Soziologe über Investmentbanker "Für gesellschaftliche Probleme immer weniger erreichbar"

Sie machen Millionengeschäfte und leben in einer exklusiven Welt: Der Soziologe Sighard Neckel beobachtet die Entstehung einer globalen Klasse aus Finanzmanagern - mit problematischen Auswirkungen.
Ein Interview von Janne Kieselbach
Banker in Tokio: "Letztlich werden Stereotype wiederholt"

Banker in Tokio: "Letztlich werden Stereotype wiederholt"

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Eugene Hoshiko/AP

Die weltweiten Börsen und Handelsplätze sind immer stärker miteinander verflochten. Millionensummen werden zwischen Kontinenten transferiert, Megadeals in Bruchteilen von Sekunden abgewickelt. Die Globalisierung hat zu gewaltigen Gewinnchancen für international tätige Spekulanten geführt, aber auch zu einer noch nie dagewesenen Anfälligkeit des Systems für verheerende Finanzkrisen.

Im Mittelpunkt dieser Entwicklung stehen Menschen, über die erstaunlich wenig bekannt ist: die Mitarbeiter des global agierenden Finanzwesens. Sie steuern Hedgefonds, wickeln hochspekulative Geschäfte ab und arbeiten so transnational wie kaum eine andere Berufsgruppe. Sie sind zu Helden ihrer Zunft geworden - und zu Hassfiguren der Kritiker eines entfesselten Kapitalismus.

Wie ticken Investmentbanker und internationale Börsenprofis? Führt ihre globale Orientierung zu einer weltoffenen Einstellung oder schotten sie sich ab? Und welche Folgen hat das für gesellschaftliche Entwicklungen? Diesen Fragen ist der Soziologe Sighard Neckel mit seinem Team nachgegangen. Dafür forschte er an den Finanzstandorten Sydney und Frankfurt am Main. Daraus hervorgegangen ist das Buch "Die globale Finanzklasse" .

Zur Person
Foto: Sebastian Engels/ Sighard Neckel

Sighard Neckel, Jahrgang 1956, ist Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel an der Universität Hamburg. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit den Auswirkungen des Kapitalismus und mit dem Nachhaltigkeitsbegriff.

SPIEGEL: Herr Neckel, Sie beobachten die Entstehung einer "globalen Finanzklasse". Was genau bedeutet das?

Neckel: Wir haben herausgefunden, dass sich die Beschäftigten in der internationalen Finanzindustrie immer stärker angleichen. Das fängt mit der beruflichen Entwicklung an: Einerseits ist die Ausbildung durch vergleichbare Studienabschlüsse weltweit standardisiert worden, andererseits hat sich auch die Karriereorientierung verändert. Früher waren die Beschäftigten im Finanzwesen stark an ihre jeweiligen Banken in ihren Herkunftsländern gebunden. Sowohl in Frankfurt als auch in Sydney hat sich nun aber gezeigt, dass man sich mittlerweile mehr am globalen Markt als am Unternehmen orientiert. Das Prinzip "Follow the money", das wir schon aus dem internationalen Fußball kennen, greift mehr und mehr auch bei den Beschäftigten dieser Branche.

SPIEGEL: Worin macht sich die Angleichung noch bemerkbar?

Neckel: Wir konnten beobachten, dass sich unter den internationalen Finanzmanagern eine gemeinsame Kultur herausgebildet hat. Dazu tragen das Internet, Englisch als gemeinsame globale Sprache, die Nutzung derselben Medien und dasselbe Konsumangebot in den Business Districts dieser Welt bei. Diese kulturelle Angleichung führt dazu, dass das internationale Finanzwesen von einer zunehmenden Konformität und Uniformität geprägt ist.

"Man trägt dann also keine Rolex, sondern etwas, das vermeintlich noch exklusiver ist"

SPIEGEL: Für Ihre Forschung haben Sie mit vielen Investmentbankern gesprochen. Was haben Sie über den Umgang dieser Menschen untereinander erfahren?

Neckel: Wir haben zum Beispiel konkret danach gefragt, wie die Meetings in der Branche ablaufen. In einem Fall trafen sich Finanzmitarbeiter aus 15 verschiedenen Bankinstituten von vier Kontinenten, um ein gemeinsames Projekt zu entwickeln. Und die erzählten uns später ganz lapidar: "Na ja, da haben wir uns getroffen in einem großen Raum und innerhalb von 15 Minuten waren wir arbeitsfähig." Stellen Sie sich vor, welche unglaublichen Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen: Menschen kommen von vier Kontinenten an einem bestimmten Ort zusammen, sie kennen sich nicht, aber sie wissen genau, was zu tun ist. Das zeigt, wie sehr sich das operative Vorgehen im Finanzsystem homogenisiert hat.

SPIEGEL: Mit international agierenden Bankern assoziieren viele Menschen auch einen luxuriösen Lebensstil. Welche Rolle spielen Statussymbole bei der Herausbildung der Gruppenidentität?

Neckel: Äußerlichkeiten spielen eine sehr bedeutende Rolle. Es wird genau darauf geachtet, was die Personen mit ihrer Erscheinung signalisieren. Statussymbole sind zum Beispiel Maßanzüge, handgefertigte Schuhe und andere Accessoires des Erfolgs und des schnellen Reichtums. Dazu zählen vor allem teure Eigentumswohnungen in der richtigen Gegend oder der richtige Urlaub. Letztlich werden Stereotype wiederholt. Und gleichzeitig wird versucht, diese Stereotype dadurch auszutricksen, dass man noch einen draufsetzt. Man trägt dann also keine Rolex, sondern etwas, das vermeintlich noch exklusiver ist.

