Intuitions-Forschung Wie man die Macht des Unterbewusstseins nutzt

Welche Wohnung soll ich nehmen? Aktuelle Studien belegen: Intuition allein ist ein schlechter Entscheidungs-Ratgeber. Dennoch schlummern in unserem Unterbewusstsein mächtige Kräfte. Forscher zeigen, wie man sie gezielt ausnutzen - und sogar Phobien damit besiegen kann.
Von Nora Schultz
Modell eines Gehirns: Der unterbewusst gesteuerten Furcht ein Schnippchen schlagen

Modell eines Gehirns: Der unterbewusst gesteuerten Furcht ein Schnippchen schlagen

Foto: EMMANUEL DUNAND/ AFP

Phobien

Die Angst vor Spinnen zu überwinden, kann grausam und quälend sein: Immer und immer wieder muss man sich jenem Ungetier stellen, das den reinsten Horror bedeutet. Erst sind es Nahaufnahmen von Spinnen, später ist es das Terrarium mit einem riesigen haarigen Achtbeiner oder die Entdeckungsreise im dunklen feuchten Keller. Bei , so die gängige Meinung, muss man sich der Angstsituation stellen, um die Furcht zu überwinden.

Es gibt aber auch eine andere Methode - eine viel nervenschonendere: Es ist die gezielte Nutzung des Unterbewusstseins. Wie das aussehen kann, haben Joel Weinberger und seine Kollegen von der Adelphi University in New York jetzt einer Studie eindrucksvoll demonstriert. In der Fachzeitschrift "Consciousness & Cognition" berichten die Forscher, dass ein unbewusst wahrgenommener Reiz besonders effektiv die entscheidenden Regionen im Furchtzentrum des Gehirns, der sogenannten Amygdala, beruhigen kann. Mit anderen Worten: Man schlägt der unterbewusst gesteuerten Furcht mit den eigenen Waffen ein Schnippchen.

Dafür zeigte Weinbergers Team Studenten, die unter Spinnenangst litten, während einer Computeraufgabe entweder Spinnenfotos oder Landschaftsaufnahmen. Und zwar jeweils so kurz, dass die Probanden die Bilder nicht bewusst wahrnahmen. Anschließend hatten die Studenten ein Rendezvous mit Vogelspinne "Fuzzy".

Das Ergebnis: Diejenigen Probanden, die zuvor unbewusst Spinnenfotos "gesehen" hatten, schöpften deutlich mehr Mut als ihre Kommilitonen, denen Landschaftsbilder gezeigt worden waren: sie schafften es nicht nur, Fuzzys Terrarium anzufassen - sondern trauten sich sogar, den Deckel zu lüften.

Trick gegen die Phobie

Zumindest für diese Phobie hat der Trick vorerst geklappt. Wie vielversprechend eine derart gezielte Nutzung des Unterbewusstseins auch in anderen Bereichen sein kann, muss sich erst noch herausstellen. Doch welche Macht im Unterbewusstsein schlummert, ist nicht nur Angstforschern längst bekannt.

Treffen wir etwa Entscheidungen, so spielt das Unterbewusstsein ebenfalls eine große Rolle. Wie sehr es unsere Wahl beeinflusst, versuchen Wissenschaftler herauszufinden. Gerade in der Online-Welt erkennen Forscher ein erhöhtes Risiko für Frust und Stress. Denn zahllose Marken, Modelle, Shops, Auktionen, Tests und Nutzerbewertungen wollen gesichtet und gegeneinander abgewogen werden.

Weniger klar war bisher allerdings, was genau die Wahl angesichts der Angebotsvielfalt so zur Qual macht - und wie man sich am besten dagegen wehren kann. Jetzt berichtet Yoel Inbar von der Tilburg Universität in den Niederlanden im "Journal of Experimental Social Psychology"  von einer möglichen, wenngleich verblüffenden, Lösung. Zusammen mit seinen Kollegen zeigt er, dass Menschen nämlich nur dann unter einem großem Angebot leiden, wenn sie das - vermeidbare - Gefühl beschleicht, nicht genügend Zeit für die Auswahl zu haben.

Dass die Zeit angesichts immer dichterer Informationen in einem unveränderten 24-Stunden-Tag auch tatsächlich knapper wird, erscheint dabei zunächst logisch. Doch darauf kommt es gar nicht an, sagen die Forscher. Sie ließen Studenten DVDs oder Pralinen aus einem kleineren oder größeren Angebot auswählen und fragten sie anschließend, wie zufrieden sie mit ihrer Entscheidung waren. Wie erwartet, stiegen Frust und Reue, je größer das Angebot und je kürzer die für die Auswahl zur Verfügung stehende Zeit war.

Sobald die Forscher jedoch die Entscheidungszeit konstant hielten und nur mit unterschiedlich schnell tickenden Metronomen einen schnelleren oder langsameren Zeitfluss suggerierten, zeigte sich, dass das unbewusste Gefühl von Eile ausschlaggebend für den Stress ist - nicht ein objektiver Mangel an Bedenkzeit.

