heraus. Irgendwie kommt er dann über Käptn Nemo zurück zu den Habsburgern. "1438 bis 1806", sagt er, "immer Habsburger." Dann zählt er sie auf, im Schnelldurchlauf, verhaspelt sich, so viele Namen, sind alle in seinem Kopf. Nur die Sprache kommt nicht mit. Bei den letzten Bissen ist Zweiter Weltkrieg. Bei Hitlers Tod ist der Teller leer. Den Rest erledigt er im Hinausgehen: "Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt, Schmidt, Kohl, Schröder, Merkel. Stimmt doch, Dad?" Dad nickt.

So ist das, wenn man mit Kim Peek unterwegs ist. Es ist großartig.

Im Auto geht es weiter. Kim Peek macht das Radio an, Klassik, volle Lautstärke, dann singt er mit. Er singt immer mit, weil er jedes Lied kennt, das er einmal gehört hat. Jede Note. In Konzerte kann man ihn deshalb schon lange nicht mehr mitnehmen. In Shakespeare-Aufführungen auch nicht. Ein Fehler, und er sprengt die Vorstellung. Es gibt Menschen, die ihn Kimputer nennen, weil er die Daten irgendwo in seinem Kopf speichert in endloser Zahl. Jederzeit abrufbar. Aber wenn Kim Peek nach Hause kommt, putzt ihm sein Vater die Zähne.

So ist das, wenn man nicht vergessen kann; wenn es keine Löschtaste und keinen Filter gibt; wenn man, wie es der australische Hirnforscher Allan Snyder sagt, "einen privilegierten Zugang zu den tieferen Schichten des Gehirns hat". Wenn die normalerweise wenig genutzte rechte Hirnhälfte wie besessen arbeitet, weil die sonst immer dominante linke Hälfte ausgeschaltet wurde. Bei manchen durch einen angeborenen Fehler. Andere wurden durch einen Unfall genial. Es ist verwirrend.

Vor dem Fenster rauscht Salt Lake City vorbei, diese Stadt, in der Kim Peek jedes Haus kennt, jede Straßennummer, jeden Eigentümer, jeden Mieter. Weil er alle Adress- und Telefonbücher der Stadt gelesen hat. Alle, die es in der Bibliothek von Salt Lake City gibt. Gestern hat er stundenlang das Buch aus dem Jahr 1901 durchgearbeitet. Er hat es ganz nah an sein Gesicht gezogen und gelesen, die linken Seiten mit dem linken Auge, die rechten mit dem rechten. Kim Peek nennt das "scannen". Acht Seiten in 53 Sekunden. Vergessen wird er fast nichts davon.

Seit ein paar Jahren ist Kim Peek mit diesem "Telefonzeug" beschäftigt, wie es sein Vater nennt. Manche Namen schreibt Kim Peek auf, andere nicht. Er ordnet Menschen. Warum, weiß niemand. Aber er arbeitet an seinem Projekt wie ein Besessener, als hätte er einen geheimen Auftrag. Im Auto kommt das Wissen zum Einsatz: Dort, in Haus 5070, lebt das älteste Mitglied des Mormonenchors. Da drüben war einmal eine Wäscherei, dann ein Parkplatz, dann Dairy Queen, jetzt ein griechisches Restaurant. Kim Peek starrt seine Finger an. "Ich bin auf dem Sofa aufgewachsen. Ist es nicht so, Dad?" - "Ja, dein Kopf war so groß, dass dein Hals ihn nicht tragen konnte", sagt Fran Peek und schiebt seinem Sohn ein Pfefferminzbonbon in den Mund.

Am 11. November 1951 kam Kim Peek auf die Welt, mit einem Kopf, der ein Drittel größer war als der normaler Babys. Die Eltern haben es am Anfang gar nicht gemerkt, haben sich mehr Sorgen gemacht um die winzigen Nachbarkinder.

