Intuition Die Weisheit der Gefühle

Die Intuition führt den Menschen durchs Leben wie ein Kompass. SPIEGEL-Autor Gerald Traufetter beschreibt in seinem Buch über "Die Weisheit der Gefühle", wie die Forschung das Rätsel dieser unbewussten Kraft entschlüsselt.

Die Intuition ist nichts Mystisches: Sie greift auf Erfahrung und Wissen zurück, von dem wir gar nicht wissen, dass wir es wissen. So führt der Bauch den Menschen mit Hilfe der Gefühle wie ein Kompass durch die großen und kleinen Entscheidungen des Lebens. Spiegel-Wissenschaftsautor Gerald Traufetter beschreibt in seinem Buch "Intuition – Die Weisheit der Gefühle", wie die Wissenschaft das Rätsel dieser unbewussten Kraft entschlüsselt.

Das erste Experiment, mit dem Ap Dijksterhuis der Intuition auf die Spur kam, war ein Selbstversuch. Vor einigen Jahren, als junger Nachwuchsforscher am Institut für Sozialpsychologie der Universität Amsterdam, wollte er für sich und seine Freundin eine Wohnung kaufen. "Der Markt war völlig aus den Fugen geraten", stöhnt er. "Die Neureichen aus der New Economy prügelten sich um die wenigen Wohnungen." Und mit ihnen Ap Dijksterhuis. Gleich ein Dutzend Kandidaten, die der Makler zuvor auf ihre Bonität überprüft hatte, stürmten in eine Wohnung ganz in der Nähe des Amsterdamer Zoos.

240.000 Euro, das war die Summe, die damals auf dem Spiel stand. Hastig streifte der Jungakademiker durch die Zimmer. Das Bad hatte er noch gar nicht gesehen, da sagte er: "Ich nehme die Wohnung!" Gerade einmal eine oder zwei Minuten waren da vergangen. Die anderen Interessenten streunten noch unentschlossen umher. Der Makler sagte ja. "Die schnellste Entscheidung meines Lebens war gefallen", erinnert sich Dijksterhuis an jenen Sommermorgen, und mit Stolz fährt er fort: "Ich habe meinen Entschluss niemals bereut." Mittlerweile hat der Professor eine recht gute Vorstellung davon, was in diesen 90 Sekunden in ihm vorgegangen war, und er ahnt auch, warum er damals richtig gehandelt hat. "Ich dachte zunächst, das ist so ein Bauchgefühl."

"Die Intuition arbeitet vorzüglich schnell"

Doch später wurde ihm klar, dass sein unbewusster Verstand in diesem kurzen Moment eine ganze Fülle von Informationen verarbeitet hatte. Die Küche etwa war geräumig und modern eingerichtet. Und Dijksterhuis ist, das verrät schon seine kräftige Statur, ein leidenschaftlicher Koch. Der Zuschnitt der Räume hat gepasst für zwei Personen. Die Zimmer waren hell, der Allgemeinzustand gut. "Die Intuition arbeitet vorzüglich schnell", sagt Dijksterhuis.

Beeindruckt von diesem Erlebnis, konzentrierte sich der Wissenschaftler fortan darauf, die mentalen Prozesse wissenschaftlich zu erforschen. Er hat Fußballfans und Autokäufer befragt. Er stand am Samstagnachmittag bei Ikea auf dem Parkdeck und schlug sich im teuersten Kaufhaus Amsterdams durch die Abteilung für Haushaltswaren – alles im Dienste der Wissenschaft. Die Ergebnisse seiner Feldforschung belegen die Präzision, mit der die Intuition in der Lage ist, das wichtigste Kaufargument herauszupicken und richtig zu entscheiden.

Immer wieder bestätigen sich seine Befunde und bestärken ihn von einer radikalen Abkehr vom Prinzip der reinen Vernunft, dem er das Modell vom "unbewussten Denken" entgegenstellt. Mittlerweile sagt er: "Je komplexer eine Entscheidung, desto mehr sollte man seinem Unbewussten vertrauen." Noch vor Jahren hätte er damit scharfen Protest in seiner Zunft geerntet, die dem Prinzip der reinen Vernunft in allen menschlichen Entscheidungslagen huldigten.

Die Intuition verschafft sich auf bizarre Weise Gehör

Der Mut der Forscher, in diese dunklen Gänge des Gehirns zu steigen, ist enorm. "Dramatischen Auftrieb" erlebe derzeit die Erforschung der neuronalen Vorgänge, die sich bei intuitiven Entscheidungen vollziehen, konstatiert Jonathan Cohen von der Princeton University.

