Jugendliche Kampftrinker Flatrate für den Vollsuff

Politiker fordern ein Alkoholverbot für unter 18-Jährige. Die Debatte geht an der Wirklichkeit vorbei: Tatsächlich trinken immer weniger Jugendliche - aber es gibt eine starke Gruppe von unkontrollierten Kampftrinkern, die alle Hemmungen verlieren.


Doof und dreist zugleich war ein 23-Jähriger aus Hessen. Er war nicht bloß ohne Führerschein auf einem frisierten Motorroller unterwegs und versuchte, sich einer Polizeikontrolle zu entziehen. Der junge Mann transportierte obendrein eine Kiste Bier zwischen seinen Füßen - und hatte schon so viel getrunken, dass die Beamten laut Polizei in Wetzlar bei einem Alkoholtest stolze 2,29 Promille feststellen konnten.

Bar (in England): Mit 50 Gläsern Tequila ins Koma
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Bar (in England): Mit 50 Gläsern Tequila ins Koma

Der Verkehrsgefährder gehört zum neuen Typus junger Alkoholkonsumenten, die Drogenexperten Sorgen bereiten und die aktuelle Debatte um jugendliche Säufer bestimmen: Politiker fordern ein Alkohol-Verbot für Jugendliche, nachdem sich ein Berliner Gymnasiast mit rund 50 Gläsern Tequila ins Koma getrunken hat. Berliner Politiker wollen außerdem gegen das sogenannte Flatrate-Trinken vorgehen.

Doch wie sinnvoll sind neue Verbote? Und um welche Schwer-Säufer geht es genau in der aktuellen Debatte?

"Es ist wirklich beunruhigend, wie planvoll heutzutage manche Jugendliche Alkohol einsetzen, um ganz bestimmte Gefühle hervorzurufen oder sich in Stimmung zu versetzen", sagte die Berliner Drogenbeauftragte Christine Köhler-Azara im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Da hat sich etwas in den letzten Jahren verändert."

Schon am Wochenende hatte ein Sprecher der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Sabine Bätzing, gesagt: Zunächst müssten die bestehenden Jugendschutzgrenzen strikt eingehalten und kontrolliert werden. Es sei außerdem erforderlich, dass ein verantwortlicher Alkoholkonsum in der Gesellschaft zum Thema gemacht werde.

Extremtrinker an der Grenze zur Lebensgefahr

Der aufgegriffene Wetzlarer zum Beispiel kann kein gewöhnlicher Betrunkener gewesen sein. Zwar variiert die Reaktion auf übermäßigen Alkoholkonsum beim Einzelnen sehr stark. Doch nehmen Mediziner als groben Leitfaden die Daumenregel, nach der bei 1,5 Promille starke Betrunkenheit mit Stottern, Schwanken und Brabbeln einsetzt. Ab 2,0 Promille drohen Erbrechen, große Probleme mit der Balance, schwerer Rausch. Rund ein Dutzend Biere oder zwei Liter Wein braucht der Durchschnitts-Trinker bis zu diesem hilflosen Zustand. Darüber wird es kritisch: Ab 2,5 Promille können Bewusstlosigkeit und Lebensgefahr drohen. Vier Promille führen meist zum Tode - Alkohol als sofortiger Killer.

Angesichts drastischer Folgen und spektakulärer Fälle geht aber unter: Es ist nur eine kleine Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener, die so hemmungslos über die Stränge schlägt. Insgesamt geht der Anteil der regelmäßigen Alkoholkonsumenten unter den Jugendlichen sogar zurück: bei den Jungen von 36 auf 22 Prozent und bei den Mädchen von 22 auf 12 Prozent.

Grund zur Entwarnung sieht die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren (DHS) jedoch nicht: "Jugendliche trinken zwar generell weniger, aber diejenigen, die trinken, trinken mehr", sagte der DHS-Geschäftsführer Rolf Hüllinghorst der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Mehrheit junger Trinker wird vernünftiger

Das deutsche Kinderhilfswerk fasste es in seinem Überblick "Kinder und Jugendliche in Deutschland - Zahlen, Daten, Fakten 2006" zusammen:

  • Der Alkoholkonsum unter 12- bis 17-jährigen ist generell rückläufig. 2005 konsumierten in dieser Altersgruppe 18 Prozent im Jahr 2005 mindestens ein Mal pro Woche Alkohol (2004: 20 Prozent), 51 Prozent seltener und 30 Prozent in den vorausgegangenen zwölf Monaten gar nicht.
  • Pro Woche wurden durchschnittlich 31,1 Gramm reinen Alkohols konsumiert (2004: 31,5 Gramm).
  • Immerhin 34 Prozent der 12- bis 17-jährigen hatten im Jahr 2005 mindestens einen Alkoholrausch. Bei den Jungs waren es 38 Prozent (2004: 38 Prozent), bei den Mädchen 31 Prozent (2004: 33 Prozent).
  • Außerdem nahm das Risikobewusstsein zu. 52 Prozent der männlich und 59 Prozent der weiblichen Jugendlichen waren sich der Gefahren des Alkoholkonsums bewusst. Das war bei den Jungs eine Zunahme von zehn, bei den Mädchen von sieben Prozent.