Und Kim lag da mit seinem Schädel, groß wie ein Medizinball.

Es ist ein Kopf, von dem die Wissenschaftler heute gar nicht genug bekommen können. Es gibt wohl kaum ein Gehirn, das öfter gescannt, durchleuchtet und getestet wurde als das von Kim Peek. Es wurde mit Röntgenstrahlen bearbeitet und bei der Kernspintomographie magnetischen Feldern ausgesetzt, ihm wurden für die Positronen-Emissions-Tomographie radioaktiv markierte Substanzen injiziert, an der Universität von Kalifornien wurde bei ihm mithilfe des Diffusion Tensor Imaging die Verteilung von Wasserstoffmolekülen und Nervenfaserverbindungen gemessen, und Forscher haben zugeschaut, welche Neuronen bei ihm bei welchen Gedanken aktiv sind. Kim Peeks Gehirn ist weltweit millimeterscheibchenweise und dreidimensional abrufbar. Es gibt viele, die sein Hirn kennen, aber durchschaut hat ihn trotzdem noch niemand. Man hat nur einen Namen für Menschen wie Kim Peek - Savants, die Wissenden, die Inselbegabten.

Wer zu Darold Treffert in den Keller seines Hauses in Wisconsin geht, kann sich die Gehirne sehr vieler Savants ansehen. Der Psychologe gilt als einer der bedeutendsten Savant-Forscher der Welt. Während er in Kisten und Papierstößen nach den Unterlagen zu Kim Peek sucht, sagt er: "Solange wir das Savant-Syndrom nicht erklären können, können wir uns selbst nicht erklären."

Natürlich sei man vorangekommen, seit der Arzt Benjamin Rush 1789 erstmals die unerklärlichen Fähigkeiten des Thomas Fuller beschrieb, sagt Treffert. Fuller, der mit Mühe zählen konnte, antwortete einst auf die Frage, wie viele Sekunden ein Mann gelebt habe, der 70 Jahre, 17 Tage und 12 Stunden alt sei, nach nur eineinhalb Minuten mit: 2210500800. Es dauerte dann noch einmal fast 100 Jahre, bis der Arzt John Langdon-Down den Begriff "idiots-savants" einführte, weil er einen Patienten beobachtet hatte mit dem sehr niedrigen IQ von 25, der Edward Gibbons Buch "Verfall und Untergang des römischen Imperiums" nach einmaligem Lesen auswendig konnte. Alles lange her. Der Begriff Idiot wurde verworfen und man weiß mittlerweile, dass es auch Savants mit sehr viel höherem IQ gibt. Man weiß auch, dass jeder zehnte Autist ein Savant ist und dass sechs von sieben Savants Männer sind.

Sie sind vorangekommen, aber letztlich stehen sie noch immer vor einem Rätsel.

Seit mehr als 40 Jahren beschäftigt sich Treffert mit Savants, er hat Männer untersucht, die aus der Ferne einen Turm anschauen und sagen, wie hoch er ist, auf den Zentimeter genau. Er hat so viel Unerklärliches gesehen, dass er eigentlich alles glaubt. Treffert hält Kims Gehirnscan hoch, schaut ihn an wie ein Kunstwerk und sagt: "Die Menschen sehen Savants, staunen und vergessen sie wieder. Aber wir können sie nicht einfach da draußen rumfliegen lassen wie Ufos. Wir müssen versuchen, sie zu verstehen. Kein Modell über Gehirnfunktionen ist komplett, bevor es nicht Kim mit einbezieht."

Was ist also los im Gehirn von Kim Peek? Wie kann es sein, dass ein Baby, das sich nicht bewegen konnte und aus dessen rechtem Hinterkopf eine gigantisch große Blase herauswucherte, plötzlich Bücher aus dem Regal zog und anfing, alles auswendig zu lernen? Namen, Jahreszahlen, das komplette Fernsehprogramm, alle Telefonvorwahlen der USA, das gesamte Straßennetz. Die Ärzte gaben Kim 14 Jahre, ein so schwer behindertes Kind mache es nicht länger, sagten sie und rieten, ihn in ein Heim zu geben.

