Stefan Rahmstorf

Waldbrände an US-Westküste Warum die Feuer so heftig wüten

Stefan Rahmstorf
Ein Gastbeitrag von Stefan Rahmstorf
Eigentlich sind Waldbrände in Kalifornien ein saisonales Ereignis, in gewisser Weise normal. Der Klimawandel aber verändert den natürlichen Rhythmus - vor allem durch drei Brandbeschleuniger.
Waldbrände in Butte County, Kalifornien

Waldbrände in Butte County, Kalifornien

Foto: Josh Edelson / AFP

Seit Tagen sind die gewaltigen Brände im Westen der USA Thema in den Nachrichten, das Land diskutiert wie selten zuvor über die Rolle des Klimawandels. Und der Präsident? Spricht lieber über schlechte Waldbewirtschaftung in einzelnen Bundesstaaten, die er für die Katastrophe verantwortlich macht. Ist das richtig?

Waldbrände an sich sind ein natürlicher Vorgang, oft durch Blitzschlag ausgelöst. Viele Pflanzen - die Pyrophyten - sind an Feuer angepasst. Manche Waldökosysteme sind sogar auf regelmäßige begrenzte Feuer angewiesen, etwa die Eukalyptuswälder Australiens und die Sequoias in Kalifornien. Diese Bäume nutzen Flammen zu ihrem Vorteil.

Die Brände in diesen Wäldern zerstören normalerweise das Unterholz, nicht aber die Kronen der hohen Bäume - dort löst die aufsteigende heiße Luft das Öffnen der Zapfen aus, die Samen fallen heraus und keimen auf fruchtbarem Ascheboden, befreit von konkurrierenden niedrigen Pflanzen. Zentraler Teil dieser Strategie ist es, vor dem nächsten Brand hoch genug zu wachsen, damit die Krone dem Feuer entgeht.

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Foto: Astrid Eckert

Stefan Rahmstorf schreibt regelmäßig für den SPIEGEL über die Klimakrise. Er ist Klima- und Meeresforscher und leitet die Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Seit dem Jahr 2000 ist er zudem Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Paläoklimaforschung, Veränderungen von Meeresströmungen und Meeresspiegel sowie Wetterextreme.

Doch die Eigenschaften der Brände verändern sich : Sie werden häufiger, heißer, verbrennen größere Flächen und erfassen immer öfter auch die Baumkronen ausgewachsener Bäume. Zum wachsenden Risiko für Menschen gehört auch, dass immer mehr Siedlungen in feuergefährdeten Waldgebieten gebaut werden. Auch die Waldbewirtschaftung spielt eine Rolle - wenn kleine Brände unterdrückt werden, sammelt sich immer mehr brennbares Material an. In Australien wird daher regelmäßig das Unterholz kontrolliert abgebrannt.

Doch vor allem verschärfen mehrere Folgen des Klimawandels das Waldbrandrisiko.

  • Ausbleibender Regen. Zwar nehmen die Niederschläge im globalen Mittel in einem wärmeren Klima zu, weil mehr Wasser von den Meeren verdunstet. Sie nehmen vor allem in den ohnehin feuchten Regionen zu, in den trockenen Subtropen aber eher ab. Vor zunehmender Trockenheit im Mittelmeerraum, Südafrika, Brasilien, dem Südwesten der USA und Australien haben die Berichte des Weltklimarats IPCC lange gewarnt .

  • Mehr Hitze. Hohe Temperaturen trocknen Böden und Vegetation durch verstärkte Verdunstung aus. Das ist elementare Physik, die jeder von Föhn, Wäschetrockner oder Dörrapparat kennt. Der entscheidende Faktor ist das Sättigungsdefizit oder der "Dampfhunger" der Luft, der exponentiell mit steigender Temperatur zunimmt . Je größer das Sättigungsdefizit, desto mehr Wasserdampf kann die Luft noch aufnehmen, bis sie gesättigt ist. Entsprechend mehr Wasser geben Pflanzen an die Luft ab - und werden trockener. Eine 2019 publizierte Studie  kommt zu dem Schluss, dass die dramatische Zunahme der Waldbrände in Kalifornien seit den Siebzigerjahren hauptsächlich durch das zunehmende Sättigungsdefizit zu erklären ist.

