Japan DNA-Bank soll bei Identifizierung der Tsunami-Toten helfen

Japanische Behörden stehen vor einer grausamen Puzzle-Arbeit. Sie müssen nach der Naturkatastrophe vom März Tausende Leichen identifizieren. Jetzt sollen DNA-Analysen Gewissheit bringen. Derweil misst Greenpeace Radioaktivität im Meer vor der AKW-Ruine Fukushima.

AFP

Im Dezember 2005 machten thailändische Bauarbeiter im Ort Baan Nijang einen grausigen Fund: Beim Baggern einer Grube entdeckten sie die skelettierte Leiche einer Frau. Zunächst wusste niemand, wer die Frau war. Fast ein Jahr verging, bis die menschlichen Überreste identifiziert werden konnten. Bei der Frau handelte es sich um eine 43-jährige Münchnerin, die bei der Tsunami-Katastrophe am 25. Dezember 2004 ums Leben gekommen war und seither als vermisst galt. Erst nachdem die Leiche an die internationale Tsunami-Identifizierungskommission übergeben worden war, brachte eine DNA-Analyse die bittere Gewissheit.

Die Arbeit der Forensiker, die sich um die Identifizierung der Tsunami-Opfer gekümmert haben, gleich einem riesigen Puzzle - Hunderttausende von Menschen wurden von den Riesenwellen in den Tod gerissen. Knapp ein Jahr nach der Naturkatastrophe verwahrten thailändische Behörden noch etwa 1400 nicht identifizierte Leichen.

Auch die japanischen Behörden müssen sich nach dem Tsunami und dem gewaltigen Erdbeben vom 11. März dieser Herausforderung stellen. Wie japanische Medien am Dienstag berichteten, wollen die Polizeibehörden der besonders betroffenen Präfekturen Iwate, Miyagi und Fukushima im Nordosten des Landes Angehörige um DNA-Proben von Vermissten bitten. Ziel der Aktion ist es, eine DNA-Datenbank einzurichten, mit der die Identifizierung der Opfer der Katastrophe gelingen soll.

Systematischer Einsatz

Wie die Nachrichtenagentur Kyodo schreibt, könnten so innerhalb kurzer Zeit zehntausende Erbgutproben zusammengetragen werden. Die DNA-Proben sollen auch auf Gegenständen sichergestellt werden, die den Vermissten gehörten, berichtete der Fernsehsender NHK. Den Berichten zufolge habe die Polizei bereits mit Erbgutanalysen zur Identifizierung der Opfer begonnen. Diese Methode solle nun aber systematischer zum Einsatz kommen. Die Zeit drängt: Weil die Leichen im Zustand fortgeschrittener Verwesung seien, werde ihre Identifizierung immer schwieriger. DNA-Analysen könnten es den Angehörigen ersparen, sich auf der Suche nach ihren Liebsten zahlreiche Leichen ansehen zu müssen.

Bei einer solchen Untersuchung der DNA werden bestimmte Bereiche des Erbguts entschlüsselt, die keinerlei genetische Information tragen. Innerhalb dieser sogenannten nichtcodierenden DNA gibt es Abschnitte, in denen sich kleine Einheiten aus zwei bis fünf DNA-Bausteinen einer bestimmten Reihenfolge nacheinander wiederholen. STR ("Short Tandem Repeats") heißen sie. Die Länge der Wiederholungsketten sind bei jedem Menschen unterschiedlich.

Insgesamt untersuchen Forensiker mehrere solcher STR im Erbgut und erstellen daraus ein individuelles DNA-Identifizierungsmuster, denn die Kombination aller untersuchten STR-Längen macht den genetischen Fingerabdruck unverwechselbar. Auf diese Weise können DNA-Proben, die von Angehörigen gebracht werden, mit DNA-Proben der Leichen verglichen werden - und Gewissheit bringen.

Greenpeace beginnt Messungen im Meer

Durch die Naturkatastrophe im Nordosten Japans waren nach neuen Angaben von Montag mindestens 14.728 Menschen ums Leben gekommen, 10.808 weitere wurden noch vermisst.

Unterdessen hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace am Dienstag vor der japanischen Küste nahe dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima mit Messungen der Wasserqualität begonnen. Bei den südlich des AKW vorgenommenen Tests handle sich um erste Messungen zur Bestimmung des Verschmutzungsgrads von Meeresflora und -fauna sowie den möglichen Auswirkungen auf die Nahrungskette. Das teilte die Organisation mit, die mit ihrem Flaggschiff "Rainbow Warrior II" vor der japanischen Küste unterwegs ist. Es ist eine der letzten Expeditionen des Schiffes, bevor der Nachfolger "Rainbow Warrior III" seinen Dienst aufnimmt.

Die japanische Regierung habe keine unabhängige Untersuchung in den Gewässern in einem 20-Kilometer-Radius um das AKW erlaubt, erklärte Greenpeace. Die Umweltorganisation habe Japans Ministerpräsident Naoto Kan jedoch aufgefordert, diese Entscheidung zu überdenken. Die Menschen forderten eine unabhängige Analyse über den Grad der Verseuchung und eine objektive Meinung zu möglichen Gesundheitsrisiken, erklärte Greenpeace-Strahlenexperte Ike Teuling.

Durch einen Riss in einem Reaktorgebäude der Atom-Ruine waren Anfang April etwa 520 Tonnen stark radioaktiv verseuchten Wassers ins Meer gelangt. Der Kraftwerksbetreiber Tepco leitete daraufhin Tausende Tonnen schwach radioaktiven Wassers in den Pazifik, das sich in den Atomanlagen angesammelt hatte. Damit sollte Platz für stärker radioaktiv verseuchtes Wasser geschaffen werden.

Tepco arbeitet weiterhin unter Hochdruck daran, die Lage auf dem Kernkraftwerksgelände in den Griff zu bekommen: Erstmals seit dem Unglück will der Betreiber Arbeiter in das Gebäude von Reaktorblock 1 schicken. Wie Tepco am Dienstag mitteilte, wird derzeit ein Ventilationssystem installiert, um die verseuchte Luft in dem Gebäude zu reinigen. Anschließend sollten Arbeiter in das Gebäude gehen, um die endgültige Stilllegung des Reaktors vorzubereiten.

cib/AFP

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