Interview zur SARS-Gefahr "Die eigentliche Katastrophe ist immer noch Aids"

Angesichts der täglich steigenden Zahl von SARS-Toten in China und Kanada warnt der Präsident des Robert-Koch-Instituts vor Panik in Deutschland. Die Seuche sei hierzulande bisher gut im Griff. Die weitere Entwicklung sei jedoch nicht vorhersehbar -

SPIEGEL ONLINE:

Immer höhere SARS-Opferzahlen und immer schärfere Sicherheitsmaßnahmen in China und Toronto. Befürchten Sie eine Eskalation auch in Deutschland?

Reinhard Kurth: Gar nicht. Man muss die Sache ernst nehmen, aber es besteht nach wie vor kein Grund zur Panik. Was die Öffentlichkeit verunsichert, ist die Angst vor dem Unbekannten, obwohl wir heute schon sehr viel mehr über SARS wissen, als noch vor wenigen Wochen. Wir wissen, wie wir darauf reagieren müssen.

SPIEGEL ONLINE: Im Ernstfall auch mit Straßensperren rund um Krankenhäuser, wie in China?

Kurth: Das hätte dort viel früher passieren müssen. Wichtig ist die Isolierung von Verdachtsfällen. Beispiele aus Hanoi, Singapur und Toronto zeigen, dass dabei die Quarantänisierung von ganzen Krankenhäusern sinnvoll sein kann, um Infektionsherde einzugrenzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schnell kann auch in Deutschland die Lage so bedrohlich werden?

Kurth: Wissenschaftler sind keine Propheten. Ausschließen kann man nichts, denn wir können alles nur vom heutigen Erkenntnisstand aus bewerten. Wir haben jedoch ein hoch entwickeltes, gut auf Infektionen wie SARS vorbereitetes Gesundheitssystem und wir haben ein öffentlich gewachsenes Problembewusstsein. Deshalb erwarte ich bei uns keine Verhältnisse wie in China.

SPIEGEL ONLINE: Beunruhigt Sie das nicht, dass SARS auch in Ländern wie Kanada ein so bedrohliches Ausmaß angenommen hat, obwohl es dort ein gut ausgebautes Gesundheitssystem gibt?

Kurth: Dort gab es aber eine Sondersituation, aus der wir viel lernen können. Toronto hat die größte "Chinatown" in Kanada. Als von dort die ersten Opfer ins Krankenhaus kamen, wurden die Leute nicht ausreichend quarantänisiert. Außerdem arbeitete das Personal anfangs nicht mit den geeigneten Schutzmaßnahmen. Und ein oder zwei der Patienten waren - was selten ist - so genannte Superspreader, die das Virus stärker als üblich weitergegeben haben. Diese Kombination hat zu diesem Ausbruch geführt - mit einer Mortalitätsrate von bis zu 10 Prozent der Infizierten, gegenüber drei bis fünf Prozent andernorts.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich durch die Chinesen inzwischen ausreichend informiert?

Kurth: Ich denke, sie bemühen sich.

SPIEGEL ONLINE: Verführt eine solche Krankheit aber nicht prinzipiell Regierungen dazu, ihrer Öffentlichkeit zunächst nur halbe Wahrheiten zu verkaufen, um Panik zu vermeiden?

Kurth: Das ist das Ungeschickteste, was gemacht werden kann. Das chinesische Beispiel zeigt, dass man einen solchen Ausbruch nur begrenzte Zeit unter der Decke halten kann, und hinterher kommt es umso schlimmer. Aufklären, vorsorgen und warnen - unbedingt ja. Angst hilft allerdings nicht weiter.

SPIEGEL ONLINE: Doch wie lange müssen wir mit der Angst vor dem SARS-Virus leben? Es heißt, Impfstoffe könnten frühestens in zwei bis fünf Jahren entwickelt werden.

