Grabung in Jerusalem Das Tor zur Erkenntnis

Deutsche Archäologen graben an einem alten Tor in Jerusalem, das Gläubige mit Jesus verbinden. Doch ein übereifriger Geistlicher bereitet Probleme.

DEI

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Im Jahr 70 nach Christus kämpfen in Jerusalem Juden und Römer um die Vorherrschaft. Der spätere römische Kaiser Titus hat die Stadt umstellt - mit Katapulten, Belagerungstürmen und Rammböcken. Die eingeschlossenen Menschen können nicht entkommen, nach sechs Monaten erobern die Römer Jerusalem. Der Aufstand der Juden gegen die römische Eroberung ist gescheitert.

Der Geschichtsschreiber Flavius Josephus schreibt die Geschehnisse wenige Jahre später auf. Er beschreibt auch die Stadtmauer Jerusalems zu dieser Zeit - und die Sensation fällt in einem Nebensatz. Josephus berichtet: "Die Mauer begann am Hippicus Turm, erstreckte sich über einen Platz namens Nethso zum Tor der Essener, und verlief dann nach Süden in Richtung des Teichs von Siloah."

Klingt wenig sensationell? Tatsächlich ist die Erwähnung der Essener für einige Christen spektakulär. Mit der Stadt Essen hat die Bezeichnung nichts zu tun. Der Name steht vielmehr für eine religiöse Gruppe von Juden, die einst in Jerusalem gelebt haben soll.

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Essener Tor: Archäologen graben am Berg Zion

Die Beschreibung des Tores durch Flavius Josephus ist deshalb so spannend, weil sich im Viertel der Essener das letzte Abendmahl zugetragen haben soll. Die Erwähnung ihres Namens ist ein Indiz dafür, dass es sie tatsächlich gegeben haben könnte.

Die Sensation wird noch größer, als Archäologen fast 2000 Jahre später auf die Überreste eben jenes Tores stoßen. Die Grabung liegt auf dem Berg Zion im südwestlichen Zentrum Jerusalems, außerhalb der heutigen Stadtmauer.

Das Gebiet ist bibelgeschichtlich hoch interessant. Auf dem Berg Zion wird die Stätte des letzten Abendmahls verehrt, das Pfingstwunder, die Ausgießung des Heiligen Geistes, das Grab Davids, jenes legendären Königs von Juda, der den Riesen Goliat bezwungen haben soll.

Lage der Ausgrabungsstätte

"Hier auszugraben ist schon etwas ganz Besonderes", sagt der Archäologe und Theologe Dieter Vieweger, der die aktuellen Ausgrabungen am Berg Zion leitet. Er warnt allerdings: "Es wäre eine absolute Überforderung der Archäologie, wenn man konkrete, biblische Ereignisse nachweisen wollte." Viele Überlieferungen beziehen sich auf wenige Jahre, Monate oder Tage, so genau könne man mit archäologischen Methoden kaum datieren, so Vieweger.

"Das Essener Tor ist zu einem Fluch für dieses Grabungsareal geworden", sagt er. "Das Tor bedeutet nicht, dass die Essener auf dem Berg Zion gelebt haben." Vieweger ist vielmehr überzeugt, dass das Tor zu den Essenern führte, die im südlichen Bergland lebten. "Das Jaffa-Tor liegt ja auch nicht in Jaffa, sondern in Jerusalem und führt nach Jaffa", sagt der Archäologe. Wo genau die Essener gelebt haben könnten, sei unklar.

Vieweger und sein Team vom Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaften des Heiligen Landes (DEIAHL) untersuchen das Gebiet seit 2015. Die Grabungskampagne läuft noch mindestens bis 2019. "Der Anfang war wirklich hart", erzählt der 59-Jährige. Die Archäologen mussten zunächst vorherige Grabungen wieder freilegen. "In nur vier Wochen haben wir 120 Tonnen Erde abgetragen - und das im August, der heißeste Monat. Oft war es wärmer als 35 Grad Celsius."

"Am Eingang lagen noch die Bierflaschen"

Immer wieder stoßen die Archäologen auf die Spuren ihrer Vorgänger. "Wir haben beispielsweise einen Tunnel gefunden, den die Archäologen Bliss und Dickie bereits vor über hundert Jahren gegraben haben - am Eingang lagen noch ihre Bierflaschen", sagt Vieweger grinsend. Ihm würde heute nicht im Traum einfallen, das Areal mithilfe eines Tunnels auszugraben, dennoch bewundert er den Abenteurergeist seiner Vorgänger. "Die haben sich wie Maulwürfe an der bekannten Stadtmauer entlanggegraben, bis sie auf ein Tor stießen. Von dort aus haben sie dann einen Krater zur Oberfläche gegraben."

Restaurierungsarbeiten

Eben jenes Tor haben die Archäologen nun wieder freigelegt, genau genommen sind es sogar drei Tore. Die drei steinernen Türschwellen liegen exakt übereinander. "Wir sind uns zu neunzig Prozent sicher, dass es sich bei dem untersten Tor um das Essener Tor handelt", so Vieweger.

