Interview mit Jane Goodall - Teil 3 "Einmal die Welt mit den Augen eines Schimpansen sehen"


SPIEGEL ONLINE:

Sie denken nicht daran, sich irgendwann wieder nach Gombe zurückzuziehen?

Goodall: Erst wenn alle Probleme in der Welt gelöst sind, werde ich zurückgehen. Mittlerweile schaue ich etwa dreimal im Jahr in Gombe vorbei. Dann bleibe ich höchstens zehn Tage, und das auch nur, wenn gerade eine Filmcrew dort ist und ich deshalb gebraucht werde.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie denn noch die Schimpansen dort?

"Darf ich mir etwas Magisches wünschen?" Jane Goodall träumt davon, einmal in die Haut eines Schimpansen zu schlüpfen
Dominik Baur

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Goodall: Die Älteren ja. Die Babys erkenne ich nur, wenn sie bei ihren Müttern sind. Dann sind da auch noch einige neue Schimpansen, die aus dem Norden zugewandert sind. Die meisten sieht man noch nicht einmal, wenn man nur für ein paar Tage dort ist.

SPIEGEL ONLINE: Und erinnern sich die älteren Schimpansen noch an Sie?

Goodall: Ja. Fifi beispielsweise schaut immer vorbei, wenn ich dort bin. Sie habe ich schon 1960 kennen gelernt. Da war sie ein Jahr alt. Fifi ist die einzige Schimpansin von damals, die noch lebt. Niemand weiß warum, aber sie merkt jedes Mal, wenn ich in Gombe bin. Dann kommt sie und setzt sich ein paar Meter von mir entfernt hin. Manchmal kann ich ihr in die Augen sehen. Dann weiß ich, dass uns einige gemeinsame Erinnerungen an diese früheren Zeiten verbinden.

SPIEGEL ONLINE: Was war der bewegendste Moment in ihrer Arbeit?

Goodall: Ein einzigartiger Augenblick war, als Flo zum ersten Mal ihr Junges zu mir ließ und mir so sehr vertraute, dass sie es zuließ, dass das Kleine mich berührte. Das war eine wilde Schimpansin, die so furchtsam war, dass ich über ein Jahr lang nicht einmal in ihre Nähe konnte. Und jetzt vertraute sie mir. Das war einfach unglaublich. Dieses kleine Ding so nahe. Aber der bedeutendste Moment von allen war wahrscheinlich, als mich David Greybeard als Erster der Schimpansen in seine Nähe ließ. Ich war damals gerade ein Jahr in Gombe. Ich folgte David Greybeard durch den Wald und dachte schon, ich hätte ihn verloren, als ich ihn vor mir sitzen sah. Neben ihm lag eine kleine rote Palmnuss. Schimpansen lieben diese Nüsse, deshalb nahm ich sie und bot sie ihm an. Ich hielt sie ihm hin, aber er drehte den Kopf weg. Als ich sie ihm noch dichter hinhielt, drehte er sich um und sah mir direkt in die Augen. Er nahm die Nuss, legte sie weg, nahm stattdessen meine Hand und drückte sie ganz sanft. Das ist bei Schimpansen eine beruhigende Geste. Sprache war da gar nicht nötig. Ich bot ihm ein Geschenk an, er verstand die Geste, wollte aber die Nuss nicht und beruhigte mich. So eine Beobachtung hätte sich damals wahrscheinlich kein männlicher Kollege zuzugeben getraut. Weil es völlig intuitiv war. Emotional. Alles Dinge, die man als Wissenschaftler nicht sein sollte.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas, was Sie auf jeden Fall noch erleben möchten?

"Erst wenn alle Probleme in der Welt gelöst sind, werde ich zurückgehen": Die junge Jane Goodall in Gombe
Hugo van Lawick

"Erst wenn alle Probleme in der Welt gelöst sind, werde ich zurückgehen": Die junge Jane Goodall in Gombe

Goodall: Darf ich mir etwas Magisches wünschen? Dann möchte ich ein einziges Mal in den Geist eines Schimpansen schlüpfen und für ein paar Minuten die Welt mit seinen Augen sehen. Das wäre das Faszinierendste für mich. Wenn es ein realistischer Wunsch sein muss, dann hätte es weniger etwas mit Schimpansen zu tun als mit Jugend. Ich würde gerne erleben, dass es unser Jugendprojekt "Roots and Shoots" in der ganzen Welt gibt. In diesem Programm geht es um Umwelt, Tiere und Menschen - darum, Samen zu sähen für weltweiten Frieden. Wenn wir untereinander keinen Frieden haben können, werden wir auch keinen Frieden mit der Natur finden. Es hängt alles miteinander zusammen. Gestern hatte ich meine kleinen Enkelkinder zu Besuch. Wenn ich daran denke, wie die Welt war, als ich so alt war, und mir ansehe, wie die Welt jetzt aussieht und wie viel wir kaputtgemacht haben, schäme ich mich sehr. Die einzige Hoffnung für unsere Zukunft sind unsere Kinder.

SPIEGEL ONLINE: An Zuversicht scheint es Ihnen nicht zu mangeln. Ihr jüngstes Buch heißt "Grund zur Hoffnung"? Woher dieser Optimismus?

Goodall: Ich baue auf das menschliche Hirn. Wir haben schon soviel geschafft, was unmöglich schien. Außerdem ist die Natur so unglaublich nachsichtig. Es gibt Gebiete, die waren absolut zerstört und sind heute wieder wunderschön. Vor allem macht mir die enorme Energie und der Enthusiasmus junger Leute Mut, dem ich auf meinen Reisen immer wieder begegne.


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