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14. März 2007, 12:24 Uhr

Jagd und Krieg

Horror-Souvenirs vom Pazifik-Schlachtfeld

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Knochen, Zähne, ganze Schädel: Aus dem Krieg gegen Japan haben US-Soldaten grausige Trophäen mitgebracht. Militärs rügten, Politiker protestierten, die Öffentlichkeit staunte - doch die Verrohung war nicht auszumerzen. Jetzt versuchen Anthropologen die Barbarei zu erklären.

Guadalcanal, Herbst 1942: Die Tropeninsel östlich von Neuguinea war seit Wochen Schauplatz blutiger Kämpfe zwischen US-amerikanischen Landungstruppen und japanischen Einheiten. Am Strand sitzen zwei Marines um einen Kochtopf auf einem Lagerfeuer, ein Kamerad fotografiert sie. Harmlos, fast idyllisch - wenn da nicht der deutlich sichtbare Inhalt des Topfes wäre, ein Menschenkopf. Doch zeugt das makabre Foto, das der US-Kulturhistoriker und -Schriftsteller Paul Fussell in seinem Buch "Thank God for the Atom Bomb" (1988) beschreibt, nicht von kannibalisch-kulinarischen Gelüsten.

Die Soldaten präparierten vielmehr den Schädel eines gefallenen Japaners für zuhause – eine im Pazifikkrieg nicht seltene Praxis. Anthropologen und Historiker kennen das Phänomen, Kopfjagd kommt nicht nur in primitiven Gesellschaften vor.

Im Zweiten Weltkrieg nahm die Sammelleidenschaft gar solche Ausmaße an, dass sich sogar die US-Militärführung damit beschäftigen musste. Am 1. Oktober 1943 erhielt General Douglas MacArthur, Oberbefehlshaber im Südwest-Pazifik, einen offiziellen Rüffel aus Washington: Man sei besorgt über Zeitungsberichte, die beschrieben "wie ein Soldat sich eine Kette aus Zähnen japanischer Soldaten gemacht hat" oder wie "Schädel als Souvenirs präpariert werden" - eine Vielzahl von Einzelfällen, auch im Tagebuch des Flugpioniers Charles Lindbergh, damals als Militärberater tätig, sind solche Vorfälle dokumentiert. So berichtete er noch am 14. August 1944 von Schädel-Präparationen auf den Marshall-Inseln.

Im Mai 1944 hatte ein Foto im "Time"-Magazine in den USA für Aufsehen gesorgt. Es zeigte die 20-jährige Natalie Nickerson aus Phoenix (US-Bundesstaat Arizona), der ein Marine-Leutnant einen japanischen Schädel geschickt hatte. Natalie selbst verfasste auf dem Foto in beinahe hamletscher Pose eine Dankesnotiz an ihren Leutnant. "Time" bemerkte jedoch: "Die Streitkräfte missbilligen dergleichen scharf" - offenbar jedoch nur mit mäßigem Erfolg.

Präsidenten-Geschenk aus Japaner-Knochen

Säuberlich präparierte Schädel oder Zähne per Paket an die Daheimgebliebenen - Präsident Franklin D. Roosevelt bekam 1944 von einem Kongress-Abgeordneten gar einen Brieföffner aus japanischen Knochen geschenkt. Er nahm ihn nicht an.

Was desensibilisiert Menschen dermaßen fürs Makabere? Heute beschäftigen sich Wissenschaftler mit dem pazifischen Souvenirtrieb. Der Anthropologe Simon Harrison von der University of Ulster in Colerain nimmt in der Fachzeitschrift "Journal of the Royal Anthropological Institute" (Ausgabe 12, S. 817-836) die "alle Grenzen überschreitenden Erinnerungs-Gegenstände" ("Transgressive Objects of Rememberance") unter die Lupe.

"Ein solches Verhalten tritt nur unter besonderen Bedingungen zutage", sagt der Forscher zu SPIEGEL ONLINE. Um diese einzugrenzen, sichtete er Zeitungsberichte von den vierziger Jahren bis zur Gegenwart, literarische Berichte wie jene von Fussell, historische und anthropologische Fachaufsätze. Seine Hypothese: "So etwas tritt in Kriegen auf, in denen der Feind nicht als menschliches Wesen betrachtet wird und die Soldaten aus einer Gesellschaft kommen, in der die Jagd eine wichtige Rolle für die Definition von Männlichkeit spielt."

Nach einer Kamikaze-Attacke auf ein US-Kriegsschiff beschreibt ein Besatzungsmitglied, wie er mit seinen Kameraden in den Trümmern nach "Jap Souvenirs" suchte: "Einer hatte einen Jap-Skalp, (…) einer der Männer eine Jap-Rippe." Ein Navy-Leutnant schrieb seiner Frau 1945 von den Philippinen: "Ich dachte mir, ich schicke Mal einen Jap-Skull heim" - jap skull, frei übersetzt Japse, mit diesem Präfix wurden damals die Erinnerungsstücke politisch inkorrekt bezeichnet.

