Deutscher Kaiser Wie Karl IV. den Thron eroberte

Er trug vier Kronen und sprach fünf Sprachen: Gebildeter als Karl IV. war kaum ein deutscher Kaiser. Seine Herrschaft sicherte er durch viel Geld - auch aus schmutzigen Quellen. Von Georg Bönisch.
Den Grundstein für die Karlsbrücke, eines der Wahrzeichen von Prag, legte Karl IV. im Sommer 1357. Einzigartig erhebt sich dahinter die Silhouette der Prager Burg. Die seit dem 9. Jahrhundert immer wieder erweiterte, umgebaute und nach Bränden neu errichtete Anlage gilt als größtes geschlossenes Burgareal der Welt.

Den Grundstein für die Karlsbrücke, eines der Wahrzeichen von Prag, legte Karl IV. im Sommer 1357. Einzigartig erhebt sich dahinter die Silhouette der Prager Burg. Die seit dem 9. Jahrhundert immer wieder erweiterte, umgebaute und nach Bränden neu errichtete Anlage gilt als größtes geschlossenes Burgareal der Welt.

Foto: Petr David Josek/ AP

Als erster europäischer Herrscher ließ er sich so porträtieren, wie er wohl wirklich aussah - beschönigen wollte Karl IV. nichts. Und er publizierte eine Autobiografie, die in weiten Teilen selbst geschrieben war, damals einmalig in Deutschland. Es war ein gut gemachtes Propagandawerk, das eines bezwecken sollte: ihn darzustellen als Leitbild eines Herrschers, gewissermaßen als Idealtypus. Karl, der Weltkundige. Der Hochgebildete. Der Intellektuelle.

Sich kleinmachen und bewusst bescheiden wirken, das konnte Karl aber auch. Bei Audienzen verzichtete er auf jedweden Schmuck und aufs Schwert, meist trug er schlichte Kleidung - in einer Zeit, die von fürstlicher Prachtentfaltung glänzte. Die glatten, dunklen Haare hingen bis zur Schulter, Bart und Schnäuzer wirkten gepflegt. "Er war", notierte der Florentiner Chronist Matteo Villani, "von mittlerer Größe, aber klein für einen Deutschen, leicht gebeugt, Hals und Kopf nach vorn schiebend."

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2016

Das Reich der Deutschen: 962-1871 - Eine Nation entsteht

Inhaltsverzeichnis

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Mit 1,73 Meter war Karl zwar größer als die meisten Männer seiner Zeit, doch eine Verletzung der Wirbelsäule hatte die schiefe Körperhaltung erzwungen, weshalb er kleiner schien.

Die Bittsteller, die vor ihm knieten, schaute Karl kaum an, er ließ den Blick umherschweifen. Dabei saß er selten. Manchmal schnitzte er, scheinbar versunken, mit einem kleinen Messer an einem weichen Stück Holz. Es sah so aus, als interessierten ihn die Petenten nicht sonderlich - das Gegenteil war richtig: Er hörte aufmerksam zu, konzentriert. Dann antwortete er kurz und knapp und auf den Punkt.

Karl IV. aus dem Hause der Luxemburger war der 16. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches - und wohl einer der intelligentesten. Er schrieb und redete deutsch, böhmisch, lateinisch, französisch, italienisch. Selbst Dialekte, wie etwa das Lombardische oder das Toskanische, beherrschte er. Schon früh hatte er die Reichseinheit im Kopf, und er schuf eine Art Reichsgrundgesetz, die Goldene Bulle, die etwa die Königswahl regelte.

Ein Genie war er auch auf dem Terrain, das Historiografen als Hausmachtpolitik beschreiben.

Je größer die Hausmacht, desto einflussreicher die Dynastie im Reich - für Karl war es die erste Aufgabe, der Einflussreichste zu sein. Er schaffte es schon deshalb, weil er, wie der Historiker Ferdinand Seibt notierte, die "reife Kunst der politischen Eheverknüpfung" beherrschte.

Viermal war er verheiratet, drei Frauen und kluge Erbverträge brachten Landgewinn - auch wenn er manchmal dafür tief in die Tasche greifen musste: Die Oberpfalz und Teile Frankens ("Neuböhmen"), schlesische Herzogtümer, die Niederlausitz. Und die Mark Brandenburg.

