Selbsteinschätzung Männer halten sich für schlauer als gleich schlaue Frauen

Sie haben gleich gute Noten - trotzdem trauen sich Studentinnen einer US-Universität weniger zu als ihre männlichen Kollegen. Mangelndes Selbstbewusstsein beobachten Psychologen auch bei Schülerinnen.
Studenten im Biologiekurs an der Arizona State University

Studenten im Biologiekurs an der Arizona State University

Foto: EurekAlert/ Sandra Leander/ ASU

Ein Unternehmen will einen Führungsjob neu besetzen. Die Stelle ist offen ausgeschrieben, alle Mitarbeiter sind aufgefordert, sich zu bewerben. Doch in der Personalabteilung landen schließlich nur Schreiben von Männern, weil Frauen sich den Job dann doch nicht zutrauen, obwohl sie genauso qualifiziert sind.

Eine Studie der Arizona State University zeigt, dass oft bereits jungen Studentinnen das Selbstbewusstsein fehlt, über das ihre männlichen Kollegen offenbar verfügen. Frauen stuften ihre eigene Intelligenz nämlich im Durchschnitt niedriger ein als Männer, selbst wenn es zwischen den Befragten objektiv gar keinen Unterschied gab.

Katelyn Cooper und ihre Kolleginnen hatten 202 Studienanfänger im Fach Biologie befragt, für wie schlau sie sich im Vergleich zu den übrigen Teilnehmern ihres Unikurses einstufen würden. Zum Zeitpunkt der Befragung hatten die Studenten noch keine Tests geschrieben und hatten deshalb auch keine konkreten Anhaltspunkte über den Leistungstand ihres Kurses und ihrer Mitstudenten.

"Angst, für dumm gehalten zu werden"

Frauen hätten ihre Intelligenz niedriger geschätzt als Männer, berichten die Wissenschaftlerinnen im Fachblatt "Advances in Physiology Education" . Dies gelte selbst dann, wenn man Männer und Frauen miteinander vergleiche, deren Notendurchschnitt gleich gewesen sei. Die Forscherinnen nutzten dabei den sogenannten Grade Point Average (GPA), der aus Noten an der High School, aber auch an Universitäten berechnet wird.

Wenn man Männer und Frauen mit einem GPA von 3,3 befragt habe, hätten die Männer erklärt, sie seien schlauer als 66 Prozent der Mitstudenten aus dem Kurs. Frauen gaben nur einen Wert von 54 Prozent an.

Die Forscherinnen wollten auch wissen, wie die Studenten sich selbst im Vergleich zu den Mitstudenten sehen, mit denen sie im Kurs besonders eng zusammenarbeiten. Mit 3,2 mal so großer Wahrscheinlichkeit als Frauen erklärten Männer dann, sie hielten sich für intelligenter als ihre Mitstudenten.

"Immer wieder hatte ich von Studentinnen gehört, sie hätten Angst, für dumm gehalten zu werden", berichtet Cooper. Von männlichen Studenten sei ihr so etwas noch nie zu Ohren gekommen. Daher habe sie beschlossen, das Phänomen genauer zu untersuchen.

Sind vorherrschende Rollenbilder schuld?

Die Ergebnisse der Arizona State University sind keine Überraschung. Frühere Studien  hatten gezeigt, dass bereits Schülerinnen sich in Fächern wie Mathematik, Physik und Chemie weniger zutrauen  als männliche Schüler, obwohl sie bei Tests gleich gute Ergebnisse erzielen.

Warum Frauen sich weniger zutrauen als Männer - dazu liefert die neue Studie keine Angaben. Autorin Cooper sagte nur, es handle sich um ein Problem, dass nicht so einfach zu lösen sei. "Es ist eine Haltung, die wahrscheinlich schon sehr früh unter Schülerinnen und Studentinnen verbreitet ist."

Stephanie Ekrod, die als Coach gezielt auch Wissenschaftlerinnen berät, erklärt das Phänomen mit vorherrschenden Rollenbildern. Unbewusst würden Männer und Frauen ihr Verhalten daran ausrichten, um nicht dem anderen Geschlecht zugeordnet zu werden. "Frauen empfinden es als negativ, wenn ihr Verhalten als zu männlich wahrgenommen wird", erklärt Ekrod, "und Männer vermeiden unbewusst, als zu weiblich empfunden zu werden".

Jungs suchen Wettbewerb, Mädchen meiden ihn

Das Rollenstereotyp für Männer sehe vor, dass sie wettbewerbs- und durchsetzungsstark seien. Frauen sollten hingegen team- und harmonieorientiert handeln. "Deshalb vermeiden es Frauen unbewusst, ihre Stärke herauszustellen, weil es die Harmonie stören könnte", erklärt Ekrod. Das würde vielfach dazu führen, dass Frauen ihre eigenen Stärken nicht mehr so genau kennen.

Psychologen beobachten schon im Kindesalter teils deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Während Jungen das Leben eher als ständigen Wettstreit interpretieren, agieren Mädchen zurückhaltender und achten eher darauf, die Harmonie nicht zu stören. Wie sehr diese Unterschiede von genetischen und soziologischen Ursachen beeinflusst werden, darüber debattieren Wissenschaftler schon länger.