Interview mit HIV-Forscherin Johnston "Wir hoffen auf einen Aids-Impfstoff noch in diesem Jahrzehnt"

Weltweit sind fast 40 Millionen Menschen HIV-infiziert, insbesondere arme Länder stehen vor einer Katastrophe. SPIEGEL ONLINE sprach bei der Weltaidskonferenz in Bangkok mit Margaret Johnston, der ranghöchsten Impfstoff-Entwicklerin der USA, über die Chancen auf einen Schutz gegen die tödliche Immunschwäche.



SPIEGEL ONLINE:

Frau Johnston, wann wird es einen Aids-Impfstoff geben?

Johnston: Wir haben die Hoffung, dass ein zumindest teilweise wirksamer Impfstoff noch in diesem Jahrzehnt entdeckt wird. Die ersten Impfstoffe werden wahrscheinlich eine Infektion nicht vollkommen blockieren können. Sie werden aber das Immunsystem so weit stimulieren können, dass es das Virus länger in Schach hält und die Infizierten keine antiviralen Medikamente einnehmen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Was wird zuerst auf dem Markt sein: ein präventiver oder ein therapeutischer Impfstoff?

Johnston: Gute Frage. In mancher Beziehung sollte es einfacher sein, einen präventiven Impfstoff zu entwickeln. Einige der neueren Kandidaten verursachen eine so starke Immunantwort, dass sie sich bei Infizierten, deren Virusmenge durch antivirale Medikamente unter Kontrolle ist, als nützlich erweisen könnten. Diese Impfstoffe könnten möglicherweise das Immunsystem so stark stimulieren, dass es die Kontrolle der Infektion unterstützen kann. Ich habe jedoch große Zweifel, dass ein Impfstoff jemals in der Lage sein wird, das Virus im Körper zu eliminieren, also Aids zu heilen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Impfstoffkandidaten befinden sich aktuell in klinischen Versuchsreihen?

Johnston: Etwa zwei Dutzend sind in frühen klinischen Versuchsstadien und werden an nicht infizierten Menschen getestet. Ein weiteres Dutzend wird an Betroffenen getestet.

SPIEGEL ONLINE: Wie effektiv muss ein Impfstoff sein?

Johnston: Jede statistisch feststellbare Wirkung würde als ungeheurer Erfolg gepriesen. Ein präventiver Impfstoff würde als effektiv angesehen, wenn er die Probanden so weit vor HIV schützt, dass die Infektionsrate bedeutend niedriger ist als in der Kontrollgruppe mit Placebos. Inwieweit dann ein solcher präventiver Impfstoff einsetzbar sein wird, hängt sowohl vom Grad seiner Wirksamkeit ab als auch von der Dynamik der HIV-Epidemie in den einzelnen Zielgruppen. Konkret heißt das: Je höher die jährliche Wachstumsrate der Neuinfektionen in einer bestimmten Bevölkerung ist, desto größer wird der Nutzen selbst eines nur teilweise wirksamen Impfstoffs gemessen an der Zahl der verhinderten Infektionen sein.

SPIEGEL ONLINE: Was ist so kompliziert an der Entwicklung eines Aids-Impfstoffes?

Johnston: HIV ist genetisch vielfältiger als jedes andere Virus, gegen die in der Vergangenheit Impfstoffe entwickelt wurden. Diese Vielfalt macht es schwierig, ein Mittel zu finden, das alle Stränge des Virus kontrollieren kann. Das zweite Problem ist, dass HIV genau jene Zellen des Immunsystems zerstört, die ein Impfstoff stimulieren muss. Noch wichtiger ist jedoch die Tatsache, dass das Virus sich in den Zellen "verstecken" und seine Blaupause in dem Chromosom der Gastzelle hinterlassen kann. In diesem Zustand ist HIV für das Immunsystem unsichtbar und folglich nicht zu bekämpfen. Wenn solche latent infizierten Zellen aktiviert werden - was jederzeit möglich ist, da wir permanent gegen Bakterien und Viren ankämpfen - kann diese Zelle zu einer HIV-Fabrik werden. Leider gibt es keine Tiere, die auf diese Weise infiziert werden. Die Wirksamkeit eines Impfstoffes kann also nur an Menschen getestet werden, was eine Reihe von ethischen Fragen aufwirft.

SPIEGEL ONLINE: Was wird ein Impfstoff kosten?

Johnston: Darauf gibt es noch keine Antwort. Es gibt einfach zu viele unbekannte Größen. Wir wissen nicht, welcher Impfstoffkandidat letztlich erfolgreich sein wird. Wir wissen nicht, in welcher Dosis er verabreicht werden muss. Wir wissen nicht, wie viele Dosen benötigt werden. Auch über die Produktionskosten lässt sich noch nichts sagen, die natürlich bei einer Massenproduktion unter denen für die Herstellung des Versuchsmittels liegen können.

SPIEGEL ONLINE: Werden die zuständigen US-Behörden versuchen, Einfluss auf die Preisgestaltung zu nehmen?

Johnston: Die früheren Versuche, die Preise von Medikamenten zu beeinflussen, hat die Bereitschaft der Pharmaunternehmen zu einer Zusammenarbeit dramatisch sinken lassen. Es werden jedoch sicher Wege gefunden werden, um einen breiten Zugang zu einem Impfstoff zu gewährleisten. Organisationen wie die International Aids Vaccine Intitiative, der Global Vaccine Fund oder die Weltbank arbeiten intensiv daran, Lösungen zu finden, bevor ein sicherer und wirksamer Impfstoff auf dem Markt sein wird.

Das Interview führte Michael Lenz 

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