So baute er sich auf zum mächtigsten Mann in Europa. Mit einer Hauptstadt, die neben Paris zur Metropole diesseits der Alpen wurde: Prag, die Goldene Stadt. Seine Stadt. Das Reich hatte, auch wenn Karl nimmermüde umherreiste, wieder einen Herrscherhof an fester Stelle - zum ersten Mal, seit Karl der Große Aachen zur Residenz ausgebaut hatte.

Karl IV. war wohl eine Art früher Realpolitiker. Er wusste, was machbar war und was nicht, und er war bereit zum Kompromiss. Einem "Unstern" sei er stets ausgewichen, urteilt Seibt, der wohl beste Karl-Kenner - "dem Krieg".

Wichtig sei, "alle Mittel früher zu versuchen als das Eisen", schrieb Karl in einem Brief an den Dichter und Humanisten Francesco Petrarca. Eisen, das war das Schwert, die Kanonenkugel.

Doch mitnichten war er ein Friedensfürst. Dieses immer wieder aufgebrachte Lob ist ein falsches. Karl habe, sagt der Geschichtsforscher Uwe Tresp, "kaum weniger Kriege" geführt "als andere mittelalterliche Herrscher auch". Nur begründete oder interpretierte er seine militärischen Operationen etwa gegen "schedeliche leute, roubere" oft intelligenter - "als legitime Maßnahmen zur Friedenssicherung" etwa. So wurden "eigene Expansionskriege" mit "öffentlichem Interesse" begründet. Verteidigungskriege also.

Manchmal schnitzte er, scheinbar versunken, mit einem kleinen Messer an einem weichen Stück Holz.

Dieser Karl gilt, zu Recht, als Wegbereiter der Neuzeit. Als Konservativer, der sich um moderne Strukturen kümmerte und dem Reich einen Rechtsrahmen gab. Der Historiker Heinz Stoob hält ihn gar für "einen Europäer, nach Geist und Handeln", weil er "über dem Streit nationaler Interessen stand" und "wirklich universal" gedacht habe.

Prag, der 14. Mai 1316, ein Freitag. Glückstag für den böhmischen König Johann von Luxemburg und seine Frau Elisabeth. Nach zwei Töchtern kommt der Kronprinz zur Welt, endlich. Der Vater aus dem deutschen Hochadel, die Mutter Prinzessin aus dem Geschlecht der Premysliden, einer der ältesten Dynastien Europas, verankert irgendwo im Dunkel der Sagenzeit.

Für die damaligen Menschen bedeutete dies dennoch: edelste Herkunft. Ein unschätzbarer Vorteil für das Image.

Wenzel heißt der Sohn, und diese Namensgebung ist durchaus ein Politikum. Der Vater ist ungelitten als "landfremder König", weil er eher dem französischen Kulturkreis zuneigt. Die komplizierten und sensiblen Kräfteverhältnisse in Böhmen indes verlangen, dass die premyslidische Seite besonders betont werden muss - deshalb also Wenzel. Wenzel, der Anfang des 10. Jahrhunderts lebte und regierte, ist Hauspatron der Premysliden, Nationalheiliger.

Aus dem traditionellen Goldgrund treten hier einige höchst individuell gestaltete Gesichter hervor: Der kniende Kaiser Karl IV. vor der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind, umgeben von zwei Heiligen und seinem jungen Sohn Wenzel; unten

Aus dem traditionellen Goldgrund treten hier einige höchst individuell gestaltete Gesichter hervor: Der kniende Kaiser Karl IV. vor der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind, umgeben von zwei Heiligen und seinem jungen Sohn Wenzel; unten

Foto: Getty Images

Prag ist ein unsicheres Pflaster, deshalb lässt Johann den Kronprinzen auf die Feste Bürglitz östlich von Prag bringen. Längst kriselt es in der Ehe, die Krise weitet sich aus zum Zerwürfnis. Der Vater trennt Wenzel gewaltsam von der Familie, als er knapp vier ist - und sperrt ihn, wohl um seinen kindlichen Trotz zu brechen, zwei Monate lang in einen Keller weg, "sodass er", berichtete ein Zeitgenosse, "das Licht nur durch eine Öffnung erblickte".

