Katastrophenforschung Nur keine Panik

Von Max Rauner

2. Teil: Die Forscher fahndeten nach Vorzeichen der Massenpanik


Aus Simulationen wissen Forscher, dass Menschen, die aus einem Raum flüchten wollen, sich gegenseitig blockieren können. "Stillstand durch Bewegung" nennen sie das. Wenn die Hinteren schieben und vorn der Ausgang blockiert ist, werden Menschen zu Tode gedrückt. Mekka jedoch stellte die Wissenschaftler vor ein Rätsel. Dort kamen Menschen selbst in der freien Ebene zu Tode.

Um die Videos vom Januar 2006 auszuwerten, schrieb Anders Johansson ein Computerprogramm, das die Pilger zählt. Wenn Menschen sich in eine U-Bahn oder einen Fahrstuhl drängen, passen drei bis vier auf einen Quadratmeter. Die Szenarien von Fußgängerforschern, ausgehend vom durchschnittsdicken Europäer, enden bei sechs Personen pro Quadratmeter. In Mekka waren es zehn.

In den Videoaufnahmen fahndeten Helbing und Johansson nach Vorzeichen der Massenpanik. Als sie den Film mit zehnfacher Geschwindigkeit abspielten, kamen sie auf die richtige Spur: 20 Minuten vor der Katastrophe erkannten sie in der Menge, die vorher gleichmäßig dahingeströmt war, erste Stop-and-go-Wellen. Kurz vor dem Unglück begannen plötzlich ganze Blöcke von Hunderten Menschen ruckartig in alle Richtungen zu driften. Was eben noch flüssig wirkte, verhält sich nun "wie die Erde bei einem Beben", erklärt Helbing. Risse entstehen zwischen Menschenblöcken. Manche Menschen verlieren den Boden unter den Füßen. Wer fällt, steht vielleicht nicht mehr auf.

Die Katastrophe kommt meist am letzten Tag des Hadsch. Die Pilger haben dann bereits zwei Nächte in den Zeltstädten von Mina verbracht. Von hier gehen sie jeden Tag ein paar hundert Meter zu den drei Teufelssäulen und werfen insgesamt 49 Kieselsteine in einer festgelegten Reihenfolge auf die Stelen. Am fünften Tag sollen sie nach dem Mittagsgebet ihre letzten 21 Steine werfen, sieben auf jede Säule. Die meisten wollen danach abreisen, daher nimmt das Gedränge gefährlich zu, wenn die Sonne am höchsten steht. Um den Ansturm der Pilger zu bewältigen, ließen die Behörden Anfang der sechziger Jahre eine Brücke bauen. Auf dem Mittelstreifen wurden drei Löcher für die Stelen ausgespart, umgeben von einer Brüstung. So konnten Pilger ihre Kiesel sowohl vom Erdgeschoss als auch von der Brücke aus werfen. Doch seit den neunziger Jahren häuften sich die Unfälle. Der Aufgang zur Brücke wurde zum Nadelöhr.

Nach dem Unglück vom Januar 2006 ließen die Behörden die alte Brücke abreißen. Schon zuvor hatten sie eine neue, noch größere geplant. Künftig würde die Steinigung von vier Etagen und dem Erdgeschoss aus möglich sein. Ein Bauwerk, größer als der Berliner Hauptbahnhof, mit Rettungswegen im Keller, Hubschrauberlandeplätzen und einem Transportband für die im Keller anfallenden Steinchen. Mit Zustimmung der Religionsgelehrten waren die drei Stelen schon zwei Jahre zuvor in elliptische Betonmauern eingefasst worden, um die Steinigungsfläche zu vergrößern. Die fertige Brücke soll bis zu fünf Millionen Pilger pro Tag fassen.

Bis zum Hadsch im Dezember 2006 sollte die erste Etage der neuen Brücke stehen, anschließend würde jedes Jahr eine neue hinzukommen. Eine Pilgerfahrt wegen Bauarbeiten ausfallen zu lassen – undenkbar. Die neuen Sicherheitsmaßnahmen mussten im Dezember auf Anhieb funktionieren.

In der Operation Sicherheit-für-Mekka prallten Kulturen aufeinander. Deutsche und Araber, Imame und Generäle, Beamte, Physiker und Ingenieure. "Es war viel Überzeugungsarbeit notwendig", sagt ein Mitarbeiter des saudischen Bauministeriums, der die Maßnahmen mit koordiniert hat, doch das Ziel war für alle das Gleiche: "Menschen sicher von A nach B zu bringen und wieder zurück."

Zu den umstrittensten Vorschlägen gehörte die Idee mit den Einbahnstraßen von Dirk Serwill und Reiner Vollmer. Die beiden Verkehrsplaner hatten 2005 mit dem Aachener Ingenieurbüro IVV das Mobilitätskonzept für den katholischen Weltjugendtag erarbeitet. Ein Acker westlich von Köln, 50 Kilometer provisorische Straßen, mehr als eine Million Pilger, 12.000 Dixi-Klos. Als alles vorbei war, dachte Serwill: "So etwas kommt nie wieder." Er täuschte sich. Die Saudis wollten diesmal nicht nur eine neue Brücke bauen, sondern die Fußgängerströme von den Zeltstädten zur Brücke besser lenken. Damit beauftragten sie die Aachener Ingenieure. Die konnten allerdings nicht selbst nach Mekka reisen, um sich alles vor Ort anzuschauen, das dürfen nur Muslime. Also schickten die Saudis ihnen Fotos von der Steinigung. Pilger strömten darauf quer über den Platz, manche hatten eigene Zelte aufgeschlagen, Händler und Friseure saßen auf Teppichen mitten im Getümmel. "Da haben wir geschluckt", sagt Serwill, "das war Chaos pur."



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