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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Kurt Stukenberg

SPIEGEL-Klimabericht Das bedeutet Bidens Wahlsieg für den Klimaschutz

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
Der neue US-Präsident weckt große Hoffnungen für die Rettung des Planeten. Doch wie weit Joe Biden mit seinem Programm wirklich kommen wird, ist offen. Der Wochenüberblick zur Klimakrise.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

vielleicht ist die Welt gerade nur knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt. Vier weitere Jahre Donald Trump im Weißen Haus hätten für den Kampf gegen den Klimawandel "Game Over" bedeutet, sagte  Michael E. Mann, renommierter Klimaforscher an der Pennsylvania State University, schon im März. Wem Klimaschutz wichtig ist, der muss über den Sieg von Joe Biden  jedenfalls erleichtert sein, so einfach ist das.

Auf den Paris-Aussteiger und Klimaleugner Trump folgt ein Demokrat, der im Wahlkampf immerhin das ambitionierteste Klimaprogramm versprochen hatte, das je von einem Präsidentschaftskandidaten vorgelegt wurde. Allerdings ist fraglich, ob nennenswerte Teile davon wirklich umgesetzt werden, ob die große amerikanische Klimawende kommt.

Als die USA kurz nach dem Wahlsieg von Trump dem Klimaschutzabkommen den Rücken kehrten, war die Welt geschockt. Viele fürchteten, der Klima-Exit des weltweit zweitgrößten Verschmutzers könnte Nachahmer finden. Eingetreten ist das nicht. Im Gegenteil: Während der Trump-Präsidentschaft hat sich die Weltgemeinschaft beim Klimaschutz von den USA emanzipiert. Die EU, Japan, Südkorea und sogar China haben in jüngster Zeit Pläne vorgelegt, nach denen die Volkswirtschaften bis etwa zur Mitte des Jahrhunderts klimaneutral sein werden (im Fall Chinas soll das 2060 erreicht sein). Nach Analysen von "Carbon Brief"  betreffen die Zusagen fast 50 Prozent aller globalen Treibhausgasemissionen.

Was Biden verspricht...

Dass die USA beim Klimaschutz die Führungsrolle übernehmen, darauf hat die Welt schon länger nicht mehr gewartet. Wahr ist aber auch, dass die Paris-Ziele ohne einen entsprechenden Beitrag der USA kaum zu erreichen sein werden. Und hier kommt Joe Biden ins Spiel.

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Der neue Präsident hat im Wahlkampf versprochen, dem Abkommen von Paris wieder beizutreten, die USA bis 2050 klimaneutral zu machen und die Stromversorgung des Landes bis 2035 auf 100 Prozent erneuerbare Energien umzustellen. Insgesamt zwei Billionen Dollar  will er in den Umbau der Wirtschaft investieren, darunter Subventionen für E-Autos und emissionsarme Infrastruktur – eine enorme Summe. Zum Vergleich: Der Klimaplan von Bidens Ex-Chef Barack Obama umfasste 90 Milliarden Dollar und galt damals als diesbezüglich größtes Finanzvorhaben im Energiebereich.

... was er nicht verspricht...

Um die Klimaneutralität bis 2050 zu schaffen, sind Zwischenschritte wichtig. Doch über ein Ziel für 2030 schweigt Biden. Das Center for American Progress hatte dem demokratischen Präsidentschaftsteam vorgeschlagen , Emissionsminderungen von 43 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 2005 anzustreben, das Analyseunternehmen Rhodium Group schätzt, dass dieser Wert ausreichen würde, um bis 2050 die schärferen Ziele erreichen zu können.

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Bislang schließt das Biden-Team auch ein Verbot der in den USA weitverbreiteten Gasförderung durch Fracking aus  – um die wird das Land bei einer vollständigen Dekarbonisierung aber nicht herumkommen.