Wenzel ist sieben, als der Vater ihn zur Erziehung nach Paris schickt. Eine Tante des Jungen ist mit dem französischen König Karl IV., dem Schönen, verheiratet, und dieser Karl gibt Wenzel als sein Firmpate den fränkischen Herrschernamen Karl. Der Onkel tut noch etwas anderes: Er vermählt seine Cousine Blanche von Valois mit Karl. Sie ist ebenfalls erst sieben.

An der Seine bleibt Karl, bis er 14 ist. Paris, der Mittelpunkt der großen Welt, hat ihn geprägt und geformt. Und vor allem sein Lehrer Peter von Fécamp, ein Benediktinermönch. "Er förderte mich mit väterlicher Zuneigung und unterwies mich öfters in der Heiligen Schrift", schrieb Karl in seiner Autobiografie.

Und er erwähnt eine hübsche Episode, die geradezu romanhaft klingt: "Du wirst noch römischer König werden", habe sein Lehrer ihm eines Tages prophezeit. Karls Antwort: "Du wirst zuvor Papst sein." Beides traf ein, Fécamp amtierte, seit 1342, als Clemens VI.

Das Verhältnis zum Vater ist kühl seit jenen Kerkertagen, kein Wunder. Gegenseitiges Misstrauen herrscht, dennoch schickt Johann ihn im Sommer 1331 an die Front - nach Oberitalien, als seinen Statthalter. Der Luxemburger beherrscht hier, zwischen Tirol und Lucca, ein beachtliches Territorium. Ihm stehen allerdings starke Feinde gegenüber: die Visconti von Mailand, die veronesischen Scaliger, das republikanische Florenz.

Erst sieben Jahre alt sind die beiden Brautleute, als Karl in Paris mit Blanche von Valois vermählt wird, der Cousine des französischen Königs. Das Bild stammt aus einer 1475 erschienenen Ausgabe von Karls Autobiografie.

Erst sieben Jahre alt sind die beiden Brautleute, als Karl in Paris mit Blanche von Valois vermählt wird, der Cousine des französischen Königs. Das Bild stammt aus einer 1475 erschienenen Ausgabe von Karls Autobiografie.

Foto: Österreichische Nationalbibliothek

In Frankreich hatte Karl quasi einen Musterstaat kennengelernt: starke Monarchie, straffe Verwaltung, honorige Beamte, Ordnung. Zentralismus. Eine geschlossene Nation. Oberitalien scheint das Gegenteil: politisch zerrissen, hoffnungslos zersplittert, unzuverlässige Verhandlungspartner. Er muss sich als Politiker bewähren - und dann als Kommandeur. Zum ersten Mal. Mit 16.

San Felice nahe Modena, der 25. November 1332, ein trüber Herbsttag. Die Burg der Luxemburger wird belagert, seine Besatzung will kapitulieren - in letzter Sekunde schafft es Karl, eine respektable Armee heranzuführen: 6000 Fußknechte, 1200 Reiter. Eine barbarische, kurze Schlacht beginnt. Schon bald, berichtet Karl, seien "fast alle Streitrösser getötet" worden, auch sein eigenes Pferd. Er wird verletzt, wähnt sich und seine Truppe schon "überwunden" - da plötzlich weicht der Feind: "Und so errangen wir durch Gottes Gnade den Sieg ..."

Ein Etappensieg nur. Am Ende sind die Gegner, die Stadtherrschaften, zu stark. Vater Johann befiehlt den Abzug.

Fast elf Jahre lang hatte Karl die Heimat nicht gesehen, elf lange Jahre. Jetzt, im Oktober 1333, kehrte er zurück nach Prag. Und war entsetzt. Die bereits 30 Jahre zuvor bei einem Brand stark beschädigte Residenz war nun völlig unbewohnbar - "verödet, zerstört und in Trümmern, dass es so gut wie dem Erdboden gleichgemacht war". Er habe "wie jeder andere Bürger in den Häusern der Stadt wohnen" müssen. Ein Zustand, den er, seit Anfang 1334 Markgraf von Mähren, schon bald ändern sollte.

Faktisch war er bereits Chef im Land, der Vater blieb meistens in Luxemburg. So spielte Karl eine wichtige Rolle bei der Aushandlung eines Friedensvertrages zwischen Böhmen und Polen - Schlesien wurde böhmisch, und blieb es 400 Jahre lang, ein großer politisch-diplomatischer Erfolg.

