Istanbul Alter Hafen öffnet Fenster in die Antike

Als Bauarbeiter im November 2005 in Istanbul auf Reste eines alten Hafens stießen, ahnten nur wenige, was dort im Erdboden schlummern könnte. Inzwischen ist klar: Es ist der antike Hafen Konstantinopels. Die größte Grabungsstätte in der Geschichte Istanbuls gibt immer neue Überraschungen frei.


Auf den ersten Blick ähnelt die Grabungsstätte einer Baustelle in einem verfallenden Stadtviertel: eine tiefe Grube, umgeben von verlassenen Häusern und hohen Stapeln von Kisten, die bis zum Rand mit Scherben gefüllt sind. Doch was Bauarbeiter im November 2005 bei der Ausschachtung eines riesigen Eisenbahntunnels gefunden haben, ist weit mehr als wertloser Unrat: Die Scherben sind mehr als 1500 Jahre alt und entstammen einem antiken byzantinischen Hafen.

In Istanbul ist es ähnlich wie in Rom oder Athen: Man kann kaum irgendwo einen Spaten in den Boden rammen, ohne auf Spuren aus alter Zeit zu stoßen. Doch der Hafen im Stadtviertel Yenikapi ist kein alltäglicher Fundort: Er hat sich zur größten archäologischen Ausgrabungsstätte in der Geschichte Istanbuls entwickelt, und erst jetzt stellt sich heraus, wie groß der Hafen einst wirklich war.

"Missing Link" in der Geschichte des Schiffsbaus

Archäologen nennen ihn den "Hafen von Theodosius", nach dem Kaiser, der von 379 bis 394 das oströmische und byzantische Reich regierte und im letzten Jahr vor seinem Tod im Jahr 395 der letzte Herrscher des gesamten Römischen Reichs war. Von den Ausgrabungen erhoffen sich die Wissenschaftler neue Erkenntnisse über das Wirtschaftsleben in der Stadt, die einst Konstantinopel hieß und Hauptstadt des oströmischen und byzantinischen Reichs war.

Für Cemal Pulak von der Texas A&M University und dem türkischen Institut für Meeresarchäologie kam die Entdeckung des Hafens zunächst kaum überraschend: Aus alten Dokumenten sei bekannt gewesen, dass der Hafen irgendwo in der Nähe von Yenikapi liegen musste. Die 17 Archäologen, 3 Architekten und 350 Arbeiter, die derzeit an der Grabungsstätte aktiv sind, haben inzwischen erstaunliche Funde gemacht: ein Gebäude, das wahrscheinlich eine Kirche war, ein altes Stadttor und acht Schiffe.

Die Schiffe hält Pulak für besonders interessant: Er glaubt, dass alle acht im gleichen Sturm gesunken sind. Die hölzernen Gefährte, wahrscheinlich rund 1000 Jahre alt, seien eine Art "Missing Link", ein fehlendes Bindeglied in der Geschichte des Schiffsbaus, da sie alte und neue Konstruktionstechniken in sich vereinten. "Der untere Teil wurde auf die alte Art, der obere Teil auf moderne Weise gebaut", erklärte Pulak.

U-Bahnhof könnte verlegt werden

Die Arbeiten am Marmaray-Tunnel haben auch archäologische Funde im Bezirk Uskudar auf der asiatischen Seite Istanbuls und in den westlichen Bezirken Sirkeci und Veznedar zutage gefördert. Die meisten Stücke - ihre Zahl geht in die Zehntausende - werden katalogisiert und dann wieder an ihrem Fundort vergraben, sagte Metin Gokay vom Archäologischen Museum von Istanbul. Nur ein kleiner Teil sei von der Qualität, die für eine Ausstellung in einem Museum notwendig sei. Andere würden für die Forschung benutzt.

Gerade der antike Müll verrät den Wissenschaftlern vieles über das damalige Leben. Hunderte von kaputten Gefäßen zeigen etwa, wie die Händler Wein und Olivenöl transportiert haben. "Wir haben Dinge gefunden, die wichtige Erkenntnisse über die Geschichte Istanbuls ermöglichen", sagte Ismail Karamut, der Leiter der Ausgrabung.

Wenn die Arbeit beendet ist, soll offiziellen Angaben zufolge ein Museum an der Grabungsstelle gebaut werden. Wie wichtig dem türkischen Staat das kulturelle Erbe ist, zeigt auch die Wirkung der Funde auf die Baupläne: Wo der Theodosius-Hafen liegt, sollte der Marmaray-Tunnel eigentlich in einen riesigen U-Bahnhof münden. Inzwischen wird darüber nachgedacht, den Bahnhof weiter außerhalb Istanbuls zu errichten.

mbe/AP



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