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12. Januar 2015, 16:22 Uhr

Handysucht

Denkvermögen? Nicht ohne mein Smartphone

Muss das Smartphone immer dabei sein? Ja, zeigt ein Experiment, zumindest beim Lösen von Denkaufgaben. Zu großer Abstand vom Handy macht sich demnach sogar körperlich bemerkbar.

WhatsApp, SMS, Telefon: Ständig ist man erreichbar über das Smartphone. Für konzentriertes Arbeiten ist das Gift, könnte man meinen. Diskussionen über Handyverbote an Schulen sind das Ergebnis. Auch Arbeitgeber fordern: Handy aus, Kopf an. Doch ohne den kleinen Begleiter ist der Smartphone-Nutzer nicht immer besser dran.

Eine Studie von Forschern der Universität von Missouri hat gezeigt, dass die Abwesenheit des Smartphones die Leistungsfähigkeit seiner Besitzer negativ beeinflussen kann - zumindest dann, wenn er das Klingeln in der Ferne hören kann.

In dem Experiment wurden 40 iPhone-Nutzer gebeten, aus einem Feld von Buchstaben Wörter herauszusuchen - einmal mit und einmal ohne Smartphone in der Nähe. Dabei wurden Blutdruck und Herzfrequenz gemessen. Die Versuchsteilnehmer dachten, dass so eine neue kabellose Blutdruckmanschette getestet werden soll. Nach dem Worträtsel sollten die Nutzer einschätzen, wie ängstlich und unwohl sie sich fühlten.

Ängstlichkeit bei klingelndem Handy

Dann sagten die Wissenschaftler den Testpersonen, ihr Smartphone würde die Bluetooth-Verbindung des kabellosen Messgeräts für Herzfrequenz und Blutdruck stören und müsse deshalb weiter entfernt im Raum platziert werden. Nun sollten die Probanden noch einmal einen Buchstabensalat lösen - weit entfernt von ihrem Smartphone. Gleichzeitig riefen die Forscher sie auf ihrem Handy an. Als das Klingeln aufhörte, wurden Herzfrequenz und Blutdruck gemessen. Anschließend befragten die Forscher die Versuchspersonen erneut, wie sich fühlten.

Es stellte sich heraus, dass die Herzfrequenz und der Blutdruck der Probanden im zweiten Teil des Experiments deutlich höher waren als im ersten Test mit Smartphone. Außerdem hatten die Versuchsteilnehmer mehr Angst und fühlten sich unwohler. Wörter fanden sie dagegen deutlich weniger.

iPhone als "Erweiterung des Selbst"

"Unsere Ergebnisse lassen darauf schließen, dass eine Trennung vom iPhone negative Einflüsse auf die Leistung bei mentalen Aufgaben haben kann", fasst Russell Clayton, Doktorand an der MU School of Journalism und Hauptautor der Studie die Ergebnisse zusammen. Die Wissenschaftler empfehlen iPhone-Nutzern sogar, ihr Gerät immer dabei zu haben, wenn sie im Alltag Aufgaben lösen sollen, die viel Aufmerksamkeit erfordern. Ob Geräte von anderen Herstellern eine ähnliche Wirkung haben, ist unklar.

Auch warum sich das fehlende iPhone so negativ auswirkt, konnten die Forscher nicht abschließend klären. Die Ergebnisse würden aber darauf schließen lassen, dass iPhones zur "Erweiterung unseres Selbst" werden könnten, da wir bei ihrer Abwesenheit in einen negativen physiologischen Zustand verfielen. Wer sein iPhone nicht permanent bei sich tragen kann oder will, für den kommt als langfristiger Schutz also wohl doch nur eines in Frage: Insgesamt mehr Abstand - vor allem emotional.

vwu

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