Überhaupt orientierte sich Karl eher in Richtung Osten und Norden als nach Westen, auch das unterschied ihn von seinem Vater. Vordergründig schien ihn dabei eine Politik des Ausgleichs zu interessieren. Mit den Ungarn, den Habsburgern, den Preußen des Deutschen Ritterordens, den Polen. In Wahrheit aber arbeitete er längst an einem anderen Ziel: König zu werden, Kaiser. Wie schon sein Großvater Heinrich VII.

Nach dessen Tod im August 1313, drei Jahre vor Karls Geburt, hatte ein denkwürdiges Rennen um die Macht begonnen, es war ein Rennen mit drei Kandidaten: dem Habsburger Friedrich, dem Wittelsbacher Ludwig und Heinrichs Sohn Johann. Da selbst den Luxemburgern ihr eigener, unerfahrener Kandidat nicht durchsetzbar erschien, unterstützten sie Ludwig, den Bayern.

Er und Friedrich wurden fast zeitgleich, in getrennten Akten, gewählt. Acht Jahre lang währte diese lähmende Zeit des doppelten Königtums - bis Ludwig seinen Kontrahenten militärisch niederrang. Die Schlacht bei Mühldorf im September 1322 gilt als letzte große Ritterschlacht, es ging Mann gegen Mann.

Ludwig attackierte auch den Papst und bestritt dessen alles überwölbende Herrschaft, worauf Johannes XXII. ihn exkommunizierte.

Sein bayerischer Widersacher droht, ihn "gleich einem Wurm zu zertreten".

Von dieser Gemengelage profitierte vor allem einer: Karl. 1344 ließ er das Erzbistum Prag gründen, in wohlkalkuliertem Gehorsam gegenüber seinem einstigen Lehrer Peter von Fécamp, der inzwischen als Clemens VI. auf dem Stuhl Petri saß.

Der Papst verlangte Zugeständnisse: So sollte Karl nach einer Kaiserkrönung noch am selben Tag aus Rom verschwinden. Karl tat es dann später wirklich, am Abend des 5. April 1355 verließ er die Stadt. Als neuer Kaiser.

Vorerst war Ludwig noch Kaiser, auch wenn Clemens VI. seine Exkommunikation bekräftigte. Als Nächstes rief der Papst die Kurfürsten zur Wahl eines neuen Königs auf. Fünf (von sieben) votierten am 11. Juli 1346 für seinen Kandidaten Karl: Johann von Böhmen natürlich, Karls Vater, sowie der Herzog von Sachsen-Wittenberg und die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier.

König Karl war nunmehr Gegenkönig des bayerischen Wittelsbachers. Der allerdings konnte noch immer auf die Unterstützung zahlreicher Fürsten und fast aller bedeutender Reichsstädte zählen. Eine schmale Basis also für den Neuen, zumal er in Bonn gekrönt wurde und nicht in Aachen, der Stadt Karls des Großen. Für die Legitimation eines Herrschers, auch für die Anerkennung durchs Volk, hatte der Krönungsort immense Bedeutung.

"Pfaffenkönig", rex clericorum, haben ihn viele genannt - soll heißen: Marionette der Kirche. Gewiss, Karl hat den Papst gebraucht, um sein Ziel zu erreichen. Doch nach und nach schmälerte er dessen Einfluss im Reich, bis der Pontifex maximus fast gar keinen mehr hatte. So brach Karl, der Realpolitiker, mit einer alten Tradition - indem er den Papst quasi neutralisierte.

Dennoch läuft es anfangs nicht gut für den 30-jährigen König. Als er kurz nach seiner Wahl mit seinem erblindeten Vater den französischen Truppen gegen die Engländer beistehen will, wird er in Nordfrankreich verwundet. Während sein Vater auf dem Schlachtfeld von Crécy fällt und fortan als Held gilt, muss sich Karl zurückziehen. Seine Tapferkeit und seine Eignung als Herrscher scheinen infrage zu stehen.

Doch wieder hilft der Papst.