SPIEGEL: Tickt die Finanzklasse auch politisch ähnlich?

Neckel: Ja. Die von uns Befragten teilen fast alle eine ähnliche gesellschaftspolitische Auffassung. Sie werden unter den Finanzmarktexperten keine Keynesianer finden. Die Mitglieder der globalen Finanzklasse sind Neoklassiker, die an die heilenden Kräfte des Marktes glauben - ohne jede Einschränkung. Die haben die gleichen Bücher gelesen, sie sind gleich ausgebildet worden und sie leben im selben Kontext.

SPIEGEL: Das klingt fast unheimlich.

Neckel: Einer erzählte uns, er habe kürzlich mit seiner Familie auf einem Flughafen drei oder vier Business-Leute miteinander reden gehört. Da habe er zu seiner Familie gesagt: "Jede Wette, ich stelle mich jetzt dazu, und die merken gar nicht, dass ich nicht zu ihnen gehöre."

"Wenn aber die Finanzmärkte selbst als Terrain der eigenen Gewinnmöglichkeiten dienen, dann entfällt der Bezug zu dem, was oft als Realwirtschaft bezeichnet wird"

SPIEGEL: Ist diese Angleichung denn problematisch?

Neckel: Sie führt jedenfalls dazu, dass sich diejenigen, die auf den internationalen Finanzmärkten tätig sind, von ihren jeweiligen sozialen Nachbargruppen in ihrer eigenen Gesellschaft immer stärker unterscheiden. Das muss kein Problem sein, solange die Finanzinstitute mit ihren Kernaufgaben, also zum Beispiel der Kreditvergabe, rückgebunden bleiben an wirtschaftliche Investitionen und Überlegungen in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Bezugskreis. Tatsächlich ist das aber immer weniger der Fall. Je stärker sich die Finanzklasse sozial, beruflich und kulturell globalisiert, und je mehr sich die Finanzmärkte selbst global orientieren, umso weniger sind sie erreichbar für gesellschaftliche Politik und gesellschaftliche Probleme, die immer an konkrete Orte gebunden sind.

SPIEGEL: Welche Folgen kann diese Entkopplung haben?

Neckel: Das Finanzwesen hat im Prinzip eine wirtschaftlich und gesellschaftlich sehr nützliche Funktion, weil es Kapital für Investitionen bereitstellt. Denken Sie an die Rolle, die Sparkassen traditionell in den Kommunen einnehmen: Sie besorgen Geld, damit die lokale Unternehmensstruktur liquide bleibt. Mittlerweile haben sich die Finanzmärkte aber vielfach auf Produkte und Gewinnsparten verlegt, die völlig unabhängig von konkreten Investitionsentscheidungen sind. Oft handelt es sich nur noch um reine Geld- oder Wettspekulationen. Wenn aber die Finanzmärkte selbst als Terrain der eigenen Gewinnmöglichkeiten dienen, dann entfällt der Bezug zu dem, was oft als Realwirtschaft bezeichnet wird.

SPIEGEL: Können Sie Beispiele nennen?

Neckel: Denken Sie an global agierende Immobilienspekulanten, die für Mietsteigerungen in Großstädten mitverantwortlich gemacht werden. Oder an das Schattenbankensystem, das sich jeder Regulierung entzieht. Finanzmärkte stellen in diesen Fällen eine ökonomische Kraft dar, die sich mitunter feindlich und bedrohlich gegenüber der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realität vor Ort verhält.

"Diversität meint in der Logik der Finanzwelt vor allem, dass mehr Menschen in die Wertschöpfung der Finanzindustrie eingeschlossen werden"

SPIEGEL: Im Hinblick auf die Beschäftigten der Finanzbranche beschreiben Sie eine paradoxe Situation: Einerseits gibt sich die Finanzklasse immer exklusiver, andererseits beansprucht sie für sich kulturelle Offenheit. Wie passt das zusammen?

Neckel: In der globalen Finanzklasse ist es mehr und mehr verpönt, sich spießig, engstirnig, autoritär oder nationalistisch zu verhalten, weil es nicht zum modernen und weltoffenen Image des Finanzwesens passt. Man versteht sich selbst als eine Branche, die Vorreiter eines weltumspannenden Erfolgsmodells ist. Aber hinter dieser Öffnung stehen im Wesentlichen ökonomische Beweggründe. Auf den Finanzmärkten kommt es stark darauf an, gesellschaftliche und kulturelle Tendenzen mitzubekommen, um zu erkennen, ob sich hier neue Investitionsfelder und Märkte eröffnen. Das weltoffene Selbstverständnis ist also Teil einer ökonomischen Strategie und widerspricht nicht der beobachteten Exklusivität.

SPIEGEL: Ob eine Branche tatsächlich weltoffen ist, kann sich zum Beispiel an der Integration von Menschen verschiedener Geschlechter und Herkünfte zeigen. Wie steht es um die Diversität in der globalen Finanzklasse?

Neckel: Diversität ist ein wichtiges Schlagwort im Finanzwesen. Aber der Begriff meint in der Logik der Finanzwelt vor allem, dass weitere Märkte erschlossen und immer mehr Menschen in die Wertschöpfung der Finanzindustrie eingeschlossen werden. Ansonsten kann in der Branche von Vielfalt eigentlich nicht die Rede sein. Obwohl im Finanzwesen insgesamt mehr Frauen als Männer arbeiten, ist das internationale Investmentbanking extrem männlich. Und auch von einer ethnischen Diversität oder gar einer Herkunftsdiversität ist man weit entfernt.