"Das Koma-Saufen ist eine beunruhigende Entwicklung", sagte der drogenpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Harald Terpe, der "Berliner Zeitung". Verschiedene Berliner Landespolitiker hatten sich für ein Verbot des Flatrate-Trinkens ausgesprochen, bei dem Kunden - auch Jugendliche über 16 Jahren - nach Zahlung eines Einmalbetrags so viel trinken dürfen, wie sie wollen. Oder können.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, zu welchen Getränken jugendliche Trinker greifen. Rein statistisch gesehen zeichnet sich hier eine überraschende Dominanz harter, süßer Alkoholika ab. Hierzu zitiert das Deutsche Kinderhilfswerk eine Befragung aus dem Jahr 2005 über den Konsum bei 12- bis 17-Jährigen:

  • Bier: 30 Prozent
  • Longdrinks oder Cocktails: 24 Prozent
  • Alkopops: 21 Prozent
  • Wein oder Sekt: 16 Prozent
  • Spirituosen: 16 Prozent

Zwar sind Alkopops inzwischen mit zusätzlichen Steuern belegt worden, um sie für Jugendliche unattraktiver zu machen. Doch nach wie vor gelten süße Getränke, in denen man den Alkohol nur schwach schmeckt, als potente Einstiegs-Rauschmittel. Mittlerweile, so Köhler-Azara, mischten sich Jugendliche vergleichbare Getränke einfach selbst. "Mit den Alkopops hat uns die Industrie ein großes Problem hinterlassen", sagte die Berliner Drogenbeauftragte.

stx/AP/ddp/rtr

insgesamt 1595 Beiträge
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Seite 1
inci 10.03.2007
1.
---Zitat von sysop--- Saufen bis der Arzt kommt - der Trend nimmt unter Jugendlichen in ganz Deutschland zu. Hilft nur ein Alkoholverbot? ---Zitatende--- das ist eher ein ganz "alter" trend, auch ich und meine freunde haben in teeniezeiten dem alkohol gelegentlich recht heftig zugesprochen, und das nicht nur während des karnevals. die in den letzten tagen und wochen hochgekochte dringlichkeit ist lediglich phase I in der strategie von herrn kyprianou, europas bürger dank gesundheitskontrolle unsterblich zu machen. und wie man sieht, haben wir schon die diskussion zu dem thema.
Roller, 10.03.2007
2.
---Zitat von sysop--- Saufen bis der Arzt kommt - der Trend nimmt unter Jugendlichen in ganz Deutschland zu. Hilft nur ein Alkoholverbot? ---Zitatende--- Wie man aus der Vergangenheit weiss, sind Verbote nicht sehr effektiv. Warum stellt man nicht erstmal die Alkohol Werbung ein und verhindert gesetzlich, dass Jugendliche ab 16 sich legal mit Bier besaufen koennen? Es kann doch auch nicht sein, dass nachmittags das Kinderprogramm mit Alkoholwerbung zugepflastert wird. An Hand der Gesetze kann man doch schon sehen, wer in Deutschland das Sagen hat: Autoindustrie,Pharmaindustrie und Jägermeister + Co. Gruss Roller
GeneralPatton, 10.03.2007
3.
Sowas gabs doch schonmal in den 30ern. Da hatte es auch nicht geholfen, ja sogar einige ziemlich üble Nebeneffekte. Verbote helfen da gar nichts. Ich trink ja selber auch hin und wieder gerne einen über den Durst, aber dann gehts mir am nächsten Tag beschissen und ich halt mich für die nächste Zeit davon fern. Scheint fast so als sei manchen Menschen in dieser Hinsicht der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen.
vaikl 10.03.2007
4.
Es gibt 2 Alternativen zum Alkoholverbot: 1.) Man überlässt diese vollhorstigen Komasäufer sich selbst, leistet weder Erste Hilfe noch Therapie und bittet die Eltern/Angehörigen wg. der Sekundärschäden zur Kasse oder 2.) Man bürdet *alle* primären und sekundären Kosten, die der Gesellschaft aufgrund von ärtzlicher Notfallversorgung, Blockierung von Notfallaufnahmeplätzen, Krankenhausbetten und Therapieplätzen, Unfallschäden, Versorgung von Verkehrsopfern, polizeilichen Ermittlungen und Gerichtskosten entstehen, den Komasäufern *allein* auf, weil man in solchen Fällen nicht mehr auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren darf.
JoergB, 10.03.2007
5.
Ja genau, sofort alles verbieten was einem irgendwie Kopfzerbrechen bereitet. Das ist am einfachsten...
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