Jahr 2000 Im Zeichen der Null

Wenn das neue Jahrtausend beginnt, dürfen wir den alten Indern dankbar sein. Denn wahrscheinlich waren sie die ersten, die das Kreis-Symbol für die Null benutzten. Ohne dieses Zeichen könnten wir unser nächstes Jahr, die Zahl "2000", gar nicht schreiben.

Von Annette Bolz


Am Anfang war ein runder Kringel. "Kha" nannten die Inder ihn. Das bedeutete zugleich Loch und Höhle, aber auch Himmel. Ob die Inder das runde Zahlen-Symbol tatsächlich zuerst erfanden oder die Chinesen, ist unter Experten noch immer umstritten. Jedenfalls war es der Inder Aryabhata, übersetzt: der "edle Meister", der den Kringel erstmals in seinem mathematischen Werk "Aryabhatya" nannte. Das war 499 nach Christus' Geburt. Die Birkenrinde, auf die der Meister damals schrieb, ist natürlich längst verfault. Daher ist unbekannt, wie der Inder die Null im Detail gemalt hat.

Gedacht war die Null als "Platzhalter in einem Positionssystem", erklärt Karin Reich, Expertin für die Geschichte der Naturwissenschaften an der Universität Hamburg. Denn die Inder hatten ein Problem bei ihren Rechenschiebern: Nach der Neun beginnt mit der Zehn die nächsthöhere Zahlenreihe. Doch wie sollten sie die höher stehende Reihe kennzeichnen, wenn nur neun Zahlensymbole zur Verfügung stehen? Eine freie Stelle auf dem Abakus käme dafür zwar in Frage, schiebt sich aber leicht zu oder wird leicht übersehen. Daher musste ein handfestes Symbol für die Lücke her: "Kha", das Loch.

Während sich die Einwohner Europas immer noch mit dem römischen Zahlensystem herumschlugen und ein "X" für eine Zehn, ein "C" für die Hundert und ein "M" für die Tausend malten, klauten die Araber die schicke Idee mit der Null von den Indern. Genauer: Sie übernahmen den Platzhalter von dem indischen Mathematiker Brahma-Gupta. Dessen Mathe-Buch, um etwa 600 herum geschrieben, wurde im siebten und achten Jahrhundert mehrfach ins Arabische übersetzt. Dabei mutierte auch der Buchtitel: Aus Brahma-Guptas "Siddhanta" wurde "Sinthint", das Lehrbuch von den Indern (Hint).

Das Abendland blieb weiterhin ohne Null. Erst im 10. Jahrhundert, als in Sizilien und Spanien die Mauren herrschten, bekamen die Europäer Wind von dem indischen Kringel. "Die Christen haben's aber schön langsam aufgenommen", erzählt Reich. Denn erst im 13. Jahrhundert begannen die damaligen Global Players - europäische Kaufleute, die internationalen Handel betrieben - mit dem Platzhalter zu operieren. Die einfacheren Krämerseelen und das Volk warteten nochmals 300 Jahre, bis sie ihre Rechenbücher mit den römischen Zahlen auf den Müll warfen. Bis zum 16. Jahrhundert war es in Deutschland immer noch möglich, jemandem ein "X" (römische Zehn) für ein "U" (römisches V, für Fünf) vorzumachen.

Doch auch in dieser Zeitspanne war die Null meist ein Platzhalter und keineswegs ein anerkanntes Symbol für diejenige nicht-natürliche Zahl, die unter der Eins steht. Die Null als Nichts, als philosophisches Konstrukt, war den Kaufleuten egal, mutmaßt Reich. Erst Adam Ries, nach dem wir heute immer noch rechnen, führte die Null im 16. Jahrhundert als nicht-natürliche Zahl ein, die fortan in den Lehrbüchern vor der Eins genannt wird.

Der Name der Null stammt im übrigen aus dem Lateinischen. Die Römer sagten "nullus", wenn sie "keiner" meinten. Als Begriff für das Nichts wurde "Null" erst ab dem 16. Jahrhundert in Deutschland benutzt. Zuvor sagte man zu dem Platzhalter "Ziffer". Dieses Wort leitet sich aus dem Arabischen ab: "Sifr" bedeutet Null. Abgeleitet ist es von dem Eigenschaftswort "safira", das "leer sein" meint - eben die Leerstelle, das Loch, "Kha".



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