"Lizenzen für die Jagd auf Japaner"

Ohne einen gewissen von Kriegspropaganda angeheizten Rassismus kann sich Harrison die Trophäenjagd nicht erklären. Die japanischen Gegner seien häufig als "gelbes Ungeziefer" bezeichnet worden. "An der Front betrachtete man Japaner als unmenschlich und abstoßend, so wie manche Menschen auf Kakerlaken oder Mäuse reagieren", schrieb ein US-Kriegskorrespondent. Affen, Ratten, Läuse, Ungeziefer, Reptilien und so fort - solche Formulierungen fand Harrison aus der Zeit nach dem Überfalls auf Pearl Harbor zuhauf.

Doch für den Sozialanthropologen Harrison, der sich mit der Kriegsführung pazifischer Inselvölker beschäftigt hat und zu Feldstudien in Papua-Neuguinea lebte, gibt es eine zweite kulturelle Komponente: Mit "uneingeschränkten Lizenzen für die Jagd auf Japaner" hatten US-Rekrutierungsbüros in den vierziger Jahren geworben. In der Parallele zur Pirsch bei traditionellen Jagdausflügen sieht Harrison den Schlüssel für die Kopfjagd in Uniform.

Der Forscher argumentiert: Auf Europas Kriegsschauplätzen gab es keine vergleichbare Trophäenjagd, selbst während des barbarischen Wütens der Hitlertruppen an der Ostfront nicht. Und während deutsche und alliierte Soldaten zuweilen Ausrüstungsstücke oder Uhren gefallener Gegner eingesteckt hätten, seien deren Körper nicht als Beute betrachtet worden.

Krieg, Jagd und Männlichkeit

"Im 19. Jahrhundert haben britische und deutsche Militärangehörige in Süd- und Ostafrika manchmal Köpfe und Schädel afrikanischer Menschen als Trophäen genommen", schreibt Harrison. Dies habe sich aber auf höhere Dienstgrade beschränkt, eben jene Vertreter gesellschaftlicher Eliten, denen auch daheim die Jagd vorbehalten gewesen sei. Das sei in den USA des 20. Jahrhunderts anders gewesen, und so habe die einzigartige Mischung aus Rassismus und Jagdkultur entstehen können. Harrison weist darauf hin, dass US-Soldaten auch in den Korea- und Vietnam-Kriegen - wenn auch in geringerem Umfang - Köpfe als Souvenirs präpariert haben.

Krieg, Jagd und Männlichkeit, diese gefährliche Mixtur wird im Kinofilm "The Deer Hunter" (1978, "Die durch die Hölle gehen") besonders anschaulich dargestellt. Regisseur Michael Cimino zeigt darin drei Jagdfreunde aus einer US-Kleinstadt und ihr Schicksal im Vietnamkrieg. Das kriegskritische Werk über die Idealisierung von Männerbünden und deren Ritualen erhielt 1979 fünf Oscars.

Rene Gingrich, Anthropologe an der Universität Wien, kennt - wie viele andere Historiker und Anthropologen auch - das Phänomen der makabren Souvenirs. Mit der Interpretation Harrisons stimmt er aber nicht ganz überein: "Er legt zu sehr die Betonung auf kulturelle Faktoren und auf die amerikanische Gesellschaft, seine These ist nicht genug empirisch gestützt". Gingrich glaubt, dass der Faktor der Geschlechterrolle viel bedeutender ist: "Kopfjagd kann kulturübergreifend Männlichkeitsideale ansprechen." Ähnliche, der Öffentlichkeit kaum bekannte, Vorfälle aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg oder der Schädel-Skandal der Bundeswehr in Afghanistan sprächen dafür.

"Erschossen in Guadalcanal"

Forscher Harrison bezeichnet in seinem Fachaufsatz den Krieg sarkastisch als "Fortsetzung des Tourismus mit anderen Mitteln" - wenngleich nur für eine Minderheit der Soldaten. Diese Trophäenjäger hätten aber ausgereicht, um kirchliche und humanistische US-Gruppen in den vierziger Jahren zu vehementen Protesten zu bewegen.

Von seinen Feldstudien in Neuguinea weiß Harrison aber auch, was eine ganze Nation von Kopfjägern ausmacht - und dass die USA keine solche sind. Denn nach Kriegsende verschwanden die makabren Souvenirs schnell aus dem öffentlichen Bewusstsein, anstatt kulturell integriert zu werden: Schädel verstaubten in Schränken und Kellern. Ehefrauen ekelten sich, Veteranen wurden von Schuldgefühlen geplagt. Einige übergaben ihre Beutestücke später japanischen Organisationen.

So wandte sich ein Texaner im Jahr 1993 an die Zeitung "Dallas Morning News": Ein Angehöriger besitze einen japanischen Schädel. "Erschossen in Guadalcanal", war in den Totenkopf geritzt worden, dazu Unterschriften, Spitznamen und die Heimatorte der beteiligten Soldaten. Heute bereue sein Verwandter die Schändung des Japaners. "Er verteidigte sein Land genauso, wie wir unseres verteidigten", erklärte der Angehörige dem Journalisten. "Ich denke, er hat es verdient mit japanischen Ehren bestattet zu werden". Per Paketpost gelangte das Kriegssouvenir schließlich, nach sechs Jahrzehnten, zu einem Priester in Tokio.

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