Kurth: 1984 haben sich einige Wissenschaftler die Finger verbrannt, als sie einem Impfstoff gegen AIDS binnen zwei Jahren vorhersagten. Es gibt ihn bis heute nicht. Nach allem, was wir heute wissen, ist das SARS-Virus aber nicht so variabel wie HIV, deshalb gelingt es vielleicht tatsächlich in drei oder fünf Jahren. Für die aktuelle Situation kommt das aber zu spät. Es lässt sich jedoch nicht sagen, ob sich das Virus dauerhaft in der menschlichen Population festsetzen wird oder ob es bei geeigneten Quarantänemaßnahmen in der Bevölkerung wieder ausgerottet werden kann und künftig wieder dort bleibt, wo es herkam - im Tierreich.

SPIEGEL ONLINE: Wie wahrscheinlich ist das?

Kurth: Die Fachleute legen sich noch nicht fest, ich fürchte eher, dass es sich beim Menschen festsetzen und ein Krankheitserreger bleiben wird. Meine Hoffnung ist, dass sich das Virus jedoch bei der Übertragung von Mensch zu Mensch abschwächt.

SPIEGEL ONLINE: Sind sich die Forscher inzwischen einig, welche Infektionswege bestehen?

Kurth: Wir können dabei bleiben: Die Tröpfcheninfektion bildet den Hauptinfektionsweg, also direktes Anatmen und Anhusten. Allerdings kann es in Einzelfällen offenbar auch Nebenwege geben, wie Abwasserfäkalien und mangelnde Händedesinfektion.

SPIEGEL ONLINE: Und das Virus?

Kurth: Es ist eindeutig ein Coronarvirus. Coronaviren bilden eine große Virusfamilie, deren Mitglieder sowohl beim Menschen wie auch zahlreichen Tierarten Infektionen auslösen. Während Coronavirusinfektionen in der Tiermedizin große Bedeutung haben, waren sie beim Menschen bisher lediglich als Auslöser von Erkältungskrankheiten bekannt. 90 Prozent unserer Fünfjährigen haben Antikörper dagegen. Jetzt liegt aber etwas völlig Neues vor. Und es ist keine Kombination zwischen Tier- und Menschenvirus. Irgendwo muss ein anderes, unbekanntes Reservoir sein. Die WHO-Teams in China suchen deshalb intensiv nach dem Tier, das offensichtlich der natürliche Wirt dafür ist, aber bislang erfolglos.

SPIEGEL ONLINE: Andere Experten sprachen als Auslöser auch von sogenannten Paramyxoviren, zu denen auch der Masernerreger gehört?

Kurth: Es war tatsächlich so, dass man in ersten Proben auch solche Viren gefunden hat. In diesem Fall waren die Leute doppelt infiziert. Ob das den Verlauf der Erkrankung beeinflusst, wird derzeit noch untersucht.

Teil 2: Wie bereitet sich der Bund auf die Seuche vor?

SPIEGEL ONLINE: Welche neuen Erkenntnisse haben Sie über die Ausbreitung von SARS in Deutschland oder Europa?

Kurth: Es bewegt sich weiter auf relativ niedrigem Niveau. Deutschland zählt derzeit sieben wahrscheinliche Fälle, Frankreich fünf, und es gibt bislang keinen Todesfall in Europa.

SPIEGEL ONLINE: Gelten die deutschen Fälle als bedrohlich?

Kurth: Nur ein Patient ist noch in der Klinik, der Rest ist geheilt zu Hause. Daraus haben wir gelernt: wenn man drei Wochen überstanden hat, ist man gesund und offensichtlich gegen eine nochmalige Ansteckung immun. Weltweit gibt es bereits 2000 solcher geheilter Fälle, auch das darf man nicht vergessen.

SPIEGEL ONLINE: Wie bereitet sich der Bund auf eine Ausbreitung der Seuche vor?

Kurth: Wir beraten uns täglich mit WHO, Bund und Ländern und tragen alle neuen Erkenntnisse zusammen. Die nötigen Informationen gehen sofort an die Länder, vieles wird auch auf den Internetseiten des Robert Koch-Instituts bereitgestellt. Die Zugriffe sind enorm, unsere Telefonhotline, eigentlich für Fachleute gedacht, ist überlastet.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie Bundesbürgern? Vorsorglichen Kauf von Atemschutzmasken- und Schutzbrillen?

