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08. Juli 2019, 16:17 Uhr

Uran-Anreicherung

So schnell könnte Iran eine Atombombe bauen

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Nachdem die USA aus dem Atomabkommen ausgestiegen sind, reichert Iran wieder verstärkt radioaktives Uran an. Wie viel von dem Stoff benötigt das Regime zum Bau einer Atombombe? Der Überblick.

Nach monatelangen Drohungen hat Iran nun angekündigt, sich ab sofort nicht mehr an das Wiener Atomabkommen aus dem Jahr 2015 zu halten. Nach eigenen Angaben produziert der Staat seit Sonntag wieder verstärkt Uran, das sich zum Bau einer Atombombe eignen könnte.

In Teheran verweist man bei der Frage nach dem Warum auf US-Präsident Trump, dieser hatte schon im Mai 2018 das Atomabkommen einseitig aufgekündigt und Sanktionen gegen das Land verhängt. Seitdem kämpft Iran mit schweren wirtschaftlichen Problemen, die Landeswährung Rial hat deutlich an Wert verloren und die für die Staatseinnahmen kritischen Ölexporte dramatisch zurückgegangen.

Man sei technisch darauf vorbereitet, Uran auf jedes denkbare Level und in jeglicher Menge anzureichern, sagte Behrus Kamalwandi, Sprecher der iranischen Atomenergie-Organisation, am Sonntag auf einer Pressekonferenz. Was genau meinte er damit? Wie wird Uran angereichert? Und wie viel des Stoffs wird benötigt, um eine Atombombe zu bauen? Der Überblick.

Woher stammt der Stoff für die Atombombe?

Der Ausgangsstoff für eine nukleare Massenvernichtungswaffe ist das Metall Uran, das als Erz in der Natur zu finden ist. Uran ist in jeder Form radioaktiv, muss allerdings intensiv bearbeitet werden, bevor es in einem Atomkraftwerk oder als Atombombe eingesetzt werden kann. Mit Chemikalien wird Uranoxid aus dem Erz gelöst, wodurch sogenannter Yellowcake entsteht - ein gelbes Pulver, das zu 80 Prozent aus Uran besteht.

Das Pulver wird weiterverarbeitet, um daraus schließlich das Isotop 235 zu gewinnen. Dabei handelt es sich um den einzigen, natürlich vorkommenden Stoff, der Atomkerne in einer Kettenreaktion spalten kann, wobei gewaltige Energie freigesetzt wird. Um den Stoff in einem Kraftwerk oder als Bombe zu nutzen, muss er jedoch in ausreichend hoher Konzentration vorliegen, also angereichert werden. Alternativ lässt sich aus Uran radioaktives Plutonium herstellen. Über diese Technik verfügt Iran derzeit aber nicht.

Wie funktioniert die Anreicherung von Uran 235?

Im Ursprungszustand besteht nur 0,7 Prozent des Urans aus dem Isotop 235, die übrige Menge ist Uran-238. Die beiden Formen unterscheiden sich ausschließlich in der Zahl der Neutronen in ihrem Kern und damit in ihrem Gewicht. Zum Vergleich:

Dieser kleine Gewichtsunterschied lässt sich nutzen. Gibt man Uran in Gasform in eine Zentrifuge, wird das etwas schwerere Uran-238 nach außen gepresst und abgeschieden, während das leichtere Uran-235 in der Mitte bleibt. In speziellen Anlagen sind mehrere solche Zentrifugen hintereinandergeschaltet. In jeder wird der Anteil Uran-235 etwas größer. Iran ist einer von wenigen Staaten, der diese Technologie beherrscht.

Wie hoch muss Uran 235 konzentriert sein, um eine Bombe zu bauen?

Um ein Atomkraftwerk zu betreiben, reicht es schon, wen der Brennstoff über ein Uran-235-Anteil von drei bis fünf Prozent verfügt. Iran darf den Stoff im Rahmen des Atomabkommens daher bis auf 3,67 Prozent anreichern und davon maximal 300 Kilogramm besitzen. Den erlaubten Vorrat an schwach angereichertem Uran hat der Staat laut der Internationalen Atomenergiebehörde allerdings bereits im Juli 2019 überschritten.

Für eine Atombombe müsste Iran das Uran auf 90 Prozent anreichern. Bevor das Atomabkommen geschlossen wurde, hatte das Land schon einmal begonnen, den Stoff auf 20 Prozent zu konzentrieren. Damals gingen Experten davon aus, dass Iran innerhalb weniger Wochen oder Monate auch 90-prozentiges Uran-235 herstellen könnte.

Nachdem die USA, die EU und die Uno 2015 eingewilligt hatten, ihre Sanktionen gegen Iran aufzuheben, ließ der Staat das hoch angereicherte Uran wieder verdünnen.

Wie viel hoch angereichertes Uran für eine Atomwaffe benötigt wird, hängt davon ab, wie die Bombe beschaffen ist und wie hoch ihre Sprengkraft sein soll. Man darf vorsichtig von Mengen zwischen vier bis 20 Kilogramm ausgehen.

Könnte Iran innerhalb kurzer Zeit eine Bombe bauen?

Uran auf 90 Prozent anzureichern wäre technisch möglich. Dabei gilt: Je stärker der Stoff bereits angereichert ist, desto leichter wird es, die Konzentrationen weiter zu erhöhen. Den größten Aufwand mache es, Uran von 0,7 auf 4 Prozent anzureichern, berichtet der "Guardian" und beruft sich auf Industriestudien. Erreiche die Konzentration 20 Prozent, seien bereits 90 Prozent des Herstellungsaufwandes erledigt.

Das liegt laut dem Bericht daran, dass aufgrund der extrem geringen Uran-235-Konzentration zu Beginn noch sehr viel Material durch Zentrifugen bewegt werden muss, das später gar nicht genutzt wird. Um aus 20-prozentigem Uran-235 eine Bombe herzustellen, benötigt man demnach ungefähr 400 Kilo Ausgangsmaterial. Ist der Stoff erst einmal auf 90 Prozent angereichert, fliegen in dem Beispiel nur noch etwa 28 Kilo durch die Zentrifuge.

Das verringert den Aufwand gegen Ende der Produktion. Zur Einordnung: Eine Anlage, die 5000 Zentrifugen hat, um Uran auf vier Prozent anzureichern, braucht laut "Guardian" nur etwa 1500 solcher Maschinen, um diesen Wert auf 20 Prozent zu erhöhen. Um von dort auf die für die Bombe benötigten 90 Prozent zu kommen, seien nur noch ein paar hundert Zentrifugen nötig.

Welche Hürden gibt es sonst?

Da Iran aktuell wohl vor allem Uran besitzt, das eine 235-Konzenration von weniger als vier Prozent hat, schätzen Experten, dass es etwa ein Jahr dauern würde, um genug Material für eine Bombe anzureichern. Zudem braucht es Fachwissen, um aus dem Material tatsächlich eine atomare Waffe zu konzipieren.

Zuletzt hat Irans Präsident Hassan Rohani immer wieder erklärt, dass er grundsätzlich bereit sei, dass Atomabkommen zu retten, wenn die USA ihre Sanktionen aufheben. Das erscheint derzeit allerdings unwahrscheinlich.

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