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15. Dezember 2009, 17:02 Uhr

Kampf für Klimaschutz in Indonesien

Fluch des Wohlstands

Von Christian Schwägerl

Kaum ein Staat vernichtet seine Wälder so schnell wie Indonesien, das Land gehört deshalb zu den weltgrößten CO2-Sündern. Der wachsende Wohlstand verschärft das Umweltschutzproblem, immer mehr Menschen fahren Auto. Klimaschützer versuchen gegenzusteuern - doch ohne westliche Hilfe sind sie machtlos.

Das Schlachtfeld erstreckt sich bis zum Horizont. Die Erde ist aufgerissen, tote Bäume ragen aus einer entleerten Landschaft, alle paar Kilometer schicken Feuer Rauchsäulen in den Himmel. So sieht sie aus, die Schattenseite des Wohlstands.

Früher standen hier, östlich von Palangkaraya auf der Insel Borneo, unendlich wirkende Regenwälder. Nun ist das verkäufliche Holz abtransportiert und der Rest eingeäschert, um Palmölplantagen anzulegen. Das billige Palmöl landet in deutschen und chinesischen Lebensmitteln und Kosmetika.

Die Rechnung dafür gleicht einer Zeitbombe: Rund zwei Milliarden Tonnen Kohlendioxid werden jährlich frei, wenn indonesische Regenwälder abgeholzt werden. Das ist doppelt so viel wie der gesamte Ausstoß von Deutschland, der größten Volkswirtschaft der EU. Eine Waldfläche von etwa 115 mal 115 Kilometer Größe verschwindet jedes Jahr in Indonesien.

Das Inselreich zerstört seine Wälder so schnell wie kaum ein anderes Land - und wird dadurch laut Weltbank zusammen mit Brasilien zum wichtigsten Verursacher von Treibhausgasen nach China und den USA, zum Hauptantreiber einer gefährlichen Erderwärmung. Um unter anderem darüber zu diskutieren, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den indonesischen Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono am Dienstag zu einem Gespräch im Bundeskanzleramt empfangen.

Austrocknender Torf gibt die meisten Treibhausgase ab

"Viele unserer Wälder stehen auf meterdickem Torfboden, der sich zu Treibhausgasen zersetzt, wenn die Pflanzendecke weg ist", warnt Rosenda Chandra Kasih vom WWF Indonesien. Methan und CO2 aus trocknendem Torf könnten Schätzungen zufolge für zehn Prozent der weltweiten Treibhausemissionen verantwortlich sein.

Kasih ist in Palangkaraya groß geworden und erinnert sich an eine Zeit, in der es Wälder voll von Orang-Utans, Hornvögeln und Orchideen gab. Später zog sie auf die Ferieninsel Bali. Jedes Mal, wenn sie nach Hause flog, sah sie aus der Luft, wie ihre Heimat immer mehr einem Schlachtfeld glich. "Irgendwann habe ich den Anblick nicht mehr ausgehalten", sagt sie. Sie bewarb sich um die Leitung des regionalen WWF-Büros und zog zurück in ihre alte Gegend. Seither stemmt sie sich gegen die wichtigste Quelle von Treibhausgasen in Indonesien.

"Wir wollen unseren Anteil am Wohlstand der Welt"

Zusätzlich zur Entwaldung ist auch der wachsende Bedarf nach fossilen Energieträgern ein Problem. Schon länger haben Motorräder das Fahrrad als wichtigstes Fortbewegungsmittel abgelöst, nun wollen Millionen von Indonesiern auf Autos umsteigen. Durch die Hauptstadt Jakarta und andere Bevölkerungszentren wälzt sich jeden Tag eine gewaltige Blechlawine. Und obwohl das Land mit Sonne, Pflanzenwuchs und Erdwärme gesegnet ist, wird der schnell wachsende Energiehunger mit immer mehr Kohle, Erdgas und Erdöl gestillt. Die CO2-Emissionen könnten deshalb von heute 2,2 Milliarden Tonnen bis 2030 auf 3,6 Milliarden Tonnen wachsen.

"Wir sind ein typisches aufstrebendes Entwicklungsland und wollen unseren fairen Anteil am Wohlstand der Welt", sagt Agus Purnomo, der Leiter des vom Präsidenten eingesetzten nationalen Klimaamts, des National Council on Climate Change. Doch kann es wirklich so weitergehen? Seit einigen Jahren stoßen die Schwellen- und Entwicklungsländer zusammengenommen mehr Treibhausgase aus als der alte Westen. Deshalb wollen die USA und die EU nun auf dem Kopenhagen-Gipfel durchsetzen, dass sich auch Länder wie Indonesien zu Emissionsreduktionen verpflichten.