Welche geisterhafte Hand ist da im Spiel, wenn George Soros sich zu einer seiner gefürchteten Finanzspekulationen hinreißen lässt? Seinem Sohn hielt Soros schon von jungen Jahren an hochtrabende Monologe, warum er sich zu dieser oder jener Transaktion auf dem internationalen Kapitalmarkt entschloss. Doch der durchschaute die wahren Beweggründe seines mächtigen Vaters: "Der verändert seine Position im Markt stets, wenn er starke Schmerzen im Rücken bekommt." Ein Stechen als innere Stimme, mal aus dem Magen, mal aus dem Rücken? Die Intuition verschafft sich auf bizarre Weise Gehör und treibt die Menschen zu merkwürdigen Handlungen: Arthur Guinness gründete im Jahre 1759 in einer verlassenen Brauerei in Dublin sein Unternehmen. Den Pachtvertrag über 45 Pfund im Monat schloss er fast für alle Ewigkeit ab – für 9000 Jahre. Warum war sein Gespür so sicher?

Ein ganzes Heer von Psychologen, Hirn- und Verhaltensforschern hat sich darangemacht, jene Fähigkeit zu dechiffrieren, die der Volksmund gewöhnlich im Bauch verortet. Mit raffinierten Tests, Experimenten und Hirndurchleuchtungsverfahren dringen die Forscher in das schillernde Schattenreich unbewussten Wissens vor. Immer wieder sind sie verblüfft über die Ergebnisse: Schüler beurteilen nach wenigen Sekunden am sichersten, ob der Lehrer guten Unterricht hält. Auf Speed-Dating-Partys, wo Singles nur jeweils sechs Minuten Zeit zum Taxieren von Gesprächspartnern hatten, täuschten sich die Blitz-Flirter seltener. Probanden, die sich ein Poster nach nur wenigen Sekunden auswählen, haben das Bild länger an der Wand hängen als jene, die lange darüber nachgedacht hatten.

Das Bewusstsein ist zu klein für die Welt - wer überleben will, muss sich auf andere Quellen verlassen können

Das Bewusstsein kann nur einen winzigen Ausschnitt des geistigen Geschehens beherrschen. Das folgt schon aus einer ganz schlichten Überlegung: Selbst auf jemanden, der nur dösend im Sessel sitzt, prasseln pro Sekunde elf Millionen Sinneseindrücke ein, die von ebenso vielen Sinneszellen im Körper ans Gehirn gesendet werden. Dazu gehört der Druck des Sessels auf Rücken und Gesäß genauso wie das leise Ticken der Uhr oder der Nachgeschmack des Salamibrötchens, der noch eine halbe Stunde nach Verzehr auf der Zunge liegt.

Viele dieser Wahrnehmungen verlangen nach rascher Entscheidung: aufstehen oder sitzen bleiben, das Fenster schließen oder ein Glas Wasser holen? Das Bewusstsein schafft es gerade einmal, 40 Sinneseindrücke gleichzeitig zu verwalten. Der Rest muss schon aus purem Mangel an Verarbeitungskapazität dem Autopiloten im Kopf überlassen werden.

Unternehmensberater begründen Bauchentscheidungen

Schon aus arbeitsökonomischen Gründen müssen viele anstehende Entscheidungen an den Autopiloten abgetreten werden. Auch Manager und Politiker, meint die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Heidelberg, scheuten sich, ihre Entscheidungen mit dem Bauch zu begründen. "Für so etwas gibt es bei uns keine Kultur." Die Bosse beauftragen lieber noch einmal eine Unternehmensberatung, um Gründe für ihre Bauchentscheidung zu finden.

Wofür Wirtschaftsleute bereit sind, Hunderttausende zu zahlen, das liefert das Hirn eines jeden Menschen unentwegt gratis: Es ersinnt im Nachhinein Gründe, warum er so und nicht anders entschieden hat. Auf diese Weise schaffe sich der Mensch die Illusion, er habe sich willentlich zu einem bestimmten Entschluss durchgerungen, erklärt Betsch: "Das ist gut für die eigene psychische Hygiene." Während das Hirn dem Menschen so ununterbrochen Beweggründe für sein eigenes Handeln vorgaukelt, enthält es ihm die wirklichen Entscheidungsprozesse vor. Erst der Vorstoß in die Welt jenseits des Bewusstseins offenbart, wie sehr der Mensch Sklave seiner Emotionen und Instinkte ist.