Die anderen beiden Tore sind jünger. Das mittlere gehört zu einer Reparaturphase, kann aber noch nicht genau datiert werden. Das oberste Tor stammt aus der frühbyzantinischen Zeit um etwa 440 nach Christus, sogar die Türangeln sind noch erhalten. Weiter südlich legten die Archäologen erneut Mauerreste und ein gewaltiges Turmfundament frei, die vermutlich aus der Hasmonäer-Zeit im ersten Jahrhundert vor Christus stammen.

Ein übereifriger Geistlicher

Die vorherigen Grabungen bereiten den Archäologen einige Probleme. Pater Bargil Pixner, ein Benediktiner aus Tirol, war von dem Berg Zion so fasziniert, dass er in den Siebzigerjahren auf eigene Faust Ausgrabungen durchführte. "Es ist sehr schade, dass er keinen Archäologen um Hilfe bat", sagt Vieweger heute. Pixner hatte das Gebiet mit mehreren Tiefschnitten durchpflügt und seine Funde nicht dokumentiert.

"Vor einigen Jahren haben Mönche noch Zigarettenschachteln und Keramik gefunden, auf denen Pixner einige Skizzen gezeichnet hatte", erzählt Vieweger. Doch die Archäologen konnten die Aufzeichnungen nicht interpretieren. "Dadurch ist ein Teil des Geländes aus archäologischer Sicht verloren. Man kann nur einmal ausgraben, alles was dann nicht dokumentiert ist, verschwindet einfach."

Seit diesem Jahr graben die Archäologen das benachbarte Areal am Hang des Bergs Zion und ein Gebiet auf dem Hügel, im sogenannten griechischen Garten, aus. Dabei sind sie auf Hausmauern gestoßen, die vermutlich aus dem 5. Jahrhundert stammen. Sogar der Putz und der Mosaik-Fußboden sind an einigen Stellen noch erhalten. Die Archäologen fanden auch eine viereckige Steinbegrenzung, in deren Mitte ein großer Stein lag. Als sie ihn hochhievten, starrten sie in einen metertiefen Hohlraum - eine Zisterne, in der vor Jahrhunderten Wasser gespeichert wurde.

"Ich hätte nie gedacht, dass wir hier ausgraben dürfen", so Vieweger. Vier Jahre hat es gedauert, bis alle Genehmigungen vorlagen. Neben den Behörden mussten auch die anglikanische, die katholische und die griechisch-orthodoxe Kirche zustimmen. "Die Sache ist kompliziert", lacht Vieweger. "Wir müssen über einen anglikanischen Friedhof laufen, wenn wir zur Grabung wollen. Ein Teil der Grabungsfläche gehört zur griechisch-orthodoxen Kirche. Und tonnenweise Erde, die wir wegschaufeln, landet auf einem Grundstück der katholischen Kirche."

Irrtum um König David

Trotz der Genehmigungen versuchen einige ultraorthodoxe Juden, die Grabung zu sabotieren. In der Nacht wurden beispielsweise Zäune um die Grabung eingerissen und einige Mauerreste zerstört. Die strenggläubigen Juden sind überzeugt: Auf dem heutigen Berg Zion lag einst die legendäre Davidstadt und das Grab von König David. Die aktuellen Ausgrabungen sind für sie eine Provokation. Für viele Juden ist es streng verboten, die Ruhe der Toten zu stören.

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Jerusalem: Archäologen untersuchen Jesusgrab

Dabei beruht die Gleichsetzung der Davidstadt mit dem heutigen Berg Zion auf einer Verwechslung. "David wurde hier nicht begraben und auch die Davidstadt liegt nicht auf dem heutigen Berg Zion", sagt Vieweger.

Zwar steht der hebräische Name "Sion" im Zusammenhang mit der Davidstadt, den Anfängen Jerusalems. Doch die lag nicht auf dem heutigen Berg Zion, sondern auf einem kleineren, südöstlich gelegenen Hügel der Stadt. Die Römer benannten den Hügel nach der Eroberung Jerusalems jedoch um. Zum Berg Zion wurde nun der höchste Punkt der Stadt - bis heute. "Es ist sehr schwer, das Strenggläubigen klarzumachen", sagt Vieweger.

Auch in den kommenden zwei Jahren will der Archäologe mit seinem Team weiter ausgraben. Sein Traum ist es, das ganze Gebiet für Touristen zugänglich zu machen. "Es ist ein sehr schönes Projekt und die ersten Schritte sind gemacht, aber es liegt noch viel Arbeit vor uns", so Vieweger.

Zusammenfassung: Im Essener Viertel vor den Stadtmauern von Jerusalem soll einst das letzte Abendmahl von Jesus Christus stattgefunden haben. Das Essener Tor wies den Weg dorthin, wenn man den Überlieferungen glauben kann. Archäologen haben am mutmaßlichen Standort des Tores schon mehrfach gegraben und dabei tatsächlich Schwellen gefunden, die von dem Tor stammen könnten. Seit zwei Jahren graben auch deutsche Forscher auf dem Berg Zion - und stoßen dabei immer wieder auf die Spuren ihrer Vorgänger.



