Internet-Archiv Frankreich stellt Ufo-Berichte ins Netz

Frankreichs Behörden öffnen ihr Ufo-Archiv: 6000 Zeugenaussagen und 3000 Polizeiberichte über rund 1600 Ufo-Sichtungen sind ab sofort im Internet verfügbar. Echte Aliens findet man unter ihnen wohl nicht, Verschwörungstheoriker aber dürften fette Beute machen.
Von Kim Rahir

Es war an einem Montagabend im November 1990. Monsieur L. fuhr mit seinem Auto über die Landstraße, als er plötzlich am Himmel fünf rosarote Lichtpunkte sah, von denen die unteren beiden blinkten. Sie überquerten die Landstraße in 100 Metern Höhe und bewegten sich etwa mit der Geschwindigkeit eines Propellerflugzeugs von West nach Ost. Dabei zogen sie eine 30 bis 40 Meter breite weiße, etwa 15 Zentimeter dicke Spur durch den Himmel.

So zumindest steht es im Protokoll der französischen Gendarmerie, das ab heute jedermann im Internet einsehen kann. Frankreichs Weltraum-Forschungszentrum CNES  stellt seine Ufo-Archive ins Internet - 6000 Zeugenaussagen und 3000 Polizeiberichte zu insgesamt 1600 Fällen, in denen ein "Phénomène aérospatial non identifié" (PAN) - so die französische Bezeichnung für unidentifizierte Flugobjekte - gesichtet wurde.

Rund 100.000 DIN-A-4-Seiten mussten die Mitarbeiter des CNES in eineinhalb Jahren mühseliger Kleinarbeit durchsehen und ordnen, ehe es zur Veröffentlichung kommen konnte. Für Ufo-Experten ist das eine Gratwanderung: Sie wollen auf keinen Fall in die Kontroverse gezogen werden, die seit Jahrzehnten zwischen überzeugten Ufologen, Verschwörungstheoretikern und Skeptikern tobt.

Weltweit einzigartige Transparenz

"Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst", versichert CNES-Sprecher Pierre Tréfouret bei der Vorstellung des Online-Archivs am Donnerstagmorgen in Paris. "Aber es ist nicht unsere Aufgabe, uns auf irgendwelche Polemiken einzulassen." Und so werden in Frankreich - wie nirgendwo sonst auf der Welt - alle Meldungen von ungewöhnlichen Himmelserscheinungen protokolliert, gesammelt, ausgewertet und ab sofort veröffentlicht.

In Großbritannien hatte das Verteidigungsministerium im Mai 2006 nach jahrelanger Geheimhaltung einen hochoffiziellen Ufo-Bericht veröffentlicht. Darin hieß es, von den zahlreichen angeblichen Ufos, die binnen 30 Jahren über Großbritannien gesichtet wurden, sei kein einziges eine echte fliegende Untertasse gewesen. Meistens habe es sich um "bunte Lichter, manchmal Formen" gehandelt.

Die Franzosen treffen keine so klare Aussage. Stattdessen veröffentlichen sie Fälle wie den aus dem Jahr 1979, bei dem ein Mann um fünf Uhr morgens zur Polizei kam und meldete, ein Freund sei von einem Ufo entführt worden. Ein Licht habe sich aus dem Himmel seinem Auto genähert und es eingeschlossen. Mit dem Licht sei auch das Auto verschwunden. Zehn Tage später sei der entführte Freund mitten auf einem Feld wieder aus einem Lichtball hervorgetreten. Die CNES-Experten entnahmen dem angeblich Entführten umgehend eine Blutprobe, die ergab, dass er sich keineswegs in einer Umgebung der Schwerelosigkeit aufgehalten hatte. Da die Zeugenaussagen widersprüchlich seien, werde das Ganze als Schwindel eingestuft, so das CNES.

