Spitzenforschung in Ostdeutschland Herr der Knochen

Was Wolfsburg oder Stuttgart für den Autobau sind, ist Jena für die Wissenschaft. In der Stadt in Thüringen sind ein halbes Dutzend renommierte Institute heimisch - auch das von Genforscher Johannes Krause.

Archäogenetiker Krause: "Wir sind alle Migranten"
Anna Schroll

Archäogenetiker Krause: "Wir sind alle Migranten"

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Im Büro von Johannes Krause liegen Unterschenkelknochen, Zähne und Schädelteile. Gerade ist eine neue Lieferung eingetroffen: Archäologen aus Kroatien haben ihm Überreste eines Mädchens in sein Büro geschickt, sorgsam verpackt in luftdichten Plastiktüten, einen ganzen Pappkarton voll. Johannes Krause ist Archäogenetiker und arbeitet mit Toten - jenen, die schon vor langer Zeit starben. Wie das Mädchen vor ihm, das vor mehr als 4000 Jahren nicht weit entfernt vom Adriatischen Meer ums Leben kam.

Krause ist in Leinefelde in Thüringen geboren und forscht heute am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Das Labor des 39-Jährigen hat sich auf die Analyse alter DNA spezialisiert und schafft damit eine Kombination der Disziplinen Archäologie und Genetik. Es gehört weltweit zu einer Handvoll Einrichtungen, die regelmäßig für spektakuläre Forschungsergebnisse zur Menschheitsgeschichte sorgen.

Jena galt schon zu DDR-Zeiten als Stätte der Denker und Erfinder. Damals wie heute prägte mit dem Optik-Unternehmen Carl Zeiss ein wissenschaftsaffiner Betrieb den Ort. Der Fußballklub der Stadt, immerhin dreimaliger DDR-Meister, heißt noch heute Carl Zeiss Jena. Dank neuer Förderprogramme von Bund und Land boomt die Forschung in der Stadt. Der Wissenschaftsstandort erlebe im Augenblick eine "Sternstunde", schrieb die Ostthüringer Zeitung kürzlich. Drei Max-Planck- , drei Leibniz-, ein Fraunhofer- und ein Helmholtz-Institut sind hier angesiedelt. Tausende Studenten der Friedrich-Schiller-Universität gehören zum Stadtbild, etwa 4500 Wissenschaftler arbeiten in Jena.

Die Max-Planck-Gesellschaft
    Sie ist eine der renommiertesten Forschungsorganisationen der Welt. Viele junge Wissenschaftler bewerben sich um eine Stelle an einem der mehr als 80 Institute und Forschungseinrichtungen, gelten sie doch als Sprungbrett für die Karriere. Die Einrichtungen entstehen um weltweit führende Spitzenforscher herum, die ihre Themen selbst bestimmen, beste Arbeitsbedingungen erhalten und Mitarbeiter frei auswählen können, wie es auf der Website der Max-Planck-Gesellschaft heißt. Finanziert wird die Max-Planck-Gesellschaft je zur Hälfte von Bund und Ländern. Im Jahr 2017 lag die Grundfinanzierung bei etwa 1,8 Milliarden Euro. Hinzu kommen Drittmittel von öffentlichen und privaten Geldgebern sowie der Europäischen Union.

Krause ist unter all diesen Forschern ein kleiner Star. Schon im Alter von 34 Jahren war er Direktor eines Max-Planck-Instituts - bis dahin bundesweit der jüngste auf so einem Posten. Zur Genforschung kam Krause durch eine Kombination von frühem Interesse und Pragmatismus: Als Kind interessierte er sich für Dinosaurier und Archäologie, damals verschlang er reihenweise "Was ist Was"-Bücher, die ihm Verwandte aus dem Westen geschickt hatten. Aber nach dem Abitur wollte er lieber "etwas mit Zukunft studieren", auch in finanzieller Hinsicht. Archäologie klang eher nach dem Gegenteil, Genforschung dagegen vielversprechend. Also schrieb er sich für Biochemie ein. Es war der Beginn einer Blitzkarriere.