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Paddel2 25.12.2017
1. Religiöse Gefühlswelten
"Es ist sehr schwer, das Strenggläubigen klarzumachen". Diese Worte sagen viel über die Weltreligionen aus. Sachliche Argument oder Beweise werden ignoriert und dem eigenen beleglosen Glauben unterworfen. Die Bereitschaft zur Gewalt steht sinnbildlich für die systematische Hilflosigkeit der Religionsvertreter, eine Fantasie als Wahrheit erzwingen zu wollen. Das ist das Verhalten intoleranter Menschen die sich keine Fehler zugestehen lassen wollen. Das sie damit im krassen Widerspruch zu den Lehren ihrer Religion stehen, ist einer der vielen Absurditäten, die alle Religionen gemeinsam haben. Eine Gesellschaft kann nur Freiheit und Gerechtigkeit leben, wenn sie sich von den Einflüssen der Religionen befreit.
mwroer 25.12.2017
2.
Zitat von Paddel2"Es ist sehr schwer, das Strenggläubigen klarzumachen". Diese Worte sagen viel über die Weltreligionen aus. Sachliche Argument oder Beweise werden ignoriert und dem eigenen beleglosen Glauben unterworfen. Die Bereitschaft zur Gewalt steht sinnbildlich für die systematische Hilflosigkeit der Religionsvertreter, eine Fantasie als Wahrheit erzwingen zu wollen. Das ist das Verhalten intoleranter Menschen die sich keine Fehler zugestehen lassen wollen. Das sie damit im krassen Widerspruch zu den Lehren ihrer Religion stehen, ist einer der vielen Absurditäten, die alle Religionen gemeinsam haben. Eine Gesellschaft kann nur Freiheit und Gerechtigkeit leben, wenn sie sich von den Einflüssen der Religionen befreit.
Bei aller Sympathie für Ihre Aussage im Allgemeinen möchte ich Sie bitten sich folgendes vorzustellen: Ihnen wird, seit 40 Jahren, erzählt dass Verhalten xy richtig ist und gut. Das wird Ihnen von Menschen erzählt denen Sie vertrauen. Nun kommt irgend so ein Typ daher und sagt Ihnen 'Nö - Verhalten xy ist nicht richtig' Nun wollen Sie mir ganz sicher nicht erzählen dass Sie sofort glauben was Ihnen der eine Typ so erzählt und freudig Ihr Verhalten ändern? Im Prinzip ist es nicht viel anders als die Legende vom hohen Eisengehalt in Spinat. Das ist auch seit ewigen Zeiten widerlegt - aber immer noch predigen es sogar Ernährungsberater. Gesellschaften können sehr gut in Freiheit und Gerechtigkeit leben solange Religionen auf das private beschränkt werden. Im übrigen sind die Umstände von archäologischen Ausgrabungen nun wirklich kein Gradmesser für Freiheit und Gerechtigkeit in einem Land. Gerade der nahe und mittlere Osten incl. Teile von Afrika hat ganz schlechte Erfahrungen was 'Archäologen' und den Umgang mit ihrer Kultur und wichtigsten Stätten angeht.
xirl 25.12.2017
3. Ich weiß nicht wie
der Autor auf 3 Mio. (!) Einwohner im Jahre 70 kommt. Ebendieser Flavius Josephus schrieb in seinem Buch über den jüdischen Krieg von 70-80.000 Siehe auch das Buch : Biblische Theologie des neuen Testaments 1 Grundlegung von Jesus zu Paulus von Peter Stuhlmacher (GoogleBooks) - - - - - - - Danke für den Hinweis, wir haben entsprechend korrigiert MfG Redaktion Forum
Anton Waldheimer 25.12.2017
4. Grober Unfug
" dass es die Essener tatsächlich gegeben haben könnte". Ignoranz pur, es waren Essener die die Grotte von Qumran beluden , versiegelten und verschlossen. Und die Essener sind wie die Sadduzäer und Zeloten und Pharisäer eine historische Tatsache, aber der Augstein Spiegel leugnete in den siebziger Jahren sogar Jesus als historische Person, obwohl er die best bezeugte Person der Antike ist.
uzsjgb 25.12.2017
5.
Zitat von Anton Waldheimer" dass es die Essener tatsächlich gegeben haben könnte". Ignoranz pur, es waren Essener die die Grotte von Qumran beluden , versiegelten und verschlossen. Und die Essener sind wie die Sadduzäer und Zeloten und Pharisäer eine historische Tatsache, aber der Augstein Spiegel leugnete in den siebziger Jahren sogar Jesus als historische Person, obwohl er die best bezeugte Person der Antike ist.
Es scheint Sie waren damals dabei. Oder woher haben Sie sonst solche "Fakten"? Ich vermute aber, dass Sie nicht sehr an wissenschaftlichen Fakten interessiert sind, wenn Sie Jesus als "best bezeugte Person der Antike" bezeichnen.
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