Josef Fritzl "Solche Menschen leben in einem eigenen Universum"

Josef Fritzl hat ein unfassbares Verbrechen begangen. Der Rostocker Rechtspsychologe Reinhard Doberenz erklärt im Interview, wie ein Täter mit einer so gewaltigen Schuld umgehen kann: durch Rückzug in ein selbst geschaffenes Universum angeblicher Normalität.

SPIEGEL ONLINE: Josef Fritzl hat 24 Jahre lang seine eigene Tochter eingesperrt, geschlagen, vergewaltigt, mehrere Kinder mit ihr gezeugt. Wie kann ein Mensch mit einem derartigen Verbrechen leben?

Reinhard Doberenz: Solche Menschen leben oft in einem abgeschotteten und selbstbezogenen Universum. Außenreize dringen kaum durch. Es finden sich meist trotzige, misstrauische und selbstbezogene Verhaltensweisen. Sie flechten sich ein in ein Gespinst aus Strategien, um auf die Welt da draußen zu reagieren. Dies kann sich in Verschwörungstheorien zeigen, in die alle Beteiligten einbezogen werden - außer dem Betroffenen selbst. Die Beziehungen der ihn umgebenden Menschen werden in einem hohen Maße ausgenutzt. So weit, dass er von den eigenen Kindern ständige Aufmerksamkeit und Bewunderung verlangt.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht ein Täter mit solch einer Schuld um?

Doberenz: Solche Menschen setzen sich gegen jeden Angriff auf ihre möglicherweise fragile Ich-Struktur zur Wehr, indem sie sich und ihre Umgebung gegen die Außenwelt abschotten. Sie machen oft ihr überhöhtes Selbst zum Maßstab aller Überlegungen und Handlungen. Dem entspricht dann wieder der offensichtliche Mangel an Empathie. Schuld haben dann meist die anderen. Und möglicherweise glauben die Betreffenden tatsächlich an ihre Unschuld, weil sie doch "wie in einer ganz normalen Familie" gelebt haben.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt eine große Diskrepanz: Auf der einen Seite dieses Verbrechen - dann gibt es unbeschwerte, ausgelassene Urlaubsbilder des Täters. Wie kann man solch ein Doppelleben führen?

Doberenz: Diese Diskrepanz besteht ja für solche Täter gar nicht mehr. Die Empfindung, dass sich die Betreffenden in einem sich selbst reproduzierenden und in sich abgeschlossenen System befinden, aus dem heraus sie agieren, erscheint für sie selbst ausgesprochen stichhaltig. Es ist auch nicht möglich, dass man über so viele Jahre "nur" grausam ist, vor allem dann, wenn man sein Handeln gar nicht als grausam empfindet. Und die Opfer müssen Strategien erlernen, um in diesem System überhaupt leben zu können. Max Goldt hat einmal gesagt: "Auch in der Nazizeit war zwölf mal Spargelzeit."

SPIEGEL ONLINE: Josef Fritzl plante seine Tat genau. Er scheint über enorme kriminelle Energie zu verfügen. Gibt es Menschen, die davon mehr besitzen als andere?

Doberenz: Diese Verhaltensweisen deuten stark auf eine bestehende Psychopathie hin. Befunde beispielsweise des kanadischen Forschers Robert Hare sprechen für eine mögliche genetische Anlage bestimmter Formen kriminellen Verhaltens.

Das Einmauern der Kinder in den Keller erinnert stark an den Fall Marc Dutroux in Belgien, der allerdings fremde Kinder missbrauchte. Hier waren es die eigenen. Besonderheiten des Falles kann man aber nur beurteilen, wenn man die näheren Umstände kennt. Ob Josef Fritzl tatsächlich ein "perverser Psychopath" ist oder der liebende Vater und Opa und ob er zwischen diesen Polen lebte, muss eine intensive Analyse des Falles aufzeigen.

SPIEGEL ONLINE: Manche der Kinder, die er mit seiner Tochter zeugte, ließ er aus ihrem Gefängnis heraus - denen war er ein liebevoller Großvater. Manche mussten unten bleiben. Wie konnte er da so trennen?

Doberenz: Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn man sich mit dem Fall sehr nahe befasst hat. Aber wie im normalen Leben haben auch in solchen Extremsituationen Vorlieben zu bestimmten Menschen eine Rolle gespielt. Aus der Sicht des Täters fand ein "normales" Leben unter völlig unnormalen Umständen statt. Hier wäre der Begriff "Paralleluniversum" tatsächlich angebracht. Eine Rolle könnte auch die mir unbekannte Vita des Täters gespielt haben. Wer 1935 geboren ist, hat als Pubertierender die Nachkriegswirren erlebt und ist davon geprägt.

SPIEGEL ONLINE: Josef Fritzl sagte, er bedaure die Tat. Seine Familie tue ihm leid. Ist da ein Schuldbewusstsein?

Doberenz: Ein solcher Täter fühlt keine Schuld, wenn er die Tat begeht. Die Schuld wird ihm erst durch die Gesellschaft auferlegt. Erst dann ist er Täter. Ob er selbst dazu in der Lage ist, seine Schuld zu erkennen, kann keinesfalls jetzt schon gesagt werden. Ich frage mich, was - über eine oberflächliche Reue hinausgehend - derzeit von einem solchen Menschen erwartet wird. Wozu ist er jetzt überhaupt in der Lage?

SPIEGEL ONLINE: Der Täter ist jetzt 73 Jahre alt. Ist eine Aufarbeitung in diesem Alter noch möglich?

Doberenz: Mal ehrlich: Kann man so etwas aufarbeiten? Nein, man kann den zigfachen sexuellen Missbrauch an einer Tochter, den vielfachen Inzest und die damit möglicherweise einhergehenden gewalttätigen Verhaltensweisen nicht einfach aufarbeiten. Das fällt schon deutlich jüngeren Menschen schwer. Aus ihrem narzisstischen Größen-Selbst heraus halten es derartige Täter oft nicht einmal für notwendig, das abweichende Sexualverhalten vor den nächsten Angehörigen zu verheimlichen. Nur nach außen konnte er über viele Jahre hinweg unentdeckt bleiben.

Das Gespräch führte Jens Lubbadeh

Mehr lesen über