Sie begann in Leipzig bei Svante Pääbo, einem schwedischen Mediziner und Biologen. Schon während des Studiums zog es Krause an das Institut des Schweden, der als Gründervater der Archäogenetik gilt. Ihm gelang es schon in den Achtzigerjahren, aus einer ägyptischer Mumie DNA zu extrahieren. Pääbo hat das Fach entscheidend vorangebracht und auch das Talent von Krause erkannt. "Ich habe damals mehr Zeit am Institut als in der Uni verbracht", erinnert sich Krause. In Leipzig arbeiteten die Forscher an der Entschlüsselung des gesamten Neandertaler-Gens. Nach einer Zwischenstation an der Universität Tübingen kam dann das Angebot aus Jena.

Dort arbeitet er an der Erforschung alter Erbsubstanz - sogenannter ancient DNA. Sie befindet sich in jeder Zelle unseres Körpers. In den Knochen kann sie auch nach dem Tod eines Menschen Zehntausende Jahre überdauern. Die Erbsubstanz in den menschlichen Resten gleicht einer Festplatte, aus der Forscher wertvolle Daten extrahieren können. Allerdings haben diese Gen-Festplatten nach Tausenden von Jahren häufig Schäden, Datenpakete sind gelöscht oder beschädigt. Die Kunst der Archäogenetiker besteht darin, die Erbinformationen zu sammeln, zu sortieren und auszulesen.

Die Erkenntnisse, die Krause und sein Team dabei aus alten Knochen ziehen, haben das Potenzial, ganze Generationen von Archäologen zu frustrieren. Ihre Analyse der menschlichen Erbsubstanz hat teils völlig neue Blicke auf die Vergangenheit ermöglicht und anerkannte Theorien über den Haufen geworfen. Wo sich Altertumsforscher über Interpretationen von Funden stritten, kann die Archäogenetik klare Antworten liefern oder ganz neue Fragen aufwerfen.

Vor einigen Wochen offenbarte eine Untersuchung des Instituts, dass die Knochen Hunderter Menschen in einem See im Himalaya teilweise von Europäern stammten. Eine völlig überraschende Erkenntnis, entsprechende archäologische Spuren hatte es nicht gegeben. Doch die Ergebnisse der Forscher aus Jena sind eindeutig.

Forscher aus Jena beim Aufbereitung alter DNA im Reinraum-Labor
Guido Brandt

Forscher aus Jena beim Aufbereitung alter DNA im Reinraum-Labor

"Kürzlich hat ein Archäologe auf einer Konferenz angesichts unserer Erkenntnisse eingeräumt, dass er falsch lag. Das gehört dazu", kommentiert Krause mit einer gehörigen Portion Understatement solche Erfolge.

Die Knochenlieferung aus Kroatien stammt au dem Cetina-Tal im Südosten des Landes und wird in den kommenden Tagen untersucht. Um an die DNA zu gelangen, reichen winzige Proben. Im Labor entnehmen die Forscher mit einem kleinen Bohrer rund 400 Milligramm Pulver aus den Knochen - etwa eine Messerspitze. Angereichert mit einer flüssigen Chemikalie schwimmen darin viele DNA-Schnipsel. Allerdings nicht nur die des Verstorbenen, sondern auch solche von Bakterien und Pilzen, die die Knochen befallen haben. Oder von Archäologen und Museumsmitarbeitern, die sie später berührten.

Damit die gesuchte DNA von unerwünschten DNA-Spuren getrennt werden kann, bedienen sich die Forscher eines Tricks: Sie spalten den Doppelstrang der Erbsubstanz auf und geben das Genmaterial heutiger Menschen dazu, dass fest an einen kleinen Träger angebracht ist. Die vier rezenten Basenpaare koppeln sich nun an die passenden Stellen im alten Erbgut. Der Rest, beispielsweise die Erbsubstanz von Pflanzen, kann einfach weggewaschen werden. In einem späteren Schritt lesen immer leistungsfähigere Sequenziermaschinen die DNA aus und vergleichen sie mit schon bekannten Proben.

