Israels Bombenangriff Satellitenbilder sollen syrischen Atomreaktor zeigen

Welches Ziel hat Israel im September in Syrien bombardiert? Experten aus Washington haben jetzt Satellitenbilder vorgelegt, die angeblich einen Atomreaktor im Bau zeigen. Kritiker bezweifeln die Darstellung.

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Am 6. September donnerten israelische Kampfjets über Syrien hinweg. Sie warfen ihre Bomben auf ein militärisches Ziel ab. Mehr hat die israelische Regierung bisher nicht bekannt gegeben. Was der Angriff bezweckte, was genau bombardiert wurde - diese Fragen führen bis heute zu wilden Spekulationen. Unabhängige Experten des Isis-Instituts in Washington haben jetzt Satellitenbilder veröffentlicht, die den Verdacht bestätigen könnten, dass bei dem Angriff ein Atomreaktor getroffen wurde. Doch die Schlussfolgerungen der Forscher sind umstritten.

Die Atomreaktor-These geht seit Wochen durch die Medien. "Der Luftangriff hatte eine entstehende Nuklearanlage zum Ziel, die mit nordkoreanischer Expertise gebaut wurde", behauptete ABC News zwei Wochen nach dem Angriff. Der US-Sender wollte von "dramatischen Details" wie einem in die Anlage eingeschleusten Geheimagenten erfahren haben. Die "Washington Post" meldete noch am gleichen Tag, Syrien schaffe die Reste der bombardierten Gebäude inzwischen beiseite. "Das könnte ein Versuch sein, eine internationale Begutachtung zu verhindern", spekulierte die Zeitung. US-Beamte hätten auf Satellitenbildern Anzeichen eines "kleinen, aber bedeutsamen" Nuklearreaktors entdeckt, der nordkoreanischen Anlagen ähnele.

All dies waren nicht gesicherte Informationen - doch jetzt bringt das Isis-Institut mit seiner Veröffentlichung Bewegung in den Fall. In dem fünfseitigen Papier veröffentlicht es ein Satellitenbild, das die mutmaßlich bombardierte Anlage am 10. August zeigen soll, also rund vier Wochen vor dem Angriff (siehe Fotostrecke).

Verdächtige Ähnlichkeit mit Yongbyon-Reaktor

Auf dem Bild ist ein großes Gebäude mit quadratischem Grundriss zu sehen, flankiert von einem Nebengebäude und einigen Lastwagen. In einiger Entfernung, am Ufer des Euphrat, steht ein weiteres Gebäude. Nach Meinung von David Albright und Paul Brannan, den Autoren des Isis-Berichts, könne es sich dabei um ein Pumpwerk handeln. Einige Kilometer nördlich der Anlage ist eine Landebahn auszumachen.

Das alles führt Albright und Brannan zu der Vermutung, es könne sich tatsächlich um einen im Bau befindlichen Atommeiler handeln, der technisch dem international umstrittenen Gas-Graphit-Reaktor im nordkoreanischen Yongbyon ähnelt:

  • Die Abmessungen der beiden Hauptgebäude seien nahezu identisch.
  • Das Pumpwerk könne Kühlwasser zum Reaktor führen.
  • Die Überdachung des Gebäudes in der frühen Bauphase deute auf eine russisch-nordkoreanische Reaktor-Bauweise hin. Denn diese Meiler würden am Bauplatz Stück für Stück errichtet und nicht in vormontierten Teilen angeliefert.

Sascha Lange von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik hält nicht viel vom Isis-Bericht. "Auf dem Satellitenbild ist kein militärisches Sperrgebiet zu sehen", sagte der Experte SPIEGEL ONLINE. Auf dem Foto seien keinerlei Absperrungen oder Überwachungsgebäude erkennbar, aber "gerade die syrische Regierung würde eine solche Anlage nicht nur mit einem Strauch und zwei Polizisten absichern".

