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09. Dezember 2011, 14:52 Uhr

Jugend-Aktivisten in Durban

Aufbegehren gegen Klima-Dinosaurier

Aus Durban berichtet Christian Schwägerl

Der Klimawandel betrifft junge Menschen am stärksten. Doch bei den Uno-Verhandlungen in Durban sind sie offiziell kaum vertreten - eine Aktivistin wurde nach ihrer kurzen Rede sogar vom Gelände geworfen. Eine Gruppe von Studenten aus China und den USA will sich damit nicht abfinden.

Der jüngste Mensch, der sich beim Uno-Klimagipfel in Durban einbringen wollte, fand sich am Donnerstag draußen vor dem Konferenzzentrum wieder, hinausgebracht von Uno-Polizisten. Als die 21-jährige Abigail Borah aus New Jersey in einem der offiziellen Treffen ihre dünne und nervöse Stimme erhob, fassten die Ordnungshüter und Unterhändler das als Störung auf. Polizisten in hellblauen Uniformen brachten die junge Frau aus dem Raum und verwiesen sie vom Konferenzgelände.

Borah hatte in ihrer kurzen Rede behauptet, dass die US-Delegation in Wahrheit "nicht im Namen der Vereinigten Staaten von Amerika sprechen kann", weil ein "Kongress der Verhinderer" jene Gesetze sabotiere, mit denen die amerikanischen CO2-Emissionen vermindert werden könnten. Borah konnte auch nicht behaupten, im Namen der USA zu sprechen. Sie tat es im Namen von SustainUS, einer Nichtregierungsorganisation, die sich speziell an junge Menschen richtet und ihnen dabei helfen will, ihre Positionen zum Klimawandel in Uno-Verhandlungen über die Zukunft des Planeten einzubringen.

Es würde den Verhandlungsprozess sicherlich stören, wenn jeder das Recht in Anspruch nähme, dazwischenzureden. Doch die kurze Unterbrechung machte ein grundsätzliches Problem sichtbar: Die Entscheidungen von Durban und anderen Gipfeln werden die jüngsten Mitglieder der Menschheit am stärksten betreffen. Da der Klimawandel über Jahrzehnte stattfindet und die Effekte mit den Jahren schlimmer zu werden drohen, sind junge Menschen überproportional betroffen. Doch die offiziellen Delegationen in Durban bestehen hauptsächlich aus Menschen in ihren Vierzigern, Fünfzigern und Sechzigern. Junge Menschen sind unterrepräsentiert, obwohl es um ihre Zukunft geht.

Es gibt zwar durchaus Veranstaltungen, bei denen Vertreter von Jugendorganisationen ihre Positionen vorstellen und mit den Unterhändlern von Regierungen ins Gespräch kommen können. Vielen der jungen Aktivisten ist das jedoch nicht genug.

"Hier wird über unsere Zukunft verhandelt ", sagt Ellie Johnston, 24, aus Asheville in North Carolina, die Vorsitzende von SustainUS. "Je jünger jemand ist, desto mehr werden steigende Temperaturen und Meeresspiegel sein Leben bestimmen - und das sollte dazu führen, dass junge Menschen stärker gehört werden." Johnston hat Biologie studiert und ist in der Organisation aktiv geworden, um den Einfluss von jungen Menschen zwischen 13 und 26 Jahren auf die offiziellen Verhandlungen zu stärken.

Zusammenarbeit junger Chinesen und US-Amerikaner

Der vielleicht wichtigste Ansatz, um das zu erreichen, besteht nicht in Störaktionen wie der vom Donnerstag, sondern in einer formellen Partnerschaft von SustainUS mit jungen Menschen aus China, die Mitglieder der China Youth Delegation sind. China und Amerika sind die beiden wichtigsten Verursacher von Treibhausgasen und auf dem Klimagipfel die beiden mächtigsten Länder. "Wenn wir junge Menschen beider Nationen hier auf dem Gipfel zusammenbringen und sie gemeinsame Ziele für die Zukunft entwickeln, dann hilft das dabei, gehört zu werden", sagt Johnston.

In den vergangenen Tagen haben deshalb 40 junge Menschen aus China und Amerika gemeinsam in Workshops gesessen, um Ideen für eine bessere Energie- und Klimapolitik zu entwickeln. "Es ist angesichts der harten Meinungsunterschiede zwischen den offiziellen Delegationen schon eine Botschaft an sich, wenn junge Menschen beider Länder sich gemeinsam äußern", sagt Johnston.

Das Projekt wird "China-U.S. Youth Coalition for Sustainable Development" genannt. Es läuft seit dem unrühmlichen Klimagipfel von Kopenhagen im Jahr 2009. Eine der chinesischen Koordinatorinnen, die 22-jährige Yuan Cao, sagt, dass ihr beim Scheitern des Kopenhagen-Gipfels klar geworden sei, wie wenig die Klimapolitik den Interessen der jungen Menschen diene und wie sehr Misstrauen zwischen den USA und China im Zentrum des Problems stehe. "Ich habe damals gespürt, dass die meisten Probleme aus einem Mangel an gegenseitigem Verstehen kommen", sagt Yuan Cao, die aus Nanjing in China stammt und zurzeit Wirtschaftslehre an der University of Pennsylvania studiert. "In den USA herrscht die Meinung, dass eigene CO2-Reduktion nichts bringt, weil die Chinesen dann noch mehr emittieren", sagt Ellie Johnston.