"Es gibt bei uns den starken Verdacht, dass ausgerechnet die Hauptverursacher des Klimaproblems uns das Recht auf Wohlstand streitig machen wollen", sagt Purnomo. Dennoch hat der frühere Chef des indonesischen WWF an einem Plan gearbeitet, wie das Land seine Emissionen zumindest drosseln könnte.

Steigende Meeresspiegel bedrohen Jakarta

Denn abseits aller Vorbehalte geht in Indonesien auch die Angst vor noch mehr Desastern um. Zusätzlich zu Vulkanausbrüchen und Tsunamis könnten Überflutungen, Dürren oder Stürme Indonesien auch ökonomisch empfindlich treffen. In Jakarta, wo die Industrie des Landes konzentriert ist, sind weite Teile der Stadt von einem steigenden Meeresspiegel bedroht.

"Wir sind bereit, die Emissionen gegenüber dem absehbaren Trend um 26 Prozent zu reduzieren, mit finanzieller Unterstützung von anderen Ländern sogar noch stärker", sagt Purnomo. Die Emissionen würden dadurch nicht gemindert, aber immerhin würde ihr Wachstum begrenzt. Entscheidend sei dabei, dass darunter nicht die Bevölkerung leide. "Wir müssen den Menschen eine Perspektive geben, wie sie ohne Waldzerstörung leben, preiswerte Ökoenergie bekommen und umweltfreundlich mobil sein können", sagt er.

Servicegebühren für den lebenden Wald

Auf 100 Milliarden bis 300 Milliarden Euro jährlich wird der Bedarf geschätzt, um alle Entwicklungs- und Schwellenländer auf einen grünen Kurs zu bringen. Denn noch immer spricht die kurzfristige ökonomische Logik dafür, die Emissionen stark zu steigern. Der Wald ist weitgehend kostenlos, Kohle billig, und ein Vorrang für das Auto erspart dem Staat kostspielige Investitionen in den öffentlichen Verkehr.

In Palangkaraya und anderen Waldgegenden Indonesiens versuchen Umweltorganisationen bereits intensiv, den Menschen zu einem Einkommen aus dem lebenden Wald zu verhelfen. Rattanmöbel, Waldhonig, Fischzucht, Ökotourismus, Kunsthandwerk zählen zu den Alternativen. Doch noch immer ist es lukrativer, den Wald einfach abzuholzen.

Rosenda Kasih hofft auf ein neues Finanzkonzept, das den Unterhändlern und Politikern in Kopenhagen zur Entscheidung vorliegt: REDD steht für "Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation in developing countries", für den Versuch, lebenden Wäldern einen ökonomischen Wert zu geben und nicht erst den abgeholzten Bäumen.

Grüner Tauschhandel

Im Sebangau-Nationalpark spielt der WWF Indonesien bereits durch, wie es funktionieren könnte: Für seine Waldschutzmaßnahmen bekommt der WWF Geld etwa von der Deutschen Post. Dann wird errechnet, wie viel Treibhausgase der Atmosphäre dadurch erspart geblieben sind. Diese Menge könnte sich der Geldgeber in Form von CO2-Zertifikaten gutschreiben lassen - so könnte die Post ihre CO2-Emissionen für den Brieftransport ausgleichen.

In anderen Gegenden Indonesiens wird bei REDD-Pilotprojekten berechnet, wie viel Wald in den kommenden Jahren verschwinden würde, falls sich der aktuelle Trend fortsetzt. Sinkt die Entwaldungsrate, wird eine Art Servicegebühr für den geschützten Kohlenstoffspeicher Wald bezahlt, da CO2 nicht in die Atmosphäre gelangt ist. Viele Milliarden Euro REDD-Gelder müssten fließen, um die Abholzung der Regenwälder zu unterbinden. "Wir müssen in Zukunft einen guten Lebensstandard durch Waldschutz erwirtschaften können", sagt Kasih, "wir müssen also die Holzfäller rauskaufen."

Erdwärme statt dreckiger Kohle

Indonesien sitzt auf großen Vorkommen von Kohle, Erdgas und Erdöl, aber zugleich leben noch immer Millionen von Menschen ohne Strom oder müssen immer mit Blackouts rechnen. Projektionen besagen, dass der Energiebedarf sich bis 2020 verdreifachen wird. Den Großteil davon soll aktuellen Planungen zufolge Kohle decken, die CO2-intensivste Stromquelle.