Polizisten dokumentieren Ufo-Sichtungen

Grundsätzlich jedoch werden alle Berichte zunächst ernst genommen. "Es ist schließlich nicht leicht, zur Gendarmerie zu gehen, wenn man etwas gesehen hat", sagt Jacques Patenet, Leiter der für Ufos zuständigen Gruppe "Geipan" innerhalb des CNES. "Der Zeuge muss schon ausreichend beeindruckt oder sogar traumatisiert sein, um sich bei der Polizei zu melden."

An die zehn Mal im Jahr packt Patenet seine Sachen und fährt selbst zu den Orten, an denen Sichtungen gemeldet wurden. Unterstützt wird er dabei je nach Lage von Biologen, die Bodenproben entnehmen, oder Psychologen, wenn sich unter den Zeugen Kinder befinden. Die Zeiten der siebziger und achtziger Jahre, als solche Beobachtungen als Verrücktheiten abgetan wurden, seien vorbei, versichert Patenet. Die Gendarmerie schreibe pflichtbewusst Protokolle und sammle Fotos, Filme und Skizzen der Zeugen - die manchmal Raumschiffe mit zahlreichen Bullaugen darstellen.

Fliegendes Klopapier und Begegnungen der dritten Art: Wie Experten versuchen, Wahres und Verrücktes voneinander zu trennen

Mit den Zeugenaussagen sei es oft so eine Sache, erzählt Patenet - und spricht von einer Dame, die ein Flugobjekt mit einer fliegenden Rolle Klopapier verglich. Vier Einstufungen gibt es bei der Analyse von Ufo-Sichtungen: Stufe A ist eine klar identifizierte Ursache, bei Stufe B glauben die Experten zu wissen, wie es war, können es aber nicht beweisen. Stufe C bezeichnet die Fälle, bei denen es so wenige Informationen gibt, dass nicht wirklich nachgeforscht werden kann. Stufe D bringt Ufologen und Weltraumfans zum Träumen: Das sind die Fälle, die trotz einer großen Menge an Informationen und glaubhafter Zeugenaussagen unerklärlich bleiben.

Einige Dutzend ungeklärter Fälle mit physischen Hinweisen

Fälle der Stufe D werden voraussichtlich 20 bis 25 Prozent der im Internet veröffentlichten gesamten Sichtungen ausmachen, erläutert Patenet. Denn die Arbeit ist noch nicht abgeschlossen: 20 Jahre und damit 400 Fälle kommen am ersten Tag auf die CNES-Website, der Rest soll bis Ende des Jahrs vollständig erfasst sein. Jene Fälle unter denen der Stufe D aber, für die es physische Indizien gibt - etwa Spuren am Boden oder Radar-Aufzeichnungen - machen laut Patenet nur "ungefähr einige Dutzend" aus.

Die Fälle der Stufe D, finden die Experten vom CNES, sollten die Wissenschaft auf den Plan rufen. Denn das Zentrum sammelt, analysiert und archiviert zwar die Vorkommnisse, hat aber keinen Forschungsauftrag, der zu weiteren Erkenntnissen führen könnte. Sie wollten "die Aufmerksamkeit der Wissenschaft auf diese unerklärten Phänomene lenken, hinter denen sich möglicherweise echte wissenschaftliche Revolutionen verbergen", schrieb die "Geipan"-Gruppe in einer am Donnerstag veröffentlichten Mitteilung.

Patenet erinnert etwa an fliegende Objekte, die sich schneller als der Schall bewegten, ohne den berüchtigten Knall beim Durchbrechen der Schallmauer auszulösen. Oder die Begegnung der dritten Art, die zwei Kinder 1967 in Cussac in Zentralfrankreich erlebt haben sollen - zu einem Zeitpunkt, als diese Phänomene noch nicht vom CNES bearbeitet wurden. Übereinstimmende Zeugenaussagen und damals beobachtete physikalische Phänomene wie Schwefelgeruch oder Pfeifgeräusche konnten bis heute nicht überprüft werden.

Ob er angesichts solcher Fälle an Leben in anderen Welten glaubt, dazu will Patenet sich nicht festlegen. Er meint nur: "Wenn wir die einzigen unserer Art sind, dann sind wir eine gewaltige Anomalie."

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