So viel Entscheidung war noch nie. Der technische Fortschritt, die komplexe, computerisierte Wirtschaftswelt fordern unerbittlich, an jedem Tag und in jeder Sekunde von neuem schnelle Entschlüsse von denen, die an den Schalthebeln dieser Maschinerie sitzen.

Sekunden entscheiden über Wirtschaftskatastrophen

Per Mausklick kann ein einziger Investmentbanker Milliardensummen durch die digitale Finanzwelt schicken. EBS, hinter diesen drei Buchstaben verbirgt sich eine elektronische Handelsplattform, die aus einem Zusammenschluss führender Geldinstitute entstanden ist. 2000 Broker aus 40 Nationen handeln jeden Tag mit Währungen und Edelmetallen im Wert von 125 Milliarden Dollar über diese Plattform. Mehr als die Hälfte der jeweils 50.000 täglichen Transaktionen gehen in weniger als einer Sekunde über die Bühne. Typischerweise dauert es nur 485 Millisekunden, bis sich einer der Trader zu einem Deal entschlossen hat. Der Verstand hat in diesem Wimpernschlag gar keine Gelegenheit, nennenswert aktiv zu werden. Mitunter aber bringt seine in Sekundenbruchteilen getroffene Entscheidung das ganze Wirtschaftssystem an den Rand des Zusammenbruchs.

Wirtschaftsexperten können ein System ersinnen, in dem Gelder und Waren gefahrlos um den Erdball fließen. Die Neurowissenschaften haben dazu einen faszinierenden Beitrag zu leisten: Sie erforschen die psychologischen, molekularbiologischen, neurologischen Grundlagen des Entscheidens. Wann ist der Verstand am Zuge, welchen Anteil hat das Unbewusste? Wie gut funktioniert die Intuition? Wann kann man ihr trauen, wann scheitert sie? Die drei Ingredienzen der Intuition sind Erfahrung, Wissen und Gefühle.

Nur keinen kühlen Kopf bewahren

Gary Klein, Intuitionsforscher aus den USA, vergleicht diesen Prozess mit dem Immunsystem: "Das Immunsystem entscheidet kontinuierlich, immer dann, wenn seine weißen Blutzellen mit einer neuen Entität in Kontakt kommen. Ist sie ungefährlich oder eine Gefahr? Soll sie passieren dürfen, oder soll eine Immunreaktion ausgelöst werden? Diese Mini-Entscheidungen basieren auf dem Vergleich von Mustern, nicht auf Analyse. Kleinkinder haben diesen Schatz an Krankheitserfahrungen noch nicht. Aber je mehr Erkältungen sie bekommen, desto besser wird die Reaktion ihres Immunsystems sein." Und dann sind da noch die Gefühle. Der Ratschlag "Behalte einen kühlen Kopf!” geht völlig in die Irre, denn keine einzige Entscheidung, die im Kopf vorbereitet wird, würde ohne eine Gefühlsregung zustande kommen.

Das Buch "Intuition – Die Weisheit der Gefühle" beschreibt, wie mit modernen, bildgebenden Verfahren und raffinierten Experimenten die Wissenschaftler den Menschen beim Entscheiden beobachten. Demnach gibt es keine rationalen oder intuitiven Entscheidungen. Alle rationalen Entscheidungen sind auch intuitive Entscheidungen, weil sie auf unbewussten Denkprozessen fußen. Das Wirken der Intuition in den verschiedenen Bereichen des Lebens verrät viel darüber, wie der Geist tickt. Der Arzt in der Notaufnahme, der Feuerwehrmann im brennenden Treppenhaus, der Torhüter auf dem Fußballplatz, der Broker auf dem Börsenparkett – alle diese Menschen nutzen auf eine je etwas andere Weise die Macht der Intuition.

Die Wissenschaft entwickelt aus diesem Studium eine neuartige Synthese von Rationalität und Intuition. Es ist die Symbiose von zwei Strategien, die lange Zeit völlig zu Unrecht als zwei separate Dinge betrachtet wurden. Intuition ist lernbar für die vielen verschiedenen Situationen des Lebens – vom alltäglichen Geschehen bis zum Notfall.

Der siebte Sinn hat nichts mit Metaphysik zu tun, sondern mit der Weisheit unserer Gefühle. Dann kann er Leben retten.

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