Katastrophenforschung Nur keine Panik

Von Max Rauner

3. Teil: Ist Mekka nun sicher?


Am Zugang zur alten Brücke trafen verschiedene Pilgerströme aufeinander. Serwill spricht von Waschmaschinen, weil es von oben so aussieht, als würden die Pilgerströme kreisförmig ineinandergeraten. "Das da mal einer stolpert, war programmiert."

Er zeigte den Saudis ein Foto, aufgenommen beim Weltjugendtag: Ein Zaun mitten auf der Straße, auf der einen Seite strömt die Jugend in Richtung Papst, auf der anderen ist Platz für Rettungswagen. Es gab damals viele solcher Einbahnstraßen. Aber das war Deutschland, nicht Mekka. Die saudischen Militärs waren skeptisch. Andererseits: War der Weltjugendtag bis auf überfüllte Bahnhöfe nicht reibungslos verlaufen? Und hatten die Ingenieure nicht sogar ein Stück Autobahn sperren lassen? 13 Kilometer eines nationalen Heiligtums zum Busparkplatz umfunktioniert? Vielleicht hat das die Saudis überzeugt. Sie genehmigten die Pilger-Einbahnstraßen.

In einen Plan von Mina zeichneten die Verkehrsplaner rote und grüne Straßen ein, grün für die Leute, die zum Steinewerfen gehen, rot für jene, die zurückkommen. Sie markierten Flächen, die abgesperrt und nur im Notfall geöffnet werden sollten. So wie die Auenlandschaften am Rhein, die bei Hochwasser überflutet werden. Und sie zogen Zäune auf dem Papier, um die Fußgängerströme zu kanalisieren. "Lieber einen Stau in einer zehn Meter breiten Straße als auf einem 50 Meter breiten Platz", sagt Serwill. Die Deutschen sorgten für Ordnung. Reiner Vollmer sagt nur ein Wort: "Struktur".

Dazu gehörte auch der wohl größte Stundenplan der Welt, den der Logistiker Knut Haase von der TU Dresden entwickelte: 30.000 Gruppen mit jeweils hundert Pilgern wies er jeweils eine Route und einen Zeitpunkt für das Steinigungsritual zu. Der Verkehrspsychologe Bernhard Schlag beriet die Saudis bei der Gestaltung der Hinweisschilder, und das Hadsch-Ministerium drehte einen Aufklärungsfilm über die Neuorganisation des Steinigungsrituals – er wurde den Hadschis während der Anreise im Flugzeug gezeigt.

Ein Problem jedoch konnte kein Wissenschaftler lösen und kein Ingenieur einzäunen: die Frage nach Leben und Tod. Für manche Pilger gilt es nicht als das Schlechteste, während des Hadsch zu sterben. Dann komme man sofort in den Himmel, glauben sie. Warum also Sicherheitsmaßnahmen beachten? Die Behörden luden Religionsgelehrte zu ihren Workshops ein und baten höflich darum, sich von solchen Interpretationen des Islams zu distanzieren. Mehr konnten sie nicht tun. Am 28. Dezember 2006 begann der Hadsch des Jahres 1427 nach muslimischem Kalender. Als die Pilger am dritten Tag nach Mina kamen, fanden sie eine Baustelle vor, überall Kräne und roher Beton, aus den Stützpfeilern der Brücke ragten Eisenstäbe empor. Bauarbeiter hatten in letzter Minute das Flutlicht angeschlossen, die erste Etage der Brücke war gerade fertig geworden. Anders Johansson, selbst Muslim, war wieder nach Mekka gereist, sein Computerprogramm zählte die Pilger auf den Monitoren.

Einige kleine Überraschungen warteten in der Pilgerstadt auf die Deutschen: Dieses Jahr kamen besonders viele Menschen. Denn der zweite Tag des Hadsch fiel auf einen Freitag, das erhöht die religiöse Bedeutung. Außerdem luden manche Busse die Pilger am falschen Ort aus, einige VIPs fuhren mit ihren Autos quer zu den Pilgerströmen, und viele Hadschis aus Iran umgingen die Brücke, sie wollten beim Steinigen auf festem Boden stehen.

Die große Masse aber reihte sich ein. Sie folgte den grünen Pfeilen zu den Stelen, die Pilger warfen ihre Steine und murmelten ihre Gebete, sie gingen auf anderen Straßen zurück zum Zelt. Einige Ausweichflächen mussten geöffnet werden, doch es blieb dabei: kein Unfall, keine Panik, keine Toten.

Ist Mekka nun also sicher? "Sicherer", sagt Panikforscher Helbing, "Hundertprozentige Sicherheit wird man wohl niemals erreichen können." Dazu müsste man Berge versetzen.

Doch ein Jahr ohne Tote zählt viel. Als Dank für die Einbahnstraßen bekam Dirk Serwill ein Emailleschild der Brücke mit Dankesinschrift überreicht. Er wird weiterplanen, wenn die neuen Stockwerke hinzukommen. Anders Johansson will sein Computerprogramm verbessern, damit es bald automatisch Alarm schlägt, wenn eine Massenpanik droht. Und Dirk Helbing ist nachdenklich geworden. "Bei mir passiert nichts aus Zufall", sagt er, "aber dieses Projekt hatte etwas Schicksalhaftes. Vielleicht wollte Allah, dass wir dabei helfen."

Korrektur: In diesem Text hieß es, sowohl der Koran als auch die Bibel berichteten darüber, dass Abraham den Teufel einst mit Steinwürfen in die Flucht geschlagen haben soll. In der Bibel findet sich eine solche Beschreibung jedoch nicht. Wir bitten um Entschuldigung!



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