Der Intuition mehr vertrauen!

Könnte man das Unterbewusstsein möglicherweise also gezielt täuschen?

Statt es mit Metronomen auszutricksen, rät Inbar, dem Unterbewusstsein einfach mehr zu vertrauen: In einem weiteren Experiment konnte das Team zeigen, dass der gefühlte Zeitdruck nur deshalb so frustrierend wirkt, weil wir es gewohnt sind, komplexe Entscheidungen mit Hilfe wohldurchdachter Überlegungen zu treffen. Wurden die Studenten hingegen vor dem Angriff auf die Pralinenschachtel darauf verwiesen, dass man die besten Entscheidungen schnell und intuitiv trifft kann, verschwand der Stress angesichts der übergroßen Auswahl.

"Tatsächlich wissen wir oft nicht genau, warum wir uns so und nicht anders entscheiden. Wir sollten wesentlich bescheidener in unseren Ansprüchen daran sein, was wir alles voll bewusst erreichen können. Dann gibt es auch weniger Stress", sagt Inbar.

An der Macht der Unterbewusstseins hat auch John-Dylan Haynes am Bernstein Centre for Computational Neuroscience in Berlin keine Zweifel. Er hat herausgefunden, dass Hirnregionen, deren Aktivität bestimmte Entscheidungen signalisiert, schon im Scanner aufleuchten, wenn man noch gar nicht gezielt über die Alternativen nachdenkt. Probanden müssen zum Beispiel nicht einmal merken, dass sie im Hintergrund während einer Computeraufgabe Fotos von verschiedenen Automodellen "gezeigt" bekommen, die ihr Bewusstsein gar nicht erreichen - die entsprechenden Gehirnareale feuern trotzdem, wie die Forscher im "Journal of Neuroscience"  berichten.

Bauchgefühl ist keine Erkenntnis aus dem Übersinnlichen

Haynes warnt jedoch davor, sich zu sehr auf die eigene Intuition zu verlassen. "Eingebungen können uns nur dann helfen, wenn wir uns vorher intensiv mit einem Problem beschäftigt haben. Das Bauchgefühl ist keine Erkenntnis, die sich aus dem Übersinnlichen speist und bei der man sich keine Mühe geben muss."

Diese Einschätzung teilt zwar auch Ap Dijksterhuis von der niederländischen Radboud Universität in Nimegen. Doch der Psychologe und Autor des Buches "Das kluge Unbewusste" ist überzeugt, dass man die Kraft des Unterbewusstseins gezielt für sich arbeiten lassen kann. Und zwar nicht nur für eine höhere Entscheidungszufriedenheit - sondern auch, um objektiv bessere Entscheidungen zu treffen.

"Unbewusste Denkprozesse", so die Meinung Dijksterhuis, blühen erst dann auf, wenn man sich gezielt von einem Problem abwendet oder einfach mal "drüber schläft". Jetzt verkündet er im "Journal of Experimental Social Psychology" , endlich die optimale Strategie für den Einsatz bewusster und unbewusster Gedanken gefunden zu haben.

Studenten, die unter zwölf Wohnungen mit jeweils zwölf unterschiedlich guten Merkmalen die beste Wahl treffen sollten, hatten den größten Erfolg, wenn sie zunächst einige Minuten scharf über die Auswahl nachdachten und sich danach mit Anagrammrätseln ablenkten, um den "unbewussten Denkprozessen" auch noch eine Chance zu geben. Erst danach sollten sie sich entscheiden. In knapp zwei Drittel der Fälle wählten die Probanden auf diese Weise ein Top-Appartment aus.

Probanden, die sich ausschließlich auf ihre gezielten Überlegungen oder den Anagrammtrick verließen, oder die in umgekehrter Reihenfolge erst den Anagrammtrick anwendeten und anschließend bewusst nachdachten, entschieden sich nur zu einem Drittel für eine Top-Wohnung. Spontane Entscheidungen trafen sogar nur in weniger als einem Fünftel der Fälle ins Schwarze.

Bewusst auf das Unbewusste einlassen

Hinter dem Erfolg der ersten Gruppe vemutet Dijksterhuis unterschiedliche Talente von Bewusstsein und Unterbewusstsein. "Durch bewusstes Nachdenken kann man besonders gut prüfen, ob eine Auswahl formalen Kriterien gerecht wird, zum Beipsiel einer Preisobergrenze", sagt er. Unbewusst gelänge es hingegen besser, komplexe Informationen zu einem Gesamteindruck zu integrieren. Wer demnach zunächst bewusst prüft, welche Wahlmöglichkeit überhaupt in Frage kommen, behält hinterher wenigere Kandidaten übrig, die von der unbewussten Gedankenmaschine verglichen werden müssen, argumentiert Dijksterhuis.

Das passt zu den Überzeugungen der Kollegen Haynes und Inbar: Demnach fährt man am besten, wenn man sich bewusst auf unbewusste Denkprozesse zur rechten Zeit einlässt.

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