... und welche Hürden es gibt

Der erneute Beitritt zum internationalen Klimaschutzabkommen wird der einfachste Schritt von Bidens Klimaplan sein. Um im Paris-Club aber wirklich wieder mitspielen zu dürfen, müssen die USA auch neue Ziele für die nächsten Jahre übermitteln. Vor der Amtsübernahme von Trump hatte das Land zugesagt, die CO2-Emissionen bis 2025 um 26 bis 28 Prozent gegenüber 2005 zu reduzieren, was ohne zusätzliche Anstrengungen wohl nicht erreicht wird . Um seine Klimaagenda durchzusetzen, wird Biden auf Unterstützung des US-Kongresses angewiesen sein.

Je nachdem, wie die Mehrheiten dort ausfallen (das wird erst im Januar feststehen) und wie der neue Präsident und sein Team ihre Chancen einschätzen, steht Biden vor der Wahl: Entweder es gelingt ihm, auch Republikaner von einigen seiner Vorhaben zu überzeugen – was ihm die Möglichkeit gäbe, große Teile seiner Klimaschutzpläne umzusetzen. Oder er verlegt sich auf die Strategie von Barack Obama, der viele Aspekte seiner Umweltagenda mit präsidialen Verfügungen ("executive order") durchsetzte, allerdings müsste Biden dann sein Klimaprogramm abspecken, weil sich nur bestimmte Vorhaben so durchsetzen lassen. Schlägt er den Obama-Weg ein (oder wird er dazu gezwungen), wird die große Klimawende also wohl ausbleiben.

Nur mit den Mitteln seiner Präsidentschaft könnte Biden immerhin zahlreiche Fortschritte erwirken : Er könnte die US-Umweltbehörde anweisen, stärkere Emissionsgrenzwerte für Kraftwerke festzulegen, um seinem Ziel einer regenerativen Stromversorgung bis 2035 näherzukommen, die unter Trump eingeführten Erleichterungen für die Öl- und Gasförderungen auf öffentlichem Grund zurücknehmen und strengere Regulierungen der Methan-Emissionen bei der Gasförderung wieder einführen. Auf Trumps Konto gehen nach einer Übersicht der "Washington Post" die Abwicklung von 125 Umweltschutzmaßnahmen , die Biden wieder einführen könnte. Viel zu tun.

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Foto: Dominik Butzmann / DER SPIEGEL

Die Themen der Woche

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Bohrungen in der Arktis: Norwegens Ölförderung landet vor Oberstem Gericht
Öl und Gas sind Norwegens wichtigste Exportgüter – und werden auch in der Arktis gefördert. Das Oberste Gericht des Landes soll nun entscheiden, ob die Regierung damit gegen die Verfassung verstößt.

Außergewöhnliche Sturmsaison: Sturm "Eta" markiert Hurrikan-Rekord
Das Jahr 2020 ist eine Sturmsaison der Rekorde. Nun hat "Eta" eine 15 Jahre alte Marke geknackt, dabei ist die Zeit für Tropenstürme noch nicht um. Auch der Klimawandel spielt eine Rolle.

Die SPIEGEL-Klimakonferenz: Kann unser System Klima? (Video)
Sollen wir die Wirtschaft opfern oder das Klima? Lufthansa-Chef Carsten Spohr, CSU-All-Star Markus Söder, die Klimaaktivistin Luisa Neubauer und viele andere streiten über Lösungsansätze für eine klimaneutrale Wirtschaft.

Eis-Negativrekord in der Nordpolarregion: Die Arktis will nicht zufrieren
Eigentlich sollte vor der sibirischen Küste jetzt das Eis des Arktischen Ozeans nachwachsen. Doch es tut sich kaum etwas. Forscher schauen besorgt auf die Folgen der Klimakrise.

Projekt in Israel: Siemens droht Schlappe mit Gaskraftwerk
Siemens will ein riesiges Gaskraftwerk in Israel errichten. Doch das Mammutprojekt droht zu scheitern: Die Regierung in Jerusalem will Investoren den Bau fossiler Kraftwerke nicht länger erlauben.