Uran und Atomwaffen
Uran
Uran eignet sich sowohl für die Energiegewinnung als auch für den Einsatz in Atomwaffen. Entscheidend ist der Grad der Anreicherung. Der Ausgangsstoff Uranerz besteht zu rund 99,3 Prozent aus Uran 238; das spaltbare Uran 235 macht nur etwa 0,7 Prozent aus. Für die Nutzung in Kernreaktoren muss der Anteil von Uran 235 auf drei bis fünf Prozent gesteigert werden, für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent notwendig.
Anreicherung
Uranerz wird nach dem Abbau zunächst zu einem gelblichen Pulver verarbeitet, dem sogenannten Yellowcake. Es dient zur Herstellung von Brennelementen für Reaktoren, kann aber zwecks Anreicherung auch in Uran-Hexafluorid (UF6) umgewandelt werden, das bis 56 Grad Celsius in kristalliner Form vorliegt und darüber gasförmig ist.

Die meisten Anreicherungsanlagen weltweit basieren auf der Gasdiffusion: Gasförmiges Uran-Hexafluorid wird durch halbdurchlässige Membrane gepresst, wobei sich das Uran 235 vom Rest trennt. Das Verfahren gilt inzwischen jedoch aufgrund seines hohen Energiebedarfs als veraltet.

Eine modernere Methode ist die Gaszentrifuge, an der auch in Iran experimentiert wird. Bei ihr macht man sich den Massenunterschied zwischen beiden Uran-Isotopen zunutze: Wird Uran-Hexafluorid in die Zentrifugen gegeben, sammeln sich die schwereren Uran-238-Moleküle bei bis zu 70.000 Umdrehungen pro Minute außen in den Zylindern, die Uran-235-Moleküle bleiben innen.
Einsatz in Atomwaffen
Für den Einsatz in Kernreaktoren genügt es bereits, wenn Uran 235 zu drei bis fünf Prozent in den Brennelementen angereichert ist. Ab 20 Prozent ist von hochangereichertem Uran die Rede. Für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 80 Prozent erforderlich, da sonst eine zu große Uranmenge notwendig wäre.

Uran 235 kam in der ersten jemals eingesetzten Atombombe, die am 6. August 1945 Hiroshima zerstörte, als Sprengstoff zum Einsatz. Die Sprengkraft lag bei rund 13 Kilotonnen TNT. Die Bombe, die drei Tage später auf Nagasaki abgeworfen wurde, erreichte 20 Kilotonnen TNT. In ihr kam allerdings nicht Uran zum Einsatz, sondern Plutonium 239, das per Neutronenbeschuss in Brutreaktoren aus Uran 238 gewonnen wird.

Außerdem zeigen die Satellitenbilder im Isis-Bericht die Anlage nur vor dem Bombardement, aber nicht danach. "Damit fehlt jeder direkte Beweis eines Angriffs", sagt Lange. Allein aus den Abmessungen des Hauptgebäudes auf einen Atomreaktor nordkoreanischer Bauart zu schließen, habe wenig Sinn. "Da könnte man genauso gut das Berliner Reichstagsgebäude von oben fotografieren und als Atomreaktor verdächtigen. Das Isis-Papier macht insgesamt den Eindruck, als wäre es spekulativ aus der Hüfte geschossen."

Experten bezweifeln Reaktor-Theorie

Zwar formulieren Albright und Brannan ihre Atomreaktor-Vermutung äußerst vorsichtig und betonen, dass das vorliegende Satellitenbild nicht ausreicht, um einen "definitiven Vergleich" mit dem Yongbyon-Reaktor zu ziehen. Lange aber sieht darin kein Zeichen wissenschaftlicher Zurückhaltung: "Dieser Bericht suggeriert gezielt die Möglichkeit eines Atomreaktors. Der Verdacht, dass die Autoren eher auf die Publizität abzielen, lässt sich nicht ausschließen."

Auch andere Experten melden Zweifel an Albrights und Brannans Thesen an. Die Reaktorgebäude in Nordkorea zum Beispiel sähen auf Satellitenbildern "nach überhaupt nichts aus", sagt John Pike, Direktor von "Globalsecurity.org" und renommierter Rüstungsexperte, der "Washington Post". "Es sind nur Gebäude mit einer Metallhülle." Auch die Nähe zum Wasser sei für sich genommen nicht aussagekräftig.

