Interview mit Ulf Merbold "Die Raumstation darf nicht missbraucht werden"

Nach Einsätzen auf der "Mir" und im "Spacelab" rührt Ulf Merbold nun die Werbetrommel für die ISS. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über die wissenschaftliche Nutzung der Station, Abenteuerurlaub und die Grenzen des Kommerzes.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Merbold, früher Astronaut, heute "Utilisation Promotion Manager" für die Internationale Raumstation. Hört sich gut an, doch was steckt dahinter?

Ulf Merbold: Ich habe die Aufgabe übernommen, innerhalb der Esa und ihrer Mitgliedsländer für eines zu sorgen: dass die Raumstation nicht nur gebaut wird, sondern dass auch Geld für gute Experimente zur Verfügung steht.

SPIEGEL ONLINE: Klingt fast so, als ob das nicht unbedingt gewährleistet wäre.

Merbold: Das ist vor dem Hintergrund von Spacelab zu sehen, da hatten wir auch eine tolle Infrastruktur entwickelt. Doch dann hat die Esa von ihren Mitgliedsländern nicht genug Geld bekommen, um ein richtiges Nutzungsprogramm auf die Beine zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Und diese Gefahr besteht bei der ISS wieder?

Merbold: Heute sind die Dinge besser. Esa-Direktor Jörg Feustl-Büechl hat sich, ich glaube das war im Oktober 1997, von den Mitgliedsländer die Nutzung der ISS absegnen lassen. Im Prinzip steht uns damit jedenfalls für die Anlaufphase Geld zur Verfügung.

Arbeit im All: Ulf Merbold im "Spacelab"
NASA

Arbeit im All: Ulf Merbold im "Spacelab"

SPIEGEL ONLINE: Das Geld wird dann voll und ganz in die Forschung gesteckt?

Merbold: Wovon ich rede, das ist die Nutzung durch Wissenschaftler, die an Max-Planck-, Hochschulinstituten oder ähnlichen Einrichtungen forschen. Die müssen ihr Vorhaben in Form eines Proposals niederschrieben. Diese Vorschläge werden dann von unabhängigen Leuten, von den so genannten Peers, analysiert und bewertet.

SPIEGEL ONLINE: Und die besten Vorschläge dürfen ins All fliegen?

Merbold: Ja, und das alles ohne Kosten. Für den Flug, für die Energie, für die Astronautenarbeitsstunden gibt es keine Rechnung. Dafür wird den Leuten abverlangt, dass sie die Resultate in allgemein zugänglichen Wissenschaftsjournalen veröffentlichen.

SPIEGEL ONLINE: Für industrielle Nutzer kommt ein derartiger Peer-Review-Ansatz aber nicht in Betracht. Was dann?

Merbold: Die Esa hat jetzt erstmals Kosten für die kommerzielle Forschung genannt. Demnach kostet beispielsweise eine Schublade auf der Station für drei Monate rund 830.000 Euro. Das ist wohl noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Eine Firma, die dort oben Forschung und Entwicklung betreibt, sollte dafür bezahlen, aber die Resultate, den Zugewinn an Erkenntnis für sich selbst nutzen können.

SPIEGEL ONLINE: Daneben gibt es keine Kriterien?

Merbold: Zunächst muss natürlich auch das, was die Industrie ins All fliegen will, sicher sein. Es darf die Kabinenatmosphäre nicht durch giftige Dämpfe belasten, darf die Astronauten nicht gefährden. Ansonsten denke ich, werden wir wohl einen bestimmten Prozentsatz der Ressourcen, sagen wir einmal ein Drittel, für solche "Kunden" vorhalten. Dann geht es einfach danach, wer sich zuerst meldet.

SPIEGEL ONLINE: Nasa-Vertreter gehen noch einen Schritt weiter und sagen, die Industrie kann mit ihren Dollars über die Experimente auf der ISS abstimmen.

Merbold: Ein Prinzip nach dem Motto, wer am meisten bezahlen kann, kommt zum Zug, ist wohl nicht ganz das Richtige. Aber wie das im einzelnen laufen wird, ist noch nicht klar. Bis wir ein vernünftiges Protokoll finden, müssen noch einige Überlegungen angestellt werden. Mir scheint allerdings sehr wichtig, dass Regelungen gefunden werden, die für alle Partner verbindlich sind. Nicht dass die Russen zu anderen Bedingungen fliegen als die Esa.

SPIEGEL ONLINE: In puncto Weltraumtourismus und Werbung machen sie es ja bereits. Ein Kosmonaut musste vor kurzem vor laufenden Kameras Pizza essen. Blutet Ihnen als Raumfahrer und

Wissenschaftler da nicht das Herz?

Merbold: Also, ich lasse mich nicht so gerne in eine Verteidigungshaltung bringen, für Dinge, die die Esa überhaupt nicht zu verantworten hat.

SPIEGEL ONLINE: Soll das heißen, die Esa würde so etwas nicht machen?

Merbold: Zumindest kann ich mir das nicht so richtig vorstellen.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, wie Ulf Merbold zum Weltraumtourismus steht, wo die Grenzen des Kommerzes liegen und warum die Raumfahrt möglicherweise entwertet wird.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.