Internationale Studie New York ist Kokain-Welthauptstadt

Deutsche Forscher haben erstmals Daten zu den Dunkelziffern des globalen Kokain-Konsums vorgelegt. In Flüssen forschten sie Koks-Rückständen nach - und fanden allein im New Yorker Hudson River Spuren von 16,4 Tonnen der Droge. Fazit: Die offiziellen Schätzungen sind weltweit viel zu niedrig.

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Vor einem Jahr hat eine von SPIEGEL ONLINE initiierte Studie Schlagzeilen gemacht. Experten hatten in deutschen Flüssen nach einer Substanz gesucht, die der menschliche Körper beim Konsum von Kokain produziert - und reiche Beute gemacht. Hochrechnungen ergaben unter anderem, dass allein die Menschen im Einzugsgebiet des Rheins bei Düsseldorf rund 11 Tonnen Kokain pro Jahr konsumieren. Der Straßenwert der Droge: rund 1,64 Milliarden Euro.

Kokain-Schnupfer: Flusswasser kann Rauschgiftkonsum verraten
AP

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Jetzt haben die Fachleute des Nürnberger Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) ihre Methode auf das europäische Ausland und die USA ausgeweitet. Das Ergebnis ist ähnlich alarmierend wie 2005: Die offiziellen Zahlen zum Kokainkonsum, die vor allem auf Umfragen und Polizeistatistiken beruhen, liegen offensichtlich zu niedrig.

Beispiel New York: Die Teams des IBMP analysierten das Wasser des Hudson River auf Abbauprodukte und schätzen nach ihren Funden nun, dass in der Stadt jährlich 16,4 Tonnen Kokain konsumiert werden. Eine enorme Zahl, die Fragen aufwirft.

m Einzugsgebiet der Messstelle des IBMP-Teams leben etwa 3,4 Millionen Menschen zwischen 15 und 65 Jahren. Der "World Drug Report" der Uno schätzt, dass in den USA 2,8 Prozent dieser Altersgruppe mindestens einmal im Jahr Kokain konsumieren. Bei 3,4 Millionen Anwohnern ergibt das 95.000 Konsumenten am Hudson River. 16,4 Tonnen Kokain verteilt auf 95.000 Menschen - das macht einen Pro-Kopf-Verbrauch von 172 Gramm pro Jahr.

Starke Schwankungen

Die Zahlen im "World Drug Report" sind deutlich niedriger. Ihnen zufolge konsumiert ein Durchschnittskokser im Jahr 35 Gramm reines Kokain. Das sind zwar Schätzungen für Mittel- und Westeuropa, aber die Nachfrage in den USA dürfte sich davon nicht derart drastisch unterscheiden. Die IBMP-Ergebnisse legen damit nahe: Die offiziellen Daten sind um ein Vielfaches zu niedrig. Entweder gibt es mehr Kokser, als es die offiziellen Statistiken ausweisen, oder die Kokser konsumieren wesentlich mehr von ihrer Droge als bekannt.

IBMP-Direktor Fritz Sörgel leitet aus den Messungen an den weltweit 50 Testellen mehrere weitere Erkenntnisse ab:

  • Die gute Nachricht für Deutschland: Hierzulande scheint seinen Daten zufolge der Kokainkonsum zu stagnieren.
  • New York sei weiter die "Kokainhauptstadt" der Welt. In der Metropole werde geradezu verschwenderisch mit Kokain umgegangen. Nirgendwo hätten seine Mitarbeiter derart viel reines Kokain gefunden wie im Hudson River.
  • Europa holt allerdings beim Kokain-Konsum rasant auf - angeführt von Spanien. Nach den USA könnten bald auch die Kokain-Märkte in Spanien, Großbritannien und Italien gesättigt sein. Das verstärke möglicherweise den Zustrom von immer billigerem Kokain nach Deutschland.

Im Detail schwanken die Zahlen von Stadt zu Stadt. Im Potomac, der durch Washington fließt, fanden die IBMP-Chemiker die Spuren eines jährlichen Pro-Kopf-Konsums von 73 Gramm Kokain. In der San Francisco Bay waren es rund 40 Gramm.

Auch in Europa stellten die Forscher einen hohen Kokainkonsum fest - und ebenfalls stark schwankende Messwerte. In Deutschland konsumiert aktuellen Zahlen der EU zufolge rund ein Prozent der 18- bis 59-Jährigen mindestens einmal im Jahr Kokain. Das würde auf Basis der IBMP-Messungen bedeuten, dass ein Durchschnittskokser in Nürnberg sechs Gramm pro Jahr verbraucht, einer in Mannheim dagegen knapp 55 Gramm. IBMP-Direktor Fritz Sörgel erklärt die erheblichen Unterschiede so:

  • Erstens wurde an unterschiedlichen Jahres-Wochentagen und zu verschiedenen Tageszeiten gemessen.
  • Zweitens erfolgten die Messungen nicht immer in gleicher Entfernung zum Klärwerk. Die Forscher haben die Proben nicht direkt in den Klärwerken genommen, wo das Kokain-Abbauprodukt Benzoylecgonin geschätzt zu 80 Prozent abgebaut wird, sondern erst nach der Einleitung in den Fluss. Je nach Abstand zum Einleitungspunkt ist das Wasser aus dem Klärwerk stärker oder weniger stark vom restlichen Flusswasser verdünnt.

Die Ergebnisse sind aber trotzdem stichhaltig, sagt Sörgel: "Durch die Vielzahl unserer Messungen zu unterschiedlichen Jahreswochen und Tageszeiten und in verschiedenen Abständen zu den Einleitungspunkten sollte sich ein zuverlässiges Gesamtbild ergeben." Außerdem hätten die Messwerte aus den USA, Deutschland, Spanien, Italien, Großbritannien, den Niederlanden, Österreich und der Tschechischen Republik in etwa die Länder-Rangfolge ergeben, die man schon aus den bisherigen Statistiken kenne.

"Nicht unerhebliche Unterschätzung der tatsächlichen Zahlen"

Sörgel nennt die Methode im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE "noch kein etabliertes wissenschaftliches Verfahren zur genauen Feststellung des nationalen Kokainkonsums". Doch versuche man, als ersten Schritt den bisherigen Erhebungen eine naturwissenschaftliche Methode zur Seite zu stellen.

Schon am morgigen Donnerstag ergibt sich die Gelegenheit zum Vergleich. Die europäische Drogenbehörde EMCDDA wird in Brüssel ihren aktuellen Jahresbericht vorstellen. Die bisher üblichen Schätzungen auf Basis von Umfragen haben eine entscheidende Schwäche: Weil Kokain eine illegale Droge ist, leugnen Kokser in freiwilligen Umfragen den Konsum oder reden ihn zumindest klein. So sieht es auch das Bundeskriminalamt im "Bundeslagebild Rauschgift 2004": Vor allem starke Drogenkonsumenten seien mit dieser Methode nur schwer erreichbar und zeigten "eine Tendenz zur Untertreibung". Bei Bevölkerungsumfragen müsse deshalb "mit einer nicht unerheblichen Unterschätzung der tatsächlichen Zahlen gerechnet werden".

Sprich: Die Dunkelziffer ist auf jeden Fall groß.



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