Wenn Genforscher nachvollziehen wollen, wie sich der Mensch einst auf den Kontinenten ausgebreitet hat, dann schauen sie vor allem auf Mutationen in der sogenannten mitochondrialen DNA. Sie kommt in den Zellkraftwerken vor und wird nur von der Mutter vererbt. Über den Abgleich dieser Erbsubstanz und ihrer Mutationen können die Forscher Rückschlüsse über Verwandtschaftsverhältnisse ziehen. Über den Abgleich der archäologischen Fundplätze lassen sich dann Rückschlüsse auf die Wanderbewegungen von Menschen in unserer Vorgeschichte machen.

Die Daten zeigen beispielsweise, wie sich vor Tausenden Jahren anatolische Bauern in Europa ausbreiteten - und die Landwirtschaft mitbrachten. Zuvor hatten manche Archäologen angenommen, dass sich die bis dahin in Europa lebenden Menschen ihre landwirtschaftliche Technik in Anatolien abgeschaut hatten. Nun zeigte sich, dass sich die Bevölkerung in einem langen Prozess mit den Einwanderern vermischt hatte. Genetisch tragen viele von uns Spuren dieser Menschen in sich.

"Wir sind alle Migranten"

Solche Erkenntnisse passen nicht jedem. Und schon gar nicht in Krauses Heimat Thüringen, in dem die AfD mit ihrem Rechtsaußen Björn Höcke bei den letzten Wahlen mehr Stimmen als die CDU erhielt und zweitstärkste Kraft wurde. Krause mischt sich auch in aktuelle Gesellschaftsdebatten ein und legt bei Diskussionen seine Daten auf den Tisch. Nach der Flüchtlingswelle vor einigen Jahren verkündete er, dass Migration schon vor Tausenden Jahren Teil der europäischen Kultur gewesen sei. "Wir sind alle Migranten", war der Titel eines Interviews im SPIEGEL.

Erst kürzlich beteiligte er sich mit anderen Wissenschaftlern an der "Jenaer Erklärung". Darin distanzierten sich Krause von dem aus Jena stammenden Evolutionsbiologen Ernst Haeckel und dem Begriff der Rasse. Haeckel hatte im 19. Jahrhunderts mit seiner Anordnung von Menschenrassen in einem Stammbaum zum Rassismus beigetragen.

Über die Jenaer Erklärung schrieb jemand bei Twitter, es sei lachhaft, wer sich heutzutage Wissenschaftler nennen dürfe. Krause wird das auch in Zukunft nicht davon abhalten, die Ergebnisse seiner Forschung in die Gesellschaft zu tragen. "Wir zeigen nur die Datenlage", sagt er. "Die Gene lügen nicht."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war von zwei Leibniz-Instituten die Rede. Inzwischen befinden sich in Jena drei. Wir haben den Fehler korrigiert.