Kim Peek ist jetzt 54 Jahre alt. Und er ist immer noch da.

Und er ist berühmt. "Er ist der Gigant unter den Savants, ein Mega-Savant", sagt Treffert. Kim Peeks Fähigkeit ist Wissen. In 15 Bereichen. Jedes Buch, das er gelesen hat, merkt er sich, jedes Musikstück, das er einmal gehört hat, kennt er für immer, jedes Bild, das er gesehen hat, jedes Zitat, das er gehört hat. Einen wie Kim habe es in den letzten 120 Jahren so nicht gegeben, sagt Darold Treffert.

Er muss es wissen, er kennt sie alle. Viele sind es ohnehin nicht. Treffert sagt, es gibt 100 weltweit. 100 so genannte Prodigious Savants. Savants, die nicht nur die Busfahrpläne eines Bundeslands auswendig lernen oder die Fußballtabellen herunterrattern. Wer in Darold Trefferts Keller aufgenommen werden will, muss mehr können. Er muss wie der blinde und geistig behinderte Leslie Lemke mit 14 Jahren mitten in der Nacht hinuntergehen zum Klavier und Tschaikowskys Pianokonzert Nummer eins perfekt spielen. Ohne jemals Klavierunterricht gehabt zu haben. Einfach so, weil das Stück im Fernseher als Hintergrundmusik lief.

Oder er muss sich wie Matt Savage mit sechs über Nacht selbst das Klavierspielen beibringen, mit sieben Jazz komponieren, und zwar so gut, dass Jazzlegenden wie Chick Chorea von einem Jahrhunderttalent sprechen. Matt, der Autist, den die eigene Mutter nicht berühren durfte.

Oder er muss wie Stephen Wiltshire nach einem 45-Minuten-Flug über Rom die Stadt nachzeichnen, aus dem Gedächtnis, über eine Papierbahn von fünf Metern Länge, und dabei jedes Haus, jedes Fenster, jeden Torbogen richtig erinnern. Stephen, der erst mit fünf sein erstes Wort sprach.

Oder er muss wie der autistische Alonzo Clemons schon als kleines Kind perfekte Tierskulpturen formen. Wundersame Gebilde, die er mit denselben Händen bastelt, die nicht dazu fähig sind, Essen in seinen Mund zu schieben oder seine Schuhe zu binden.

Oder er muss wie der vor kurzem verstorbene Schotte Richard Wawro detailgenau Szenen nachmalen, die er ein paar Sekunden gesehen hat. Er, der als Kind stundenlang nur im Kreis lief und auf dem Klavier immer und immer wieder eine einzige Taste anschlug.

Darold Treffert sieht das so: Man habe fast alles, was man über gesunde Körper wisse, durch Krankheiten gelernt. Und so werde man auch mehr über das gesunde Gehirn lernen, wenn man anormale Gehirne verstehe. Savants wissen Dinge, die sie nie gelernt haben. Woher? Und was für ein Potenzial steckt dann in uns allen? Wie können wir es an die Oberfläche bringen, ohne einen Herzinfarkt zu bekommen oder einen Schlag an den Kopf wie Orlando Serrell, der zehn Jahre alt war, als er von einem Baseball getroffen wurde. Seitdem erinnert er sich an jedes Detail, an jeden Tag in seinem Leben. An jeden Cheeseburger und jeden Regenschauer.

Darold Treffert dachte immer, dass es Zeit braucht, bis ein Defizit in der linken Hirnhälfte von der rechten kompensiert werden kann. "Aber die Plötzlichkeit, mit der es bei Serrell hochkam, bedeutet, dass es schon da ist, das muss nicht erst entwickelt werden. Es ist nur eine Art Entkommen aus der dominanten, linken Hemisphäre."