Clemens lobt im November 1346 Karl überschwänglich als hervorragenden christlichen Herrscher, der noch besser als der biblische Salomo das Idealbild eines Königs verkörpere: ein Wächter des Reichs für seine Untertanen, Beschützer auf Erden und Mittler im Himmel. Das zieht offenbar, wenige Monate nach der Schlacht von Crécy.

Dann plötzlich stirbt, auf der Bärenjagd, sein Widersacher Ludwig an den Folgen einer Herzattacke. Einige Monate zuvor noch hat er gedroht, Karl "gleich einem Wurm zu zertreten".

Vergebens suchen die Wittelsbacher in den eigenen Reihen einen Gegenkönig. Der in ihren Diensten stehende Diplomat Günther von Schwarzburg, den sie dann wählen lassen, erweist sich als zu schwach. Allmählich gelingt es Karl, seine Herrschaft zu stabilisieren - auch dank einer geschickten Personalpolitik und der pfiffigen Idee, nach dem frühen Tod seiner Frau Blanche die Wittelsbacherin Anna von der Pfalz zu heiraten. Dies sorgt für eine gewisse Ruhe im Verhältnis der beiden Dynastien.

Er lässt sich noch einmal wählen, am 17. Juni 1349 in Frankfurt - nun "am rechten Ort". Und empfängt am 25. Juli erneut die Krone, auch am rechten Ort: in Aachen.

Das Reich hatte, nach Jahrzehnten, wieder einen König. Einen einzigen. Um für alle Zeiten wirre Verhältnisse wie nach Doppelwahlen auszuschließen, regelte alsbald die Goldene Bulle das Prozedere. Dieses Werk Karls gilt als die wichtigste Grundlage der alten Reichsverfassung. Und blieb bis 1806 bestehen.

Die Zeit, in der Karl regierte, hat der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga als "Herbst des Mittelalters" beschrieben. Herbst, das hieß für ihn: von Aufbruch keine Spur, eher eine Epoche des allmählichen Verfalls. Karl-Biograf Seibt sah die Ära des aristokratischen Ritterideals "in romantischer Apotheose" sterben - das Ende einer eigentlich bunten, prallen Welt.

Tatsächlich häuften sich die Katastrophen in erstaunlicher Weise. Hagelschläge, Überschwemmungen an den Küsten, Überflutungen der Flüsse. Das Klima wandelte sich. Die Durchschnittstemperatur sank, es schien eine neue Eiszeit aufzuziehen. Die Menschen kämpften überdies gegen eine furchtbare Heuschreckenplage, Karl selbst war Augenzeuge: "Ihr Zirpen glich eher einem tosenden Lärm. Sie wirkten wie ein dichtes Schneetreiben, sodass man ihretwegen die Sonne nicht sehen konnte. Sie verbreiteten einen aufdringlichen Gestank."

Und sie machten sich über die Felder her. Die Folge: Hungersnöte.

Die Pest kam, verheerend wie noch nie in Europa. Eingeschleppt über Handelsschiffe aus Asien, über Ratten verbreitet, befördert durch mangelnde Hygiene. Erst hieß es, eine "schädliche Planetenstellung" sei schuld, vielleicht auch "üble Erdgerüche" nach einem starken Erdbeben.

Dann standen die vermeintlich wirklich Schuldigen fest: die Juden. Wieder einmal lautete der Vorwurf, sie hätten die Brunnen vergiftet. Tausende wurden deshalb verfolgt, gequält, ermordet. Oder sie töteten sich selbst.

Die Juden genossen seit Karl dem Großen königlichen Schutz, Friedrich II. hatte sie als seine "Kammerknechte" privilegiert - weil sie, neben den Bürgern der Reichsstädte, die einzigen Steuerzahler waren. Kammerknechte, dieses Wort war keineswegs freundlich gemeint. Sondern eher eine fiskalische Einschätzung. Viele Juden hatten viel Geld, und sie verliehen es: gegen hohe Zinsen. Wucher, das war der Vorwurf.

Zwar glaubte Karl nicht an die Mär der Brunnenvergiftung. Er hat Juden auch nicht verfolgen lassen - aber deren Mörder geschützt, amnestiert und dafür Geld kassiert. Und er hat im Vorhinein davon gewusst, dass die Juden gejagt und vernichtet werden würden.