Kurth: Nein. Das würden wir nur empfehlen, wenn wir Anlass dazu hätten, aber nicht bei sieben Fällen in einer Bevölkerung von 80 Millionen. Wir konzentrieren uns auf die Reisenden aus Südostasien. Es ist wichtig, dass sie die Merkzettel über SARS auch in die Hand bekommen und nicht liegen lassen. Die Lufthansa hat uns versichert, schon während des Fluges aufzuklären. Ich denke, dabei sollte man es vorläufig belassen.

SPIEGEL ONLINE: Müsste aber nicht zumindest dem Flugzeugpersonal auf solchen Flügen vorgeschrieben werden, mit Masken und Latexhandschuhen zu arbeiten?

Kurth: Einseitig geht das nicht, sagen die Fluggesellschaften. Wenn, dann müssten die Passagiere ebenfalls solche Masken erhalten. Aber die Ansteckungsgefahr im Flugzeug ist sehr gering. Die Flugzeuge haben leistungsfähige Filter. Die Frischluft wird von oben in die Passagierkabine eingeblasen und von unten abgesaugt. Generell findet bei SARS die Übertragung hauptsächlich über Tröpfchen bei engem Kontakt statt.

SPIEGEL ONLINE: Warum erfolgt keine strenge Gesundheitskontrolle der Einreisenden aus betroffenen Ländern?

Kurth: Wenn es sein muss, muss es sein. Diese Schwelle sehe ich aber noch nicht erreicht. Viele mögliche Maßnahmen sind auch noch nicht bis zum Ende durchdacht. Denn wie soll das praktisch laufen? Vorsorgliches Fiebermessen ist eher Aktionismus. Fieber kann man aus Tausend Gründen haben. Andere haben Virusuntersuchungen vor Ort angeregt. Müssen dann die Passagiere zwei Stunden warten, bis das Ergebnis vorliegt? Und was passiert bei Infizierten, die sich durch fehlerhafte Messungen in Sicherheit wiegen, und dann nicht zum Arzt gehen, wenn sie Infektionssymptome entwickeln?

SPIEGEL ONLINE: Müssten nicht striktere Reiseverbote etwa nach China ausgesprochen werden?

Kurth: Die Reiseempfehlungen des Auswärtigen Amts, die in Absprache mit der WHO erfolgen, reichen aus. Danach wird gegenwärtig geraten, nicht unbedingt notwendige Reisen nach Hongkong, Peking und in die chinesischen Provinzen Shanxi und Guangdong zu verschieben.

SPIEGEL ONLINE: Ist das, was mit SARS momentan erlebt wird, bereits der Höhepunkt der Seuche oder nur ein Vorbote für eine noch schlimmere Katastrophe?

Kurth: Die eigentliche Katastrophe ist immer noch HIV/Aids, das ist die größte Katastrophe der Neuzeit und übertrifft quantitativ in der Medizin alle Vorstellungen seit dem Ausbruch der Pest vor 600 Jahren. Leider ist dies in der Öffentlichkeit in den Hintergrund gerückt. Deshalb sollte man SARS nicht vor Aids stellen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele solcher "neu auftauchender Viren" wie den SARS-Erreger befürchten Sie in Zukunft?

Kurth: In den letzten zwei Jahrzehnten entdeckte man fast jedes Jahr einen neuen Erreger, der klinisch relevant ist, sei es ein Bakterium, Pilz oder Virus. Wir können also längst nicht davon ausgehen, dass alles entdeckt ist. Nicht weniges davon entsteht durch menschliches Handeln und wird durch Unwissenheit und Fahrlässigkeit verbreitet.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch bleibt Ihre Devise "kein Grund zur Panik"?

Kurth: Ja. Wir sind wachsam und gelassen, ohne nachlässig zu sein.

Das Gespräch führte Holger Kulick

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