Jugendgesundheit in Deutschland Arme, kranke Kinder

Ernährungsstörungen, Bewegungsarmut und psychische Erkrankungen - wenn ein Kind in Deutschland arm aufwächst, hat es viel schlechtere Chancen auf eine gesunde Jugend. Die erste repräsentative Studie zeigt: Arme Kinder sind öfter krank, nur bei Allergien sind reiche vorn.


Berlin - Beine strecken, Arme lang und mit den Fingerspitzen den Boden berühren - als sportlicher Standard bei Aufwärmen und Gymnastik zählt die Rumpfbeuge eher zu den leichteren Elementen körperlicher Ertüchtigung. Doch selbst diese kleine Verrenkung ist für einen von fünf Minderjährigen in Deutschland zu viel: 43 Prozent der Kinder und Jugendlichen erreichen mit ihren Fingerspitzen nicht den Fußboden.

Schulsport (in Köln): Jedes fünfte Kind schafft keine ganze Rumpfbeuge mehr
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Schulsport (in Köln): Jedes fünfte Kind schafft keine ganze Rumpfbeuge mehr

Das geht aus der bundesweiten Kinder- und Jugendgesundheitsstudie (Kiggs) des Robert Koch Instituts (RKI) in Berlin hervor, deren erste Ergebnisse nun vorgestellt wurden. Rund 18.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 17 Jahren haben daran teilgenommen. Das macht Kiggs zu einer bislang europaweit einmaligen Großstudie - und erlaubt einen detaillierten Blick auf Fitness und Gesundheit der Jugend in der Bundesrepublik.

Junge Menschen in Deutschland sind relativ gesund - sowohl im weltweiten Vergleich als auch im Kontrast zu früheren Zeiten. Das ist der ganz entspannte Blick auf die erste Auswertung der RKI-Daten. Doch gemessen am zivilisatorischen Stand einer modernen Industriegesellschaft und den ihr zur Verfügung stehenden Mittel und Kenntnisse zeichnet Kiggs ein anderes Bild: Übergewicht und Essstörungen, Allergien, mangelnde Gelenkigkeit und psychische Probleme plagen die junge Generation. Und ganz ähnlich wie Bildungschancen sind in der Bundesrepublik auch die Möglichkeiten sehr ungleich verteilt, eine gesunde Kindheit und Jugend zu erleben. Kinder aus niedrigen sozialen Schichten sind eindeutig benachteiligt.

"Spitze des Eisbergs"

Die bisher vorliegenden Daten seien nur die "Spitze des Eisberges", sagte die Studienleiterin Bärbel-Maria Kurth. Sie seien als Frühwarnsystem zu werten. Die Auswertung läuft noch, doch einige Befunde stehen bereits jetzt fest: Bei Essstörungen wie Magersucht oder Ess-Brech-Sucht ist der Anteil der auffälligen Jugendlichen mit niedrigem sozioökonomischem Status der Untersuchung zufolge mit rund 28 Prozent fast doppelt so hoch wie der in oberen sozialen Schichten. Insgesamt zeigt laut Studie mehr als jeder fünfte der 11- bis 17-Jährigen bereits Auffälligkeiten beim Essverhalten, wobei der Anteil bei Mädchen mit knapp 29 Prozent fast doppelt so hoch ist wie bei Jungen.

Der Großteil der Kinder und Jugendlichen bewegt sich dennoch regelmäßig: Jeder zweite der Drei- bis Zehnjährigen treibt wenigstens einmal pro Woche Sport, und von den 11- bis 17-Jährigen kommen 84 Prozent wenigstens einmal in der Woche ins Schwitzen. Deutliche Defizite zeigen sich allerdings bei den motorischen Fähigkeiten: So beherrschen 43 Prozent aller Vier- bis 17-Jährigen keine eine vollständige Rumpfbeuge - können also nicht mit den Fingerspitzen bei gestreckten Beinen den Boden berühren. Mehr als ein Drittel ist nicht in der Lage, auf einem drei Zentimeter breiten Balken ein paar Schritte rückwärts zu laufen.

Bei 22 Prozent der untersuchten Kinder und Jugendlichen liegen Hinweise auf eine psychische Auffälligkeit vor: Jeder Zehnte zeigt Störungen des Sozialverhaltens, knapp acht Prozent werden von Ängsten und über fünf Prozent von Depressionen geplagt. Über die ungleichen Risiken eines jungen Menschen, davon betroffen zu sein, spricht die Statistik eine eindeutige Sprache: Ein ungünstiges Familienklima mit vielen Konflikten sowie ein niedriger Sozialstatus bedingen eine bis zu vierfach erhöhte Wahrscheinlichkeit für psychische Auffälligkeit.

Allergien zählen zu häufigsten Beschwerden

Zu den häufigsten Gesundheitsproblemen zählen mittlerweile Allergien: Laut Studie leiden 16,7 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter einer allergischen Erkrankung, wobei in diesem Fall Kinder aus Migrantenfamilien oder ärmeren Familien deutlich weniger betroffen sind. Auch Kinder mit mehreren Geschwistern oder frühem engen Kontakt in Kindereinrichtungen sind weniger anfällig. Dies stützt laut Studie die bereits bekannte "Hygienehypothese", wonach ein geringer Kontakt zu Krankheitserregern und anderen Allergenen mit einem erhöhten Risiko für spätere Allergien verbunden ist.

Bislang fehlten repräsentative Aussagen für ein umfassendes Bild von der Gesundheit Heranwachsender in Deutschland: Die Kiggs-Studie liefert sie erstmals. Die parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, Marion Caspers-Merk (SPD) erklärte, Kiggs sei eine verlässliche Basis für Initiativen, "die auf eine frühe und zielgerichtete Prävention von Störungen und Erkrankungen gerichtet sind".

Das Gesundheitsministerium finanzierte die Studie mit mehr als 9,3 Millionen Euro; das Bundesforschungsministerium beteiligte sich mit 2,5 Millionen Euro. Für die Studie waren bei Kindern unter elf Jahren die Eltern befragt worden, die älteren Kinder gaben selbst Auskunft.

Nicht abgenommen hat die Belastung der Kinder durch das Passivrauchen. Noch immer lebt etwa jedes zweite Kind in einem Raucherhaushalt, wobei die Urinuntersuchungen darauf hindeuten, dass die Belastung sogar zugenommen hat.

stx/ddp/dpa/AFP/AP



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