Interview mit Franck Goddio "Ich bin ein Anti-Indiana Jones"

Franck Goddio ist einer der prominentesten Unterwasser-Archäologen der Welt - und eine Zielscheibe für beißende Kritik aus der Fachwelt. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt Goddio, was einen guten Forscher ausmacht - und warum seine akademischen Kritiker falsch liegen.


SPIEGEL ONLINE: Herr Goddio, auf Ihrer Internetseite lassen Sie sich als "der heute wahrscheinlich erfolgreichste Meeresarchäologe der Welt" bezeichnen. Manche Archäologen, die Ihre Arbeit bereits mehrfach kritisiert haben, dürften das anders sehen. Was unterscheidet Sie von anderen Wissenschaftlern?

Goddio: Man muss von seiner Arbeit fasziniert sein. Einige Archäologen glauben anscheinend, dass Wissenschaft langweilig sein muss. Wenn man von der Forschung nicht fasziniert ist, wenn man sie nur betreibt, weil man als Universitätsprofessor jeden Monat sein Gehalt bekommt, wenn man sie macht wie jeden anderen Job, dann ist das sehr schade. Das ist nicht die Archäologie, die mir vorschwebt.

SPIEGEL ONLINE: Was fasziniert Sie, wenn Ihnen ein wichtiger Fund gelingt - wie etwa die Kolossalstatuen, die derzeit ein zentraler Bestandteil Ihrer Ausstellung in Berlin sind?

Goddio: Wenn man eine solche Statue findet, sieht man zunächst nur ein unförmiges Objekt. Erst nach und nach wird einem klar, was man da vor sich hat. Ein Artefakt gewinnt an Wert, wenn es neues Wissen vermittelt. Wenn Statuen wie diese dann vollständig restauriert sind und auf diese Art präsentiert werden, ist das einfach herrlich. Aber zwischen diesem Moment und der Entdeckung lagen sechs Jahre - sechs Jahre der Arbeit, nicht des Wartens. Darüber sollten sich manche Archäologen klar sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben, dass nicht jeder Archäologe weiß, was vor einer Ausstellung wie dieser zu tun ist?

Goddio: Die Konservierung und die richtige Behandlung von Artefakten wird von Archäologen oft vernachlässigt. Wenn Sie meine Ausstellung besuchen, werden sie kein einziges Stück sehen, das nicht vollständig restauriert wurde. Ich bezweifle, dass jeder einen solchen Aufwand betreibt. Ich weiß, dass andere es nicht tun, wenn ich mir etwa die Lagerhäuser mancher Grabungsstätten ansehe, die der Leitung renommierter Archäologen unterstehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind seit 20 Jahren in der Unterwasserarchäologie aktiv - und noch immer äußern Akademiker beißende Kritik an Ihrer Arbeit. Manche nennen Sie einen Nicht-Wissenschaftler oder gar einen Amateur, dem es nicht erlaubt sein sollte, wichtige archäologische Ausgrabungen vorzunehmen.

Goddio: Wenn Kritik konstruktiv ist, akzeptiere ich sie. Wenn nicht, ignoriere ich sie. Sie ist eine Verschwendung von Zeit und Energie.

SPIEGEL ONLINE: Im Wissenschaftsmagazin "Science" haben zwei renommierte Forscher - der Brite Jon Adams und der Texaner George Bass - scharfe Kritik an einem Abkommen zwischen Ihnen und der Oxford University geübt, das Ihnen die Kontrolle über Ausgrabungen vor Alexandria gibt. Sie sagen, man solle die Archäologie den ausgebildeten Archäologen überlassen.

Goddio: Sie haben natürlich Recht. In meinem Team befinden sich einige der großartigsten Ägyptologen und Spezialisten für Töpferwaren, Münzen, Geologie und Sprachen. Das ist Teamarbeit, und ich bin nur ein Mitglied dieses Teams. Es ist nicht meine Aufgabe, alle Fundstücke selbst zu untersuchen oder ein Meister in allem zu sein. Ich bin wie der Dirigent eines Orchesters. Man verlangt nicht vom Dirigenten, die erste Geige oder das Piano zu spielen. Er soll dafür sorgen, dass jeder im Rhythmus bleibt und keine schiefen Töne spielt. Wenn ich die überragenden Denker um mich herum sehe, weiß ich genau, dass ich niemals ihr Expertenwissen erreichen werde. Viele dieser Leute haben ihr Leben einem einzigen Aspekt ihrer Forschungsarbeit gewidmet.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben also, dass Sie kein Spezialwissen oder einen Universitätsabschluss benötigen, um eine archäologische Grabung zu leiten?

Goddio: Ich habe 20 Jahre lang mit den besten Professoren der Welt zusammengearbeitet, darunter einige der vielleicht renommiertesten Archäologen und Ägyptologen aller Zeiten. Ich sehe nicht, warum ich in diesen 20 Jahren nicht mehr gelernt haben könnte als andere in sechs Jahren an der Universität. Ich würde diesen Leute vorschlagen, nicht allzu sicher zu sein, dass sie gut sind, nur weil sie an einer Universität waren. Das reicht nicht aus.

SPIEGEL ONLINE: Viele ihrer Projekte sind geradezu spektakulär. Einige Kritiker nennen Sie deshalb einen Abenteurer, andere gar den "Indiana Jones der Archäologie". Gefällt Ihnen das?

Goddio: Überhaupt nicht. Meine Aufgabe ist es, Abenteuer zu verhindern und das Unerwartete zu vermeiden. Ich wurde ausgebildet, zu organisieren und mich zu informieren, bevor ich ein Projekt beginne. Und auf genau diese Art funktioniert die Archäologie: Man denkt, bevor man handelt und versucht, im Zeitplan zu bleiben. Deshalb bin ich eher ein Anti-Indiana Jones.

Das Interview führte Markus Becker



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