Für erneuerbare Energien ist ein Anteil von 17 Prozent geplant. Ihr gigantisches Potential bleibt auch damit weitgehend ungenutzt. Erdwärme erscheint im Land der Vulkane eine vielversprechende Energiequelle. Doch "Kohlekraftwerke zu bauen kostet rund eine Million Dollar pro Megawatt, Erdwärme rund drei Millionen Euro pro Megawatt", sagt Rehan Kausar, der die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) in Jakarta vertritt.

Einen Mechanismus, wie Geld aus dem Westen gezielt eingesetzt werden kann, um Energieprojekte zu fördern, gibt es bereits: Der "Clean Development Mechanism" (CDM). Er soll Geld aus dem Westen anlocken, um CO2 zu den niedrigen Kosten ärmerer Länder zu vermeiden. CO2-Gutschriften dafür können die Geldgeber dann verwenden, um zu Hause eigene verbindliche Reduktionsziele zu erreichen. Doch die Abläufe, CDM-Vorhaben von den Vereinten Nationen genehmigt zu bekommen, sind sehr bürokratisch.

Recyceltes Erdgas

Das gilt auch für Projekte, die versuchen, fossile Energieträger effizienter einzusetzen. Eine Firma namens "Odira" macht etwa sich daran, das Abfackeln von Erdgas zu beenden. Früher ist das Gas, das bei Odira durch die Rohre schießt, einfach verbrannt worden, als Abfallprodukt eines Erdölgiganten. Abfackeln ist ein weltweites Problem, das erheblich zum Treibhausproblem beiträgt.

Odira hat investiert, um das Erdgas einer nahen Ölbohrung nutzbar zu machen und Haushalten in handlichen Gasflaschen zur Verfügung zu stellen, wo es Dieselgeneratoren ersetzen kann. "Über zehn Jahre können wir ungefähr 3,5 Millionen Tonnen CO2 einsparen", sagt Brandon Courban, der Projektberater der Firma. Das entspricht dem Jahresausstoß von 350.000 Deutschen.

Einen echten Wohlstandsbonus könnten die Entwicklungsländer aus erneuerbaren Energien dann schöpfen, wenn sie selbst neue Technologien entwickeln und sie vermarkten können, statt sie nur zu importieren. "Indonesien könnte sich zu einem weltweiten Technologiezentrum für Erdwärme entwickeln und Geld damit verdienen", sagt David Bruhns vom Geoforschungszentrum Potsdam. Dazu seien Investitionen in Forschung und Lehre nötig.

Die Grundfrage, um die nun auf dem Klimagipfel gerungen wird, ist daher ökonomisch: Wenn Schwellenländer wie Indonesien die Fehler des Westens nicht wiederholen und stattdessen ihren Wohlstand auf umweltfreundliche Weise mehren sollen, brauchen sie erhebliche Mittel. Wie viel also ist es der EU, Japan, den USA und anderen westlichen Nationen wert, den globalen Übergang zu grünem Wirtschaften zu ermöglichen? Es zeichnet sich ab, dass es einen "Sofortfonds" geben wird, der mit neun bis zehn Milliarden Euro bestückt ist. Entscheidend sind aber langfristig und verlässlich zugesagte Mittel, nicht kurzfristige Beruhigungspillen.

Vier Stunden für 50 Kilometer

Der Investitionsbedarf für den Klimaschutz ist riesig, auch im Verkehrssektor. Das weiß jeder, der einmal in Jakarta im Feierabendverkehr gestanden hat. Für 50 Kilometer darf man locker drei bis vier Stunden einplanen. "Der amerikanische Traum ist jetzt auch der indonesische Traum", sagen viele Indonesier. Damit meinen sie dicke Autos und Vorstadthäuser.

"Städte wie Jakarta sind verkehrstechnisch der völlig falsche Weg", sagt Woochong Um, der bei der Asiatischen Entwicklungsbank Verkehrsprojekte in ganz Asien koordiniert. Er versucht, Stadtregierungen wie die von Jakarta dabei zu unterstützen, Schnellbussysteme einzurichten und Autofahrer zum Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel zu bewegen. "Im Moment werden Milliarden investiert, aber wir brauchen in Asien Billionenbeträge, um die Städte umweltfreundlich umzugestalten", sagt Um.

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