So hält eine Urkunde Karls fest, wie er "mit disem brief der besten Juden haeuser in der stat ze Nurenberg" dem Wittelsbacher Markgrafen Ludwig von Brandenburg übereignet - und zwar "wann die Juden da selbes nu nehst werden geslagen". Nehst, also demnächst.

Karl war das Geld dafür offenbar willkommen, er nahm auch schmutziges Geld. Wie kaum ein anderer Regent versuchte Karl, Geld zu scheffeln. Es war für ihn das Herrschaftsmittel schlechthin. Der Kaiser bediente sich, weil es nur eine ganz schmale Reichskasse gab, bei den Städten. Im Gegenzug belohnte er deren Loyalität mit weitreichenden Privilegien. Oder er nutzte ein altbewährtes Verfahren: die Politik der Verpfändung.

Was kompliziert klingt, ist eigentlich ganz einfach: Gegen gutes Geld übertrug er anderen königliche Rechte. Zwar schädigte er auf diese Weise die "Integrität des Reichs in dessen Eigentum an Gütern und Rechten", sagt der Historiker Martin Kintzinger. Aber dies schien Karl egal: "Entscheidend" sei für ihn der "stets erwartete eigene Nutzen für seine Politik" gewesen - hieß: die Sicherung seiner Herrschaft.

So kurbelte er aber auch die Konjunktur an. Die Prager Neustadt mit dem Wenzelsplatz entstand, ein Riesenunternehmen, die Moldaubrücke wurde gebaut. Bald schon gehörte Karls Prag mit 30000 Einwohnern zu den größten Städten Mitteleuropas - und war Zentrum des Handels und der Kunst ("Karolinisches Zeitalter"). Hier wirkten Männer wie Peter Parler, der begnadete Bildhauer. Die Universität, 1348 gestiftet von Karl und die erste in Deutschland, entwickelte sich rasch zur akademischen Attraktion. Der Regent forderte seine Bürger gelegentlich auf, den Studenten doch bequeme Zimmer anzubieten.

Wie kaum ein anderer Regent versuchte Karl, Geld zu scheffeln. Es war für ihn das Herrschaftsmittel schlechthin.

Karl förderte die Fischzucht und den Bergbau, schützte die Wälder per Gesetz gegen Raubbau, er ließ Wein anbauen und Feigen. Im Jahr 1360, einem schlimmen Hungerjahr, ordnete er an, links der Moldau eine kilometerlange Festungsmauer zu bauen - wer will, kann dies als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme beschreiben, als Fürsorgepolitik.

Als erster Kaiser seit Barbarossa besuchte Karl in Lübeck die Hanse - das Thema Handel interessierte ihn sehr. Weil Prag wegen der geografischen Lage recht abseits der großen europäischen Routen lag, stieß er ein aufsehenerregendes Projekt an: Güter aus dem Süden sollten nicht mehr über die Schweiz und den Rhein Richtung Norden transportiert werden, sondern über das österreichische Linz an der Donau. Von dort sollte es nach Prag weitergehen, dann die Moldau hoch, die Elbe, und über die Nordsee nach Flandern. Das logistische Großunternehmen konnte jedoch nicht verwirklicht werden.

Karl war auf dem Höhepunkt seiner Macht, als er im Sommer 1376 die Wahl seines ältesten Sohnes Wenzel zum König durchsetzte. Erstmals seit der Stauferzeit folgte auf dem Thron ein Sohn dem Vater. Doch gelang das nur, weil der Kaiser die vier rheinischen Kurfürsten mit Wahnsinnsgeldern bestochen hatte. Gelder, kassiert bei immensen Verpfändungen.

In zwei Testamenten teilte er sein Erbe auf, sechs Männer sollten es verwalten - und mehren. Zwei Neffen, der Halbbruder und seine drei Söhne. Es war der vielleicht größte Fehler seines Leben, denn damit zerschlug er sein eigenes Werk. Karl, der schon lange an der Gicht litt, starb am 29. November 1378, drei Stunden nach Sonnenuntergang. Bei einem Sturz vom Pferd hatte er sich das linke Bein gebrochen, hohes Fieber befiel ihn, dann eine Lungenentzündung.

Sein Sohn Wenzel, in Nürnberg geboren, einer der Lieblingsstädte des Vaters, hatte das meiste bekommen. Und verschleuderte fast alles. Seinen Beinamen trug er zu recht - der Faule.

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