Damm aus der Steinzeit Ältestes Bollwerk gegen steigenden Meeresspiegel entdeckt

Nach der letzten Eiszeit stiegen die Pegel im Mittelmeer erheblich, viele Küstenstädte gingen unter. Ein Blick in die versunkene Welt zeigt, wie die Bewohner vor 7000 Jahren gegen das Wasser ankämpften.
Stürme legen die 7000 Jahre alten Mauerreste im heutigen Israel immer wieder frei

Stürme legen die 7000 Jahre alten Mauerreste im heutigen Israel immer wieder frei

Foto: E. Galili with the exception of Fig 3G by V. Eshed

Die Küstensiedlung Tel Hreiz, im heutigen Israel gelegen, war für etwa 300 bis 500 Jahre bewohnt. Zunächst lag sie in sicherer Höhe zwei bis drei Meter über dem Meeresspiegel. Doch die schmelzenden Eismassen der letzten Eiszeit ließen die Pegel immer weiter ansteigen.

Mit einer Steinmauer versuchten sich die steinzeitlichen Bewohner des Ortes vor den Fluten zu schützen. Vor etwa 7000 Jahren bauten sie die mehr als 100 Meter lange Anlage, wie ein internationales Forscherteam im Fachmagazin "Plos One"  berichtet. Die Konstruktion sei die älteste bekannte Küstenschutzanlage der Welt.

"Während der Jungsteinzeit erlebten Menschen im Mittelmeerraum einen Meeresspiegelanstieg von vier bis sieben Millimeter pro Jahr oder etwa zwölf bis 21 Zentimeter im Verlauf eines Lebens", sagt Ehud Galili von der Universität Haifa in Israel. Auch die Überschwemmungen durch Stürme nahmen in dieser Zeit zu.

Diese Karte zeigt, wo die Mittelmeerküste vor gut 7000 Jahren verlief.

Das eingesetzte Viereck zeigt den alten Küstenverlauf

Das eingesetzte Viereck zeigt den alten Küstenverlauf

Foto: J. McCarthy, E. Galili and J. Benjamin

Tel Hreiz liegt vor der Carmel-Küste im Norden Israels. Schon in den Sechzigerjahren erkannten Archäologen, dass hier eine versunkene Siedlung liegen musste. Systematische Untersuchungen blieben jedoch zunächst aus, auch weil die Überreste meist verborgen unter dem Meeresboden liegen. 2012 und 2015 legten jedoch schwere Stürme eine Anlage aus Gesteinsbrocken frei. Sie befindet sich auf Meeresseite etwa drei Meter von der damaligen Siedlung entfernt.

Forscher untersuchten die Anlage daraufhin mehrfach bei Tauchgängen, fotografierten und vermaßen sie und sammelten Fundstücke ein. Dabei mussten sie schnell vorgehen, denn innerhalb weniger Tage verschwand die Anlage wieder unter Sand. Sie entdeckten bei ihren Tauchgängen Keramiken der Wadi-Rabah-Kultur, Steingeräte, menschliche Skelette sowie Überreste von Haustieren wie Schweinen, Hunden und Rindern. Die Funde sind zwischen 7000 und 7500 Jahre alt.

Plackerei gegen den Meeresspiegelanstieg

Die Steinmauer verlief parallel zum heutigen Küstenverlauf. Sie besteht aus rundlichen Gesteinsbrocken, jeder bis zu einem Meter breit, einem Meter hoch und bis zu einer Tonne schwer. Die Forscher glauben, dass die Bewohner die Steine eigens von einem etwa zwei Kilometer entfernten Flussbett herbeischleppten. Auf natürliche Weise konnten die Steine auf jeden Fall nicht ins Meer gelangt sein.

Die Forscher sind deshalb überzeugt, dass es sich bei dem Bauwerk um eine Anlage zum Schutz vor dem steigenden Meeresspiegel handelt. Für die These spricht auch, dass die Mauer exakt so liegt, dass das Zentrum der Siedlung geschützt war. Theoretisch wäre auch denkbar, dass die Steine ein Feld oder eine Weide begrenzen sollten. Aber so nah an der Küste mache das kaum Sinn, argumentieren die Forscher.

Die Bemühungen der Bewohner waren allerdings vergebens: Sie mussten die Siedlung schließlich aufgeben. Sie versank im Meer.

"Der heutige Meeresspiegelanstieg hat bereits rund um die Welt zur Erosion tief gelegener Küsten geführt", mahnt Jonathan Benjamin von der Flinders University, der ebenfalls an der Studie mitgearbeitet hat. "Angesichts der Größe der Küstenbevölkerung und der Siedlungen wird das Ausmaß künftiger Umsiedlungen erheblich von dem abweichen, was die Menschen in der Steinzeit erlebten."

koe/dpa
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