Pingpongartige Schuldzuweisungen müssen enden

Bei den offiziellen Verhandlungen in Durban, die in der Nacht von Freitag auf Samstag zu Ende gehen sollen, ist es ein eingeübtes Muster, dass China und die USA sich gegenseitig die Schuld für mangelnde Fortschritte zuschieben. China wirft den Vereinigten Staaten vor, für einen Großteil der zusätzlichen Treibhausgase in der Atmosphäre verantwortlich zu sein und fordert deshalb, die USA müssten bei internationalen Verpflichtungen vorangehen. Die USA entgegnen, dass die chinesischen CO2-Emissionen so stark wachsen, dass ein Klimavertrag ohne aktive chinesische Beteiligung sinnlos wäre.

"Diese pingpongartigen Schuldzuweisungen laufen schon viel zu lange und sie richten sich gegen die Interessen der jungen Generation", sagt Yuan Cao. Es müsse deshalb "endlich Schluss damit sein." Der gemeinsame Workshop der "China-U.S. Youth Coalition" soll dazu beitragen, dass US-Amerikaner und Chinesen sich in Zukunft besser verstehen und besser zusammenarbeiten. "Nur wenn junge Menschen aus beiden Ländern sich aktiv und gemeinsam einmischen, können sie gestalten, wie stark der Klimawandel in den kommenden Jahren ihr Leben beeinträchtigen wird", sagt Johnston.

Die 40-köpfige Gruppe hat noch keine Liste mit detaillierten Forderungen präsentiert, aber es herrscht Konsens, dass die Maßnahmen, die bisher für Freitag zur Entscheidung vorliegen, nicht ausreichen, um einen gefährlichen Klimawandel abzuwenden. "Wir sind uns alle einig, dass wir von beiden Seiten verlangen, viel mutiger voranzugehen und verpflichtende CO2-Ziele deutlich vor dem Jahr 2020 zu akzeptieren", sagt Johnston.

Cao betont, dass es sich bei der chinesischen Initiative um eine Graswurzelbewegung handelt und nicht um Aktivitäten, die von der Regierung gesteuert würden. Die China Youth Delegation habe an Briefings durch die Regierung teilgenommen, "aber es kommt alles von unten, wir haben nicht die Regierung im Rücken, sondern handeln als Individuen". Auch SustainUS betont, man sei eine unabhängige Nichtregierungsorganisation.

Studenten zu nachhaltigem Campusleben bewegen

Die Partnerschaft der Jugendlichen zum Klimathema ist bisher in den chinesisch-amerikanischen Beziehungen einmalig. Doch bei den Diskussionen der Gruppe in Durban kam heraus, dass man mehr tun will. "Es ist uns klar geworden, dass es nicht reicht, wenn wir uns einmal im Jahr auf dem Uno-Klimagipfel treffen", sagt Cao. "Vielmehr wollen wir künftig eine gemeinsame Öffentlichkeit von Jugendlichen in China und Amerika schaffen und junge Menschen dazu bewegen, durch neue Lebensstile und politisches Engagement Teil der Lösung zu werden." Einer der Pläne: die Klimadebatte in beiden Ländern auf den Campus von Universitäten zu tragen und Projekte für ein "nachhaltiges Campusleben" zu initiieren. "In China sehnen sich schon heute Millionen von jungen Menschen nach einem umweltfreundlichen Lebensstil und nach Jobs in der Branche der Umwelttechnologien", sagt Cao.

Beide junge Frauen sind sehr gespannt, was bei den offiziellen Verhandlungen in Durban herauskommt. Sie wissen, dass ihre chinesisch-amerikanische Initiative noch keinen wirklichen Einfluss auf den Gang der Dinge hat, wollen aber dafür sorgen, dass sich das in den kommenden Jahren ändert, indem die Zahl der Mitglieder und Aktiven wächst.

Yuan Cao sagt, dass sie trotz aller Probleme in der Weltklimapolitik grundsätzlich optimistisch in die Zukunft blickt. "Umweltschutz ist ein Megatrend, der sich auf die eine oder andere Art durchsetzen wird", sagt sie. Ellie Johnston teilt diese Haltung. "Ich bleibe optimistisch, weil ich und so viele andere junge Menschen wild entschlossen sind, einen gefährlichen Klimawandel zu verhindern", sagt sie. Damit das gelingt, fordert Johnston, dass ihre Generation bald besser am Verhandlungstisch vertreten sein wird, so dass Aktionen wie die von Abigail Borah am Donnerstag überflüssig würden.

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