  • Länger anhaltende Wetterlagen. Dies ist eine neuere und daher weniger gut gesicherte Erkenntnis der aktuellen Forschung. Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass es durch Veränderungen der atmosphärischen Dynamik - wahrscheinlich im Zusammenhang mit der starken Erwärmung und dem Eisschwund der Arktis - öfter zu lange andauernden Wetterbedingungen kommt . Aus einigen heißen, trockenen Tagen wird so eine Dürre und Hitzewelle mit erhöhtem Waldbrandrisiko.

Tatsächlich zeigen die Daten für Kalifornien, dass sich besonders heiße und trockene Feuersaisons seit der Jahrtausendwende häufen - und dass genau unter diesen Bedingungen die schlimmsten Feuer auftreten. Die Daten bestätigen damit die Prognosen der Klimaforscher.

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Doch trotz aller wissenschaftlichen Belege suchen Zweifler bei jedem Extremereignis nach Ausreden, warum dies rein nichts mit dem Klimawandel zu tun haben soll. Gern werden die Brände auf Brandstiftung geschoben - was allerdings bestenfalls den Auslöser betrifft, aber nicht erklärt, warum die Feuer immer größer und unkontrollierbarer werden.

Auch bei den Bränden in Australien im vergangenen Jahr wurde im Internet, in Murdoch-Medien und von konservativen Politikern kräftig über Brandstiftung spekuliert. Kürzlich wurde der Abschlussbericht  einer offiziellen Untersuchung zu diesen Bränden veröffentlicht. Ergebnis: Die überwältigende Mehrheit der verheerenden Brände wurde durch Blitzschlag ausgelöst. Das Hauptproblem ist also nicht die Brandursache - sondern die Tatsache, dass der Wald trocken wie Zunder war.

Leider geht es nach den Rekord-Dürrejahren 2018 und 2019  auch großen Teilen des deutschen Waldes sehr schlecht. Laut Waldzustandsbericht sogar noch schlechter als in den Achtzigerjahren, als das Waldsterben durch sauren Regen große Besorgnis auslöste. Die durch Dürre geschädigten Bäume werden leichtes Opfer von Borkenkäfern und müssen gefällt werden - der Kahlschlag hat sich in den letzten Jahren versechsfacht, die Holzpreise sind im Keller.

Zwar gab es dieses Jahr dank gelegentlicher Regenfälle nicht so viele Waldbrände in Deutschland wie 2019, als über 1.500 Brände einen Schaden von 2,2 Millionen Euro verursachten . Doch der Dürremonitor des Umweltforschungszentrums in Leipzig zeigt auch aktuell für große Teile des Landes noch "außergewöhnliche Dürre" – also die höchste Dürrestufe. Das Umweltbundesamt warnt : "Risikountersuchungen sagen für die kommenden Jahrzehnte ein steigendes Waldbrandrisiko für Deutschland voraus. Dies liegt im Wesentlichen an erhöhten Temperaturen und rückläufigen Niederschlägen in den Frühjahrs-, Sommer- und Herbstmonaten."

Und der aktuellste relevante Bericht des IPCC - der Sonderbericht zu Klimawandel und Landgebieten  von 2019 - warnt für die Welt: "Wälder erfahren eine zunehmende Häufigkeit und Intensität von Waldbränden, die mit dem anhaltenden Klimawandel voraussichtlich erheblich zunehmen werden."

Anders ausgedrückt: Bei weiterer Erderwärmung müssen wir mit immer heftigeren Megafeuern rechnen.

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