Kasachstan Gigantisches Zelt in Borats Welt

Neues aus Kasachstan, der Filmheimat des rasenden Reporters Borat. In der Hauptstadt Astana entsteht das weltgrößte Zelt, 150 Meter hoch und errichtet von Stararchitekt Lord Norman Foster. In zwölf Monaten soll es fertiggestellt sein.

Von Joachim Hoelzgen


Astana, die neue Hauptstadt Kasachstans, wirkt wie ein wundersames Fragezeichen in den Sand- und Grassteppen des größten Landes Zentralasiens. Eine monumentale Achse erstreckt sich hier vom Ischim-Fluß ins weite Nichts - vorneweg mit dem Palast des Präsidenten Nursultan Nasarbajew, einem Komplex aus schneeweißem Marmor und Granit. Dann ragen Wolkenkratzer in die Höhe, verspielte Türme mit Zwiebeldächern und die raketenähnlichen Minarette der Großmoschee von Astana.

Nicht weit vom Palast des Präsidenten steht eine Art gigantischer Fußballpokal mit hundert Meter hohen Metallstreben, die nach oben hin auskragen und eine goldfarbene Kugel tragen. Das Gebäude ist nach einem mythischen Baum benannt, auf dem ein gleichfalls mythischer Vogel, der Samruk, goldene Eier legte.

Den Reichtum Kasachstans an Bodenschätzen aller Art stellt aber ein Gebäude-Halbkreis dar, den die Öl- und Gaskonzerne Kasachstans errichtet haben. Der Gasriese KazMunaiGaz hat sich hier angesiedelt, und gegenüber steht das bisher höchste Bauwerk Astanas, das 130 Meter hohe Ministerium für Transport und Telekommunikation. Wegen seines abschüssigen Dachs heißt das Gebäude in Astana "Feuerzeug" und der anschließende Halbkreis der Energiekonzerne "Aschenbecher".

Nun aber, am nördlichen Ende der gewaltigen Achse, soll ein neues Wahrzeichen für Astana entstehen: das größte Zelt der Welt, 150 Meter hoch und aus sonnendurchlässigem Kunststoff angefertigt, der im kalten Steppenreich von Kasachstan das gauklerische Gefühl hervorrufen soll, in einem Sonnenstaat wie Kalifornien zu leben.

Außen ähnelt das Zelt, das von einer elliptischen Grundfläche emporsteilt, der spitzen Filzkappe kasachischer Nomaden - oder etwa der Nordwand des Obergabelhorn in den Schweizer Alpen. Die durchscheinende, himmelwärts gewölbte Oberfläche läuft in einem metallischen Kragen zusammen, aus dem wiederum eine Art überlange Antenne hervorragt.

All das ruht auf einem hohen Sockel, der mit Bullaugen versehen ist, die nachts leuchten. Den Eingang bildet ein großes Oval, das auf dem Modellfoto viele Menschen offenbar freudig durchschreiten. Fast könnte man meinen, in Astana habe mit dem jüngsten Großprojekt eine Fliegende Untertasse aufgesetzt, die an den Spielberg-Film "Unheimliche Begegnung der Dritten Art" erinnert - und an das begehbare Ufo der japanischen Objektkünstlerin Mariko Mori, das ebenfalls mit einer ovalen Pforte lockt.

Staatschef Nursultan Nasarbajew will mit der Zeltanlage, die er Khan Shatyry nennt, ein Freizeit- und Tropenparadies errichten, ähnlich jenem in der ehemaligen Cargolifter-Halle bei Berlin. Auf einem Gelände, das größer als zehn Fußballfelder ist, soll eine Wasserlandschaft mit Palmen entstehen und dazu ein künstlicher Fluss samt venezianischen Gondeln. Eine Gasse mit Kopfsteinpflaster soll die Kasachen erfreuen und dazu Cafés, an denen es in Astana bisher mangelt. Im Sockel des Zeltbaus sind Kinos und Einkaufszentren vorgesehen und darüber ein botanischer Garten mit hängenden Gärten.

"Ich sehe die Aufgabe darin, dass unsere Hauptstadt etwas ganz Besonderes werden muss", erklärte Nasarbajew am 7. Dezember bei der Vorstellung von Khan Shatyry. "Sie muss den modernsten Entwürfen entsprechen, von denen jeder einmalig sein wird."

Zuletzt hat das Ansehen Kasachstans ja durch den Film über den rasenden Fernsehreporter Borat stark gelitten, was Nasarbajew aber nicht weiter bekümmert. Er hat den Film angeblich nicht gesehen und trat dessen Vorurteilen bei einem Treffen mit dem englischen Premierminister Tony Blair lachend entgegen. All das sei nur eine Sache des Marketings, "und jede Reklame ist gute Reklame", sagte Nasarbajew.

Die Präsentation des Zeltbau-Modells fand im Kultur- und Kongresszentrum Astanas statt, in der gerade fertig gestellten "Pyramide des Friedens und der Eintracht". Das Glasbauwerk stammt von dem Londoner Stararchitekten Lord Norman Foster. Es ist 62 Meter hoch und ruht seinerseits auf einem 15 Meter hohen Sockel, in dem es auch noch ein Opernhaus mit 1500 Plätzen gibt.

Foster hat aber auch das Riesenzelt entworfen, das vor allem dem harschen Klima inmitten der kasachischen Steppenlandschaft trotzen muss. Diese Woche war es in Astana mit nur zehn bis zwölf Minusgraden wohltuend mild. Im tiefen Winter jedoch pfeift der Wind aus Sibirien heran und lässt die Quecksilbersäule bis auf minus 40 Grad absinken.

Die Anforderungen an die Statik und das Material sind deshalb hoch. Ein Mast soll das Zelt halten und dazu eine Kabelnetzstruktur, die mit dem Kunststoff ETFE (Ethylen-Tetrafluorethylen) bedeckt wird. Das Material ist stoßfest, leistet Rissen Widerstand und ist chemisch resistent, weshalb es nicht nur Gewächshäuser und Schwimmbäder, sondern auch Großbauten wie die Allianz Arena in München bespannt. Und es soll so lichtdurchlässig sein, dass sich die Zeltbesucher Astanas am Palmenstrand sogar natürlich bräunen können, weil selbst ultraviolette Strahlen durchgelangen.

So ist der Plan, doch nicht alle Pläne in Astana reifen problemlos. Im Mai zum Beispiel geriet das "Feuerzeug" des Telekommunikations- Ministeriums in Brand, und auf den "Aschenbecher" der Energiekonzerne fiel von dem Wolkenkratzer her tatsächlich Asche.



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