Kampf gegen die Grippe Experten loben Mexikos Krisenmanagement

Die Schweinegrippe scheint unter Kontrolle zu sein, Entwarnung wollen Experten aber noch nicht geben. Doch eines scheint jetzt schon klar: Womöglich hat das entschlossene Handeln der mexikanischen Regierung die Welt vor Schlimmerem bewahrt.
Mexikanerin mit Atemmaske (am 30. April 2009): "Die Mexikaner haben sehr offensiv agiert"

Mexikanerin mit Atemmaske (am 30. April 2009): "Die Mexikaner haben sehr offensiv agiert"

Foto: ALFREDO ESTRELLA/ AFP

Wer nicht handelt, tötet. Wer schweigt, tötet auch. Zumindest im Internet-Spiel " The Great Flu " des holländischen Virologen Albert Osterhaus von der Universität Rotterdam ist die Logik ganz einfach. Hier können sich Websurfer als Seuchenbekämpfer üben - und mit eigenen Augen sehen, welchen Effekt die Verteilung von Atemmasken, die Sperrung von Schulen und Flughäfen in einem simulierten Seuchengebiet haben. Gerade die Information der Öffentlichkeit, so stellt sich im Spiel schnell heraus, kostet vergleichsweise wenig, ist aber hoch effektiv.

Bei der gespielten Pandemie "Jabalí Virus" - die sich an der aktuellen H1N1-Infektion zu orientieren scheint, zeigt sich, dass beherztes Eingreifen durchaus darüber entscheiden kann, ob eine Infektion 300 oder 1,8 Millionen virtuelle Opfer rund um den Globus fordert. Nun ist "The Great Flu" nur ein Spiel, eine Simulation mit begrenzter Aussagekraft für die Realität. Und doch scheint es, als hätte nicht zuletzt das aktive Handeln der mexikanischen Behörden geholfen, dem aktuellen Grippeausbruch einen Teil seiner Dramatik zu nehmen - ganz der Logik des Spiels folgend.

Mexikos Regierung hatte radikale Schritte angeordnet: So wurde der öffentliche Verkauf von Speisen verboten, Fabriken, Schulen, Theater, Kinos und Universitäten geschlossen, Fußballspiele abgesagt. Das öffentliche Leben kam zum Erliegen. Die Mexikaner waren darüber nur wenig erfreut. Sie sehnen sich nach der Normalisierung ihres Lebens, die sich nun langsam vollzieht. Restaurants und Imbisse in Mexiko-Stadt sind zum Teil wieder geöffnet. Kirchen, Museen, Oberschulen und Universitäten sollen bald folgen.

Weltweit loben Seuchenexperten die Schritte der Mexikaner. "Aus Sicht der Weltgesundheit war es eine sehr mutige Entscheidung, die die Ausbreitung der Krankheit außerhalb Mexikos eingedämmt hat", sagt etwa Timothy Brewer von der Medizinischen Fakultät der McGill-Universität im kanadischen Montreal. Martin Exner, der Chef des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit am Universitätsklinikum Bonn sieht das ähnlich. "Die Mexikaner haben sehr offensiv agiert und eine offensive Kommunikation geführt", sagt Exner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

"Ich habe an Mexiko nichts zu kritisieren", bringt es Michael Ryan, der zuständige Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), auf den Punkt. Die Mexikaner hätten alle Anfragen ausgesprochen offen beantwortet. Die Uno-Experten in Genf lobten die enge Zusammenarbeit der Regierung in Mexiko-Stadt mit anderen Ländern. Dadurch seien rasch die Bemühungen in Gang gekommen, eine weltweite Verbreitung der Krankheit einzudämmen.

Dabei waren auch Mexikos Behörden mit einiger Verzögerung in den Kampf gegen die Seuche gestartet. Als im Dorf La Gloria im Bundesstaat Veracruz Ende März die ersten Fälle einer neuen Infektion auftraten, passierte erst einmal wenig. Gesundheitsminister José Angel Córdova verteidigte sich später, man habe zunächst noch nichts von dem neuen Erreger gewusst. Sobald das Virus A/H1N1 bekannt gewesen sei, habe man Erkrankte untersucht und das Dorf desinfiziert. Am 12. April meldeten die mexikanischen Behörden dann den Fall der neuen Grippe an den regionalen Arm der WHO weiter. Am selben Tag gab es auch das erste Todesopfer, das vermutlich mit der Infektion in Verbindung steht.