So ähnlich hat es sich auch der Hirnforscher Allan Snyder gedacht. Dann hat er bei mehreren Versuchspersonen an der Universität von Sydney mit einer Magnetspule Teile ihres Gehirns gelähmt. Vorübergehend und unblutig, seine Methoden sind trotzdem einigermaßen umstritten.

Mit seinen Versuchen will Snyder beweisen, dass er Menschen künstlich kreativ machen kann. Er will ihnen neue Tore öffnen, indem er Teile ihrer Gehirne abstellt. Die Fähigkeiten der Savants seien bei uns allen da, sagt Snyder, nur komme man nicht dran, weil die dominante linke Hirnhälfte uns die Welt durch Vorwissen ordne und viele nebensächliche Details herausfiltere. "Im täglichen Leben fahren wir damit ganz gut, aber wir tun so viel unbewusst. Manchmal frage ich mich, wer ist eigentlich der Chef in unserem Kopf?"

Und tatsächlich erkennen die von Snyder temporär hirnverletzten Personen jeden kleinen Schreibfehler, Dinge, die sie vorher übersehen haben, weil ihre linke Hirnhälfte sie ausgeblendet hat. Sie malen plötzlich Hunde dreidimensional und proportional richtig, nicht die unbeholfenen Strichfiguren, die sie davor hingekritzelt haben. Ein Beweis ist das noch nicht. Aber ein Ansatz.

"Irgendwann werden wir Kappen tragen, die uns die Fähigkeiten von Kim geben. Wir haben keinen Zugang zu den Hinterräumen unseres Gehirns, weil wir nur sehen, was wir kennen. Weil es im normalen Leben nicht von Vorteil ist, jedes Detail wahrzunehmen. Kim Peek sieht alles. Er ist hundert Prozent Detail", sagt Snyder.

Also schaut man es sich an, Kim Peeks Gehirn. In der Mitte ist nichts, nur erschreckende Leere. Es fehlt das Corpus callosum, die Verbindungsfasern zwischen den Hirnhälften. Und dahinter hängt das Cerebellum im schwarzen Raum, klein und verschrumpelt. Es fehlen also ganz entscheidende Teile im Kopf von Kim Peek.

Ihn stört das nicht. Er hat trotzdem gerade einen großen Auftritt.

Kim Peek steht jetzt in der Brigham Young Universität in Provo, Utah, Saal 111, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Vor ihm sitzen mehr als hundert Studenten, die Fragen stellen. Sie rufen ihre Geburtstage in den Saal. 9. August 1974. Kim Peek sagt: "Freitag. Dieses Jahr ist es ein Mittwoch. Und dein letzter Arbeitstag wird 2039 ein Dienstag sein." Ungläubiges Geraune. So geht das stundenlang. Die Studenten fragen nach Postleitzahlen in Wyoming, nach Straßenverbindungen in Texas, nach empfangbaren Fernsehkanälen in Alabama, nach den Geburtsdaten der amerikanischen Präsidenten, nach Shakespeare-Zitaten, Spaceshuttle-Flügen und nach Opern-Erstaufführungen.

Kim antwortet: schnell, emotionslos, korrekt. Manchmal stößt er Schreie aus. Manchmal schlägt er sich an den Kopf oder er setzt sich zu seiner Cousine in der ersten Reihe und umarmt sie. Bis eine neue Frage kommt. "Warum bist du nicht getauft worden?", fragt ein Mädchen. "Weil mir niemand das Schwimmen beigebracht hat", sagt er. Tosender Applaus. Kim gähnt.