Der Berliner Militärfachmann Otfried Nassauer rät generell zur Vorsicht bei Vergleichen zwischen den Anlagen in Syrien und Nordkorea. "Bisher gibt es hier lediglich eine Reihe von spekulativen Denkansätzen." Die Satellitenbilder lieferten keine zwingenden Beweise, welches Ziel die Israelis bombardiert haben und wozu es diente.

Rätselraten über politische Motive

Doch selbst wenn es ein im Bau befindlicher Atomreaktor gewesen sein sollte, scheint unter Fachleuten in einem Punkt Einigkeit zu herrschen: Es hätte noch Jahre gedauert, ehe ein syrischer Atomreaktor einsatzbereit gewesen wäre - ganz zu schweigen von der Gewinnung atomwaffenfähigen Materials. Denn dazu ist zusätzlich eine Anlage nötig, die das Plutonium vom restlichen strahlenden Brennmaterial aus dem Reaktor trennt. Ob Syrien eine solche Anlage besitzt oder auch nur plant, ist unbekannt. Das geben auch Albright und Brannan zu.

Die Spekulationen um den Bombenangriff erinnern entfernt an jenes Schauspiel, das der damalige US-Außenminister Colin Powell kurz vor dem Irak-Krieg im Uno-Sicherheitsrat in New York gegeben hat: Satellitenbilder sollten beweisen, dass der Irak Massenvernichtungswaffen herstellt. Auch der jetzige Vorfall in Syrien werde "instrumentalisiert für strategische Fragestellungen", sagt Nassauer. Die Internationale Atomenergie-Behörde (IAEA) jedenfalls gehe angesichts der derzeitigen Datenlage nicht von der Existenz eines syrischen Reaktors aus.

Syrien selbst wies den Vorwurf scharf zurück, ein geheimes Atomprogramm zu betreiben. "Es gibt keine Nuklearanlage in Syrien", sagte Uno-Botschafter Baschar Dschaafari. Auf die Frage, was in der Region mit einer Atomanlage verwechselt werden könnte, sprach er von einem Zentrum für die Erforschung von Wüstengebieten.

Hacker-Angriff auf syrische Luftverteidigung?

Neben der politischen bekommt der Bombenangriff inzwischen noch eine weitere, technische Dimension. Denn unklar ist, wie die israelischen Bomber überhaupt unbehelligt in den Luftraum Syriens eindringen konnten, der dank russischer Raketensysteme als gut gesichert gilt.

Das Luftfahrt-Fachblatt "Aviation Week" berichtet, dass der Vorfall einiges über die Zukunft der elektronischen Kriegführung verraten könnte. Sowohl Vertreter der US-Luftfahrtindustrie als auch ehemalige Offiziere hätten angedeutet, dass Israel eine Technologie ähnlich des amerikanischen "Suter"-Systems verwendet habe.

Das US-System sei in Irak und Afghanistan "zumindest getestet" worden, schreibt das Magazin. Grob dargestellt soll es so funktionieren: Drohnen dringen in den Luftraum und in die Überwachungssysteme des Feindes ein. Dadurch könne der Angreifer nicht nur sehen, was die Sensoren des Feindes auffangen, sondern Letztere auch so manipulieren, dass anfliegende Kampfjets nicht erfasst werden. Dazu müssten die Drohnen laut "Aviation Week" die feindlichen Sender präzise lokalisieren und sie mit Datenströmen füttern, die unter anderem falsche Ziele vorgaukeln und irreführende Nachrichten absetzen.

Das Magazin nannte es in diesem Zusammenhang "interessant", was die kuweitische Zeitung "Al-Watan" über den israelischen Bombenangriff berichtete: Russische Experten seien nach Syrien gereist. Sie hätten herausfinden wollen, warum die nach besten russischen Standards gebauten Radarsysteme die israelischen Jets nicht aufgespürt hätten.



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