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20. Februar 2019, 11:32 Uhr

Kampf gegen Mikroplastik

So soll Kleidung umweltfreundlich werden

Aus Washington berichtet

Ein großer Teil des Mikroplastiks in der Umwelt stammt aus Kleidung. Beim Waschen fließt es mit dem Abwasser in Flüsse und ins Meer. Forscher wollen das Problem jetzt mit Alternativen lösen.

Im Ozean schwimmt so viel Müll, dass manche ihn nur noch als Plastiksuppe bezeichnen. Neben den großen Müllteppichen sind im Ozean aber auch große Mengen Mikroplastik zu finden.

"Wir finden es im Arktiseis, in der Tiefsee, in Böden, Seen und Flüssen und in den Tieren, die darin leben", sagt Chelsea Rochman von der University of Toronto auf der Wissenschaftskonferenz AAAS in Washington. Forscher haben dort diskutiert, wie sich verhindern lässt, dass Mikroplastik aus der Kleidung - etwa Polyester - beim Waschen ins Abwasser gelangt.

Ungefähr 1,5 Millionen Tonnen Mikroplastik geraten laut Schätzungen der Weltnaturschutzunion (IUCN) jedes Jahr ins Meer. Zwei Drittel davon sind Fasern aus Kleidung (siehe Grafik unten). Kleine Plastikpartikel, die erst in der Umwelt auf unter fünf Millimeter schrumpfen, werden dabei nicht berücksichtigt.

"Wer einen Trockner hat, kennt die Mikrofasern aus der Wäsche", sagt Melik Demirel von der Pennsylvania State University. "Er holt sie regelmäßig aus dessen Filter." Forscherin Rochman sieht die Fasern besonders kritisch, weil sie zusätzlich zum Plastik oft auch Farbstoffe, Feuerschutz- und Imprägniermittel enthalten, die dann ebenfalls in die Umwelt gelangen.

Alternative: Biokunststoffe

Eine zufriedenstellende Lösung für das Problem gibt es bislang nicht. "Wir könnten zu Wolle, Baumwolle, Seide und Leinen als wichtigsten Materialien für Kleidung zurückkehren", sagt Demirel. Die Stoffe seien im Gegensatz zu den Kunstfasern biologisch abbaubar, dafür aber teurer. Um sie zu produzieren und zu verarbeiten, brauche es zudem viel Wasser und landwirtschaftliche Fläche. "Damit wäre nicht viel gewonnen."

Forscher arbeiten daher an biologisch abbaubaren Kunstfasern. Demirel hat beispielsweise in Tintenfischen ein Protein entdeckt, das Seide ähnelt. Es verleiht kleinen Zähnen an den Saugnäpfen der Tiere Stabilität und Elastizität zugleich.

Angelehnt an die Struktur dieser Proteine hat Demirel mithilfe von synthetischer DNA eine künstliche Biofaser entwickelt. Ihre Eigenschaften kann er anpassen, indem er die Proteinstruktur verändert. So wird das Material beispielsweise luftdurchlässiger - eine wichtige Eigenschaft von Sport- und Outdoorkleidung.

"Im Gegensatz zu Kunststoff braucht man für die Produktion keine fossilen Brennstoffe", sagt Demirel. Er sieht die Technik als beste Option, weil sie die Ursache des Plastikfaserproblems bekämpft. Noch ist sie allerdings nicht marktreif.

Plastikfasern gelangen auch in die Luft

Produziert werden müsste im großen Stil: 6,1 Kilogramm Kunststofftextilien verbraucht derzeit jeder Mensch durchschnittlich im Jahr - Nordamerika ist mit 17,8 Kilogramm Spitzenreiter. Zudem bräuchte es Zeit, bis alle Menschen ihre Kunstfaserkleidung gegen neue ausgetauscht hätten.

Offen bleibt auch, wie das Mikroplastik, das bis dahin in der Umwelt gelandet ist, wieder daraus entfernt werden könnte. "Es gibt Bakterien, die Plastik fressen", sagt Demirel. "Wie sich das in großem Maßstab nutzen ließe, wird derzeit erforscht. Das wird aber noch dauern."

Bis dahin plädieren die Forscher für einen pragmatischen Umgang mit dem Problem. Rochman testet gerade in hundert Haushalten in einem kleinen Ort in Kanada Filter an Waschmaschinen oder Hausanschlüssen. "Es war gar nicht so einfach, die Leute von den Filtern zu überzeugen", sagt sie. Will man die Technik breit anwenden, kostet das zudem viel Geld.

So oder so würde dieser Ansatz nur einen Teil des Problems lösen: Insgesamt 3,2 Millionen Tonnen Mikroplastik gelangen jedes Jahr in die Umwelt - knapp die Hälfe davon landet im Ozean, der Rest verteilt sich beispielsweise an Land. Forscher können die Fasern auch in der Luft nachweisen.

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