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13. November 2010, 12:51 Uhr

Interview mit Gen-Pionier

"Verhaltensgenetik steckt in einer großen Krise"

Verrät die DNA, ob ein Mensch gewalttätig veranlagt ist? Wissenschaftler melden immer öfter spektakuläre Erkenntnisse über Gene. Doch die meisten sind wissenschaftlicher Unfug, sagt Jon Beckwith, einer der Gründerväter der modernen Gentechnik.

SPIEGEL ONLINE: Regelmäßig melden Forscher die Entdeckung immer neuer Gene, die angeblich erklären, warum Menschen depressiv, gewalttätig oder etwa unkonzentriert sind. Was ist davon zu halten?

Jon Beckwith: Diese Studien können Sie getrost vergessen, weil sich wieder und wieder gezeigt hat: Vereinzelte Ergebnisse lassen sich nicht replizieren. Die Verhaltensgenetik des Menschen steckt da in einer großen Krise.

SPIEGEL ONLINE: Aber viele der Studien stehen in angesehenen Fachzeitschriften. Das Magazin "Science" etwa hat sogar geschrieben, man könnte gewalttätige Menschen dereinst an ihren Genen erkennen.

Beckwith: Da ging es um das Gen "MAOA", das für den Stoffwechsel des Botenstoffs Serotonin im Gehirn eine Rolle spielt. Menschen, die in der Kindheit missbraucht wurden und zudem eine auffällige MAOA-Variante trugen, hatten einer Studie zufolge ein erhöhtes Risiko, antisoziales Verhalten zu zeigen. Aber inzwischen gibt es zehn Studien, die versucht haben, die Ergebnisse zu bestätigen. Die meisten konnten den Original-Befund nicht replizieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Wissenschaft korrigiert sich selbst. Was ist daran auszusetzen?

Beckwith: Das Problem ist, dass die Öffentlichkeit das Dementi zumeist gar nicht mitbekommt. Voreilige Behauptungen von Verhaltensgenetikern werden in vielen Fällen sogar Teil der Popkultur und tauchen in Schulbüchern auf. Kaum dass wir es merken, wird die öffentliche Meinung von falschen, längst überholten Ideen beeinflusst. Im Fall des MAOA-Gens ging die Diskussion so weit, dass Richter Genetiker fragten, ob die Genetik uns jetzt verrate, dass viele Kriminelle gar keinen freien Willen haben. Von einer Studie, die nur eine Familie untersuchte, wurden mögliche Einflüsse auf Gerichtsurteile abgeleitet - eine erstaunliche Karriere!

SPIEGEL ONLINE: Was folgt daraus?

Beckwith: Die Sprache der DNA ist zu einer sehr verbreiteten Sprache geworden, der Begriff DNA taucht in der Werbung auf, in TV-Shows. Die Vorstellung, die Gene bestimmten alles vor, der genetische Determinismus breitet sich leider allerorten aus.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 1969 als erster Biologe ein Gen aus einem Bakterium isoliert und damit die moderne Gentechnik mitbegründet. Warum warnen ausgerechnet Sie davor, die Macht der Gene zu überschätzen?

Beckwith: Nach der Isolierung des Gens haben wir in Boston sofort in einer Pressekonferenz verkündet, wir seien besorgt. Ich wusste damals noch gar nicht genau, warum ich besorgt war. Aber meine Bedenken haben dazu geführt, dass ich mir am meisten Sorgen mache über den genetischen Determinismus.

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie dagegen?

Beckwith: Am wichtigsten ist mir, Genetikern klarzumachen, dass ihre Arbeit soziale Aspekte mit sich bringt. Sie sollten sich diesen sozialen Fragen stellen und andere Forscher kritisieren, wenn es sein muss. Unsinnige Wissenschaft zu enttarnen, ist eine ehrenwerte Aufgabe.

Das Interview führte Jörg Blech

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