"Die Mexikaner haben eher spät reagieren können, weil sie nicht über die Laborkapazitäten verfügen", beschreibt Martin Exner das Problem. In der Tat: Die Viren aus Mexiko wurden in kanadischen Labors identifiziert. Parallel liefen auch Arbeiten in den USA, wo der Erreger A/H1N1 ebenfalls aufgetaucht war. Eine erste Warnmeldung der WHO  erging am 24. April. Bereits am selben Tag begann Mexiko Schulen zu schließen, Flugpassagiere wurden informiert, größere Menschansammlungen aufgelöst . "Angesichts der vorhandenen Mittel hat Mexiko von Anfang an angemessen reagiert", sagt Scott Lillibridge vom Zentrum für Gesundheitsforschung der Universität von Texas in Houston.

"Es ist zu spät reagiert worden"

Ganz anders war dagegen das Management in den Anfangstagen der Sars-Epidemie verlaufen, die vor sieben Jahren in China ihren Ausgangspunkt hatte. Die ersten Fälle der Erkrankung waren Mitte November 2002 in der chinesischen Provinz Guangdong an der Grenze zu Hongkong aufgetreten - und nach schlechter alter kommunistischer Manier monatelang von den chinesischen Behörden verschleiert worden.

Erst im Februar 2003 wandten sich Pekings Mediziner mit einer Bitte um Unterstützung an die WHO. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Erkrankung bereits unkontrolliert in die Nachbarländer ausgebreitet. Der erste Tote wurde am 13. März registriert. Bis zum Ende des Ausbruchs erkrankten weltweit 8000 Menschen, jeder Zehnte von ihnen starb.

"Es ist zu spät reagiert worden, die WHO ist zu spät einbezogen worden", sagt Martin Exner. Die Chinesen waren schlicht nicht daran gewöhnt, ihre Informationen mit der internationalen Gemeinschaft zu teilen. Außerdem bestand wohl auch die Gefahr, dass sich allein Forscher aus dem Westen die wissenschaftliche Interpretationshoheit über die Ereignisse und Befunde sichern könnten.

Die aktuelle WHO-Direktorin Margaret Chan, damals Gesundheitsdirektorin der Regierung in Hongkong, musste sich ebenfalls Kritik gefallen lassen. Sie hatte zunächst beschwichtigend erklärt, dass Hühnerfleisch sicher sei - und erst mit Verspätung anderthalb Millionen Hühner töten lassen. Für ihre Passivität bekam Chan später von Hongkongs Gesetzgebender Versammlung, dem legislative council, einen Rüffel .

Die Infektion konnte schließlich eingegrenzt werden, doch möglicherweise hätte ein entschiedeneres Vorgehen Menschenleben gerettet. "Ich glaube, dass die Chinesen jetzt klüger geworden sind", sagt Gesundheitsforscher Exner. Und auch auf internationaler Ebene blieb das chinesische Informationsdebakel nicht ohne Folgen: "Wir haben aus Sars und der Vogelgrippe gelernt", sagt etwa Rolf Kaiser, Virologe an der Universität Köln, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. So sei zum Beispiel die internationale Datenbank Gisaid ("Global Initiative on Sharing All Influenza Data") gegründet worden, in der Forscher aus verschiedenen Ländern Gendaten von Grippeviren austauschen.

Federführend bei der Entwicklung der Plattform war das Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken. Die Initiative habe bereits weit über tausend Mitglieder, erklärt das Institut stolz. Der Ausbruch von A/H1N1 in Mexiko habe einen wahren Registrierungsboom ausgelöst.

Bei allen bestehenden Unzulänglichkeiten scheint es, als hätten Regierungen aus Sars und der Vogelgrippe etwas gelernt. So wurden auch die völkerrechtlichen Regeln angepasst. In den International Health Regulations der WHO  ist seit dem Jahr 2005 unter anderem eine Informationspflicht für Staaten im Fall von möglichen internationalen Gesundheitsrisiken festgeschrieben. Außerdem verpflichten sich die WHO-Mitgliedstaaten, Kapazitäten für den Seuchenfall vorzuhalten, zum Beispiel in Form nationaler Pandemiepläne.

Mit Material von Reuters
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