Klimakrise: Der Kraftakt 
Jahrzehntelang dümpelte die Umweltpolitik vor sich hin, doch das ändert sich rasant: Europa will der erste klimaneutrale Kontinent werden. Wie könnte der Plan gelingen?

Leopoldina-Präsident Haug zur Klimakrise: "Wir katapultieren uns in eine Superwarmzeit" 
Drei Milliarden Menschen könnten zum Ende des Jahrhunderts keine Lebensgrundlage mehr haben, sagt der Paläoklimatologe Gerald Haug. Hier spricht er über das beste Instrument gegen den Klimawandel.

Umstrittene CCS-Technik: Europas versteckte Endlager 
Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit entstehen unterirdische CO₂-Lager. Damit wollen sich Regierungen und Unternehmen Zeit kaufen im Kampf gegen die Erderwärmung. Doch die Technik hat Tücken.

Publiziert

Was die Klimavergangenheit über unsere Zukunft aussagt

"Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten." Dieses August Bebel zugeschriebene Zitat kann auch sehr gut auf den Klimawandel angewendet werden. Schon jetzt befindet sich der CO2-Gehalt der Atmosphäre auf einem Niveau, das zuletzt vor drei Millionen Jahren erreicht wurde. Je nach Umfang der Klimamaßnahmen kann es aber auch sein, dass wir für eine vergleichbare Welt bald 50 oder sogar 90 Millionen Jahre zurückschauen müssen. Aus diesem Grund hat eine internationale Gruppe von Geologen und Klimaforschern in einem Übersichtsartikel beschrieben, wie die Untersuchung des Erdklimas der fernen Vergangenheit immer stärker dazu beiträgt, die Prognosen zu den Auswirkungen des Klimawandels zu verfeinern und selbst auf regionaler Ebene zu präzisieren.

"Past climates inform our future"
Jessica E. Tierney, Christopher J. Poulsen, Isabel P. Montañez, Tripti Bhattacharya, Ran Feng, Heather L. Ford, Bärbel Hönisch, Gordon N. Inglis, Sierra V. Petersen, Navjit Sagoo, eClay R. Tabor, Kaustubh Thirumalai, Jiang Zhu, Natalie J. Burls, Gavin L. Foster, Yves Goddéris, Brian T. Huber, Linda C. Ivany, Sandra Kirtland Turner, Daniel J. Lunt, Jennifer C. McElwain, Benjamin J. W. Mills, Bette L. Otto-Bliesner, Andy Ridgwell, Yi Ge Zhang
"Science", 06 Nov 2020: Vol. 370, Issue 6517 

Aufgewärmt

  • Kanadas Methan-Zombies - Zehntausende aufgegebene Gasbohrstellen emittieren weiterhin Klimagase ("New York Times") 

  • Ein Blick hinter die Kulissen von Fridays for Future Deutschland und die Frontfrau Luisa Neubauer (ZDF-Doku )

  • Wie wir die weltweiten Korallenriffe retten können ("Scientific American") 

  • Trotz Klimakrise werden weiter umweltschädliche Subventionen verteilt ("Süddeutsche Zeitung") 

  • Ist es für den Klimaschutz besser, Bäume zu pflanzen oder Wälder natürlich nachwachsen zu lassen? ("Wired") 

Der Klimabericht - Daten zur Lage des Planeten

Glossar

Begriff der Woche: Korallenbleiche – farbenprächtige Unterwasserwelt in Gefahr
Vor Australien oder den Malediven ist durch den Klimawandel eine faszinierende Unterwasserwelt in Gefahr. Was ist Korallenbleiche, und warum setzt die Erderwärmung gerade diesem Ökosystem so zu?

Bleiben Sie zuversichtlich,

Ihr Kurt Stukenberg