Interview zu Virenkrankheiten "Streichelzoos sind eine potenzielle Gefahr"

Wieder beschäftigt ein Virus aus dem Tierreich die Humanmediziner: In den USA sind womöglich über 50 Menschen an Affenpocken erkrankt. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Schweizer Virologen Christian Griot über den Artensprung und die Entstehung neuer Krankheiten durch den Tierhandel.
Von Vlad Georgescu

SPIEGEL ONLINE:

Herr Griot, in den USA ist es zum ersten Ausbruch von Affenpocken beim Menschen in der westlichen Hemisphäre gekommen. Bis Mittwoch bestätigten die Gesundheitsbehörden fünf Fälle, mindestens 48 Personen zeigten Symptome wie Fieberschübe und massive Hautausschläge. Bislang ist niemand an der Krankheit gestorben, doch nach einer anfänglichen Beschränkung auf den mittleren Westen gibt es nun auch Verdachtsfälle an der Ostküste. Kehren die als ausgerottet geltenden Pockenviren über die Hintertür wieder zum Menschen zurück?

Griot: Nein, das denke nicht. Die als Affenpocken bezeichneten Erreger - die im Übrigen nicht primär bei Affen, sondern vorwiegend bei Nagetieren in West- und Zentralafrika vorkommen - sind weitaus weniger infektiös als die humane Variante. Eine epidemieartige Ausbreitung von Mensch zu Mensch ist daher kaum zu befürchten.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem sind die US-Gesundheitsbehörden beunruhigt.

Griot: Was gut zu verstehen ist. Die Affenpockenwelle zeigt, dass sich unsere Beobachtungen bestätigen: Erreger, die ursprünglich nur bei Tieren vorkamen, schaffen den Sprung über die Artengrenze und gelangen so zum Menschen. 1994 forderte in Australien das Hendravirus die ersten Todesopfer, weil es aus einem Fledermaus-Reservoir über das Pferd zum Menschen gelangte. Seitdem gibt es für solche so genannten Zoonosen eine Menge Beispiele: Hanta, Nipah oder zuletzt Sars.

SPIEGEL ONLINE: Wie aber gelangen afrikanische Erreger in den Mittleren Westen der USA, wo sich der Ausbruch hauptsächlich abspielte?

Griot: Ein Blick ins Internet beantwortet Ihre Frage. Es gibt zahllose Händler, die Riesenmeerschweinchen und andere exotische Tiere aus Afrika verkaufen. Im aktuellen Fall haben offenbar Gambia-Riesenhamsterratten die Präriehunde in Texas infiziert und diese wiederum den Menschen, der die Tiere über den Handel kaufte.

SPIEGEL ONLINE: Exotische Streicheltiere sind nicht nur in den USA beliebt.

Griot: Das stimmt - es gibt sie auch in deutschen und Schweizer Zoos. Und welcher Zoodirektor kann wirklich überprüfen, ob seine Streichelwiese für Kinder nicht in Wirklichkeit ein Sammelbecken für unbekannte Erreger ist? So betrachtet sind Streichelzoos eine potenzielle Gefahr.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Terrorgruppen Tierexporte nutzen, um neuartige Erreger in die westliche Welt zu schleusen?

Griot: Der jetzige Ausbruch in den USA hat nichts mit Bioterrorismus zu tun. Gleichwohl zeigt das Beispiel, wie einfach Erreger aus fremden Regionen auf den Menschen überspringen. Um einen wirtschaftlichen Schaden anzurichten, müsste eine Terrorgruppe jedoch nicht gleich ein infiziertes Schaf auf die Weide stellen. Es würde genügen, infiziertes Material toter Tiere in die Produktionskette einzubringen. Die übertriebene Vorliebe vieler Menschen für exotische Tiere macht solche Attacken aber ohnehin überflüssig - wir schleppen uns die Erreger ja selber ein.

Das Interview führte Vlad Georgescu.

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