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"Agora": Fundamentalismus gegen Aufklärung

Foto: Tobis Film

Interview zum Film "Agora" "Hypatia wird zum Opfer des Christentums stilisiert"

Der Sandalenfilm "Agora" erzählt, wie die Hochkultur im antiken Alexandria von christlichen Fundamentalisten zerstört wird. Im Zentrum: der Mord an der Philosophin Hypatia. Im Interview erklärt Historikerin Maria Dzielska, wie die Denkerin zur erotischen Märtyrerin verklärt wurde.

SPIEGEL ONLINE: "Agora - die Säulen des Himmels" erzählt davon, wie eine hochentwickelte, wissenschaftlich-technische und aufgeklärte Gesellschaft Alexandrias von Fundamentalisten angegriffen wird - und zwar um das Jahr 400. War Alexandria damals wirklich so modern?

Dzielska: Alexandria hatte eine sehr lange Tradition der hochentwickelten wissenschaftlichen Forschung, schon seit der hellenistischen Zeit. Das verdankte die Stadt weitblickenden Herrschern des Ptolemäerreiches, die zu Beginn des 3. Jahrhunderts vor Christus die Große Bibliothek, das Museion und die Tochterblibliothek nahe des Großen Serapeions gründeten, das auch im Film eine zentrale Rolle einnimmt.

SPIEGEL ONLINE: "Agora" stellt den Mord an Hypatia als einen Anschlag religiöser Fanatiker auf die Werte der Wissenschaft und Vernunft dar. Ist Hypatia eine Märtyrerin der antiken Forschungsfreiheit?

Dzielska: Nein, die historischen Quellen legen nahe, dass Hypatias Tod eher ein politischer Mord und nicht religiös motiviert war. Das erkläre ich in meinem Buch "Hypatia" detailliert. Neben der Politik spielte auch Neid eine Rolle, weil Hypatia sehr einflussreich war. Der Mord war Teil eines größeren Konflikts zwischen rivalisierenden Gruppierungen innerhalb der christlichen Kirche, vor allem zwischen den kirchlichen Würdenträgern und der Gemeinde. Hypatia genoss ein hohes Ansehen und war verwickelt in einen Machtkampf zwischen Bischoff Cyril, dem gewählten Patriarchen von Alexandria und Orestes, dem kaiserlichen Präfekten. Dieser Machtkampf kochte zwischen 412 und 415 hoch. Es ging dabei aber nicht um die Vorherrschaft von Wissenschaft oder Religion, sondern einfach darum, wer das Sagen in der Stadt hat. Hypatia stellte sich auf die Seite der kirchlichen Laien.

SPIEGEL ONLINE: Ein eher banaler Vorgang, sollte man meinen.

Dzielska: Zunächst ja, aber der Konflikt eskalierte immer weiter. Es brachen Unruhen beim Plebs von Alexandria aus, es kam zu einer Reihe von Morden, zu Vandalismus, zu Kämpfen zwischen Juden und Christen und zwischen Mönchen und den Leibwachen des Präfekten und des Patriarchen. Diese Gewaltspirale führte schließlich auch zum Mord an Hypatia. Sie war zwar eine weithin anerkannte Philosophin. Aber ihr wurde zur Last gelegt, die Aussöhnung zwischen Präfekt und Patriarch zu verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Wer steckte hinter dem Mord an Hypatia?

Dzielska: Wahrscheinlich ein Alexandrinischer Mob, der durch die ganze Geschichte des römischen Imperiums dafür bekannt war, zu extremer Brutalität, Grausamkeit und plötzlichen gewalttätigen Ausschreitungen zu neigen.

SPIEGEL ONLINE: Im Film wird Hypatia von Rachel Weisz gespielt, als attraktive Frau, in die sich ihre eigenen Studenten verlieben. Wie alt war Hypatia, als sie ermordet wurde?

Dzielska: Sie war wohl eher eine ältere Frau um die 60 Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Aber im Film kommt Hypatia als blühende Schönheit mit erheblichem Sexappeal daher. Ihre Überhöhung als schuldlose, bezaubernde Märtyrerin für die Werte der Aufklärung hat eine lange Tradition. Wann fing diese Form der Legendenbildung an?

Dzielska: Die historische Hypatia stand dem Christentum gar nicht feindlich gegenüber, wie es viele Legenden behaupten. Sie hing der Vielgötterei an, aber vor allem, weil sie die antiken griechischen Kulturleistungen so schätzte. Ihre Nähe zur griechischen Antike war eher kulturell als religiös motiviert. Dennoch wurde sie später zur Märtyrerin stilisiert, zu einem Opfer des damals noch jungen Christentums. So zumindest stellten sie der Aufklärungsphilosoph Voltaire oder der Geschichtsschreiber Edward Gibbon dar.

SPIEGEL ONLINE: Wozu diente diese Geschichtsklitterung?

Dzielska: Diese Darstellung passte gut in die Ideologie der Aufklärung. Der Mord an Hypatia ließ sich einfach perfekt als Lehrstück darstellen, wie dogmatisch und unaufgeklärt die christliche Religion ist. Dahinter steckte die Absicht, die griechische Antike als Kontrastprogramm zu idealisieren - als wissenschaftlich und moralisch hochentwickelte Kultur.

SPIEGEL ONLINE: In den meisten dieser Aufklärungsmärchen wird Hypatia nicht nur deutlich jünger gemacht, als sie zum Zeitpunkt ihrer Ermordung wirklich war. Oft wird sie auch geradezu wie eine weibliche Jesusfigur dargestellt, die für so etwas wie eine Vorform der Aufklärung den Märtyrertod stirbt.

Dzielska: Ja, aber derlei Interpretationen einiger Historiker, Dichter und Filmemacher haben wenig mit der authentischen, historischen Hypatia zu tun. Auch der Film "Agora" nicht.

Das Interview führte Hilmar Schmundt
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