So ist das mit Kim Peek. Er macht Witze über die Mormonen und ihre Tradition, Menschen bei der Taufe unterzutauchen, mitten im Land der Mormonen, in einer Universität, die im Besitz der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist, auf einem Campus, an dem sie vor und nach jeder Stunde ein Gebet sprechen. Nach Zufall sieht das nicht aus. Kim Peek hat noch überall gesagt, was er dachte. Als ihn einmal einer der hohen Priester der Mormonen fragte, ob er das heilige Buch Mormon gelesen habe, sagte er: "Nein, ich lese keine Fiktion." Und als er in Hollywood Dustin Hoffman traf, weil der den Menschen sehen wollte, nach dem die Hauptfigur des Films "Rain Man" geschaffen wurde, sagte Kim Peek ihm, dass sie hier ein paar wirklich gute Filme gemacht hätten. Aber auch ein paar wirklich schlechte.

Das hat er gesagt und das ist es, was Darold Treffert so erstaunt. Kim Peek verändert sich. Am Anfang waren es nur soziale Umgangsformen. Er ist ein anderer Mensch seit "Rain Man", er schaut den Menschen jetzt in die Augen, wenn er mit ihnen spricht, umarmt Wildfremde, wenn er mit seinem Vater durchs Land tourt. Aber Kim Peek verändert sich auch im Kopf. Früher sei er wie eine Enzyklopädie gewesen, wenn man etwas herausfinden wollte, konnte man bei ihm nachschlagen, sagt Treffert und legt eine DVD in den Computer. Aber Kim werde immer kreativer. "Jetzt ist er wie Google, er stellt selber Bezüge her", sagt Treffert. Hinter ihm baut sich das Gesicht von Kim Peek auf dem Bildschirm auf, braune, viereckige Brille - und ein Kopf wie ein Medizinball.

Darold Treffert lacht, als er ihn sieht. Neben dem Computer steht ein Kalender mit den bunten Bildern des elfjährigen Zeichen-Savants Ping Lian Yeak aus Malaysia, daneben Wolkenkratzer von Stephen Wiltshire, den sie die "lebende Kamera" nennen und dessen Schwester sagt, er sei wie ein Videorekorder. Wenn er wolle, spule er das Band einfach zurück. Dann malt er plötzlich und wie von einer fremden Macht getrieben Dinge auf, etwa das Opera House in Sydney, schnell und genau, jede Treppenstufe so, wie er sie auf dem Poster gesehen hat, an dem er gestern vorbeigegangen ist. Neben Wiltshires Wolkenkratzern stehen Pferde von Alonzo Clemons, den sie in ein Heim steckten und den Lehm wegnahmen, damit er lerne, sich die Schuhe zu binden. Er hat sich dann den Kitt aus den Fensterrahmen herausgekratzt, weil er es nicht sein lassen kann.

So ist das. Stephen Wiltshire muss malen. Alonzo Clemons muss formen. Und Kim Peek muss wissen. Darold Treffert sagt, als sie Alonzo den Lehm wegnahmen, sei dies ein Desaster gewesen. "Trainiert das Talent, das ist meine Meinung. Wenn sie ihr Talent benutzen, werden sie sozialer und weniger isoliert und ihre Sprache wird besser. Es ist die beste Art, sie im Leben zu halten."

So hält auch Fran Peek seinen Sohn im Leben. Vor mehr als zwei Millionen Menschen ist er mittlerweile aufgetreten. Es gibt nur zwei Regeln: Sie nehmen kein Geld. Und wenn Kim nicht mehr will, hören sie auf. Aber Kim will. Irgendwo muss es ja hin, das Wissen, das er abgespeichert hat, 12.000 Bücher. Manchmal sitzt Fran vor seinem Sohn wie vor einem fremden Wesen: "Hey, was für eine Spezies bist du eigentlich, Kim?"

"Ich bin ein guter Mann", sagt Kim Peek. "Ich glaube, er ist die nächste Dimension", sagt der Vater und fährt weiter mit ihm durch diese Stadt, von der nie wieder ein Mensch so viel wissen wird wie Kim Peek.

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