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insgesamt 21 Beiträge
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schramkl 11.11.2019
1. Brandkeramiker
Dass die landwirtschafteinführenden Bandkeramiker zu unseren Vorfahren zählen, ist mir jetzt aber neu. Bleiben sie bei den Fakten und geben Sie sich nicht irgendeinem Antihöckewunschdenken hin.
Rosenhag 11.11.2019
2.
Das wir alle Migranten wären wird von Archäologen nun schon lange kolportiert, was immer das nach Jahrtausenden bedeuten nag. Aber unterschlagen sie doch nicht weitere Ergebnisse von Krause, nämlich das auch reine Jungmännergruppen migrierten und diese und nur diese vermischten sich mit einheimischen Frauen. Des weiteren fanden auch Migrationsbewegungen mit reiner Verdrängung statt, selbstverständlich gab es auch immer individuelle Ausnahmen. Natürlich gingen Völker auch ineinander auf, man denke nur an sapiens & neandertaliensis, was immer die 1- 5% bedeuten mögen, ...
Ollin 11.11.2019
3. gute Wissenschaft überfordert zuweilen
und zwar vor allem Menschen die sich gerne an ihrem Bauchgefühl festklammern. Was nicht sein soll, ist nicht. Umgekehrt funktioniert es leider nicht: Bauchgefühle und andere zurechtgedachte Vorstellungen sind nicht deswegen war weil sie Widerstand hervorrufen, sondern schlichtweg nicht zu belegender Unsinn. Dies ist der Grund warum freie Wissenschaft vor allem in Zeiten diktatorischer Herrschaftsformen einen schweren Stand hatte, denn sie schert sich nicht um politische Ansichten sondern zerflückt deren krude Ideologie regelmäßig. Herr Höcke beweist ja schon eindrucksvoll wie er die Erkenntnisse der Geschichtsforschung für seine faschistische Ideologie beugt und klittert, wie sehr müssten ihn unumstößliche Erkenntnisse der Genforschung aus dem Konzept bringen, wenn er sie denn mit wissenschaftlichem Verständnis begreifen könnte. Dass manches populistische Schreckensbild in der Vergangenheit in ähnlicher Form stattgefunden hat, wird ja auch nur in soweit von den politischen Hetzern anerkannt soweit es ihnen in den Kram passt.
Buttje ut'm Noorden 11.11.2019
4.
Ich habe schon den ein oder anderen Vortrag von Herrn Kraus gehört… Eigentlich müssten Krause und Höcke sich prima verstehen, denn Krause argumentiert – sicherlich aus Unwissenheit – in gleicher Manier wie der verfemte Doyen der völkischen "Forschung", Gustav Kossina. Da wandern ganze Kulturen, wie die schon erwähnten Bandkeramiker, gestützt auf nur wenige Erbgutanalysen. Was aber einer Keramikverzierung oder auch andere Kulturäußerungen mit der Vererbung der DNS zu tun haben, weiß sicherlich nicht einmal Herr Krause. Er kann das aber beim Kossina nachlesen oder auch bei dessen Anhänger Vonderach. Ein Volk, eine Sprache, eine Kultur. ein Raum war da mal die Diktion und soll es nach Wunsch der AfD doch wieder werden. Krause hat sicherlich viele richtige und gute Ansätze, jedoch sollte er sich auch mal kritisch mit der völkischen Forschungsgeschichte von Archäologie, Anthropologie, Volkskunde und Geschichte auseinandersetzen, damit seine oft dahingeschluderten Erkenntnisse nicht doch noch zu anderem Zwecke als von ihm (und sicherlich auch der Politik und den Medien) gewünschten Richtung interpretiert werden. Der User @Rosenhag geht schon in die richtige Richtung. Nimmt man einmal das genetische Ausbreitungsmodell der Angeln und Sachsen in Britannien, könnten die AfD und ihre Anhänger da wenig nette und noch weniger genehme Pralellen zur heutigen Migration von Jungmännergruppen ziehen. Und nimmt man das ebenfalls von "Rosenhag" genannte Beispiel, der Vermischung von homo neanderthalensis und h. sapiens, war das Bahnbrechende an Pääbos Erketniss nicht, dass das Erbgut der Neaderthaler zu einem geringen Grade in unserem noch heute vorkommt –soweit waren die Anthropologen schon lange vor ihm. Neu war lediglich der naturwissenschaftliche Nachweis. Das Hypen solcher Ergebnisse dürfte aber auch an der Presse liegen, die ja gerne alles größern, neuer und spaktakulärer hat.
ptb29 11.11.2019
5. Herr Krause war zum Mauerfall 9 Jahre alt
Es ist wieder so ein Märchen, dass er sich mit Büchern aus dem Westen helfen musste, im Osten gab es ja gar nix. Gleich nach der Wende kamen die Drückerkolonnen der Bertelsmann-Lexikothek. Schon damals hatten wir im Bücherschrank Bücher, die auf vielen Gebieten viel besser (tiefgehender) waren.
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