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22. Oktober 2007, 06:02 Uhr

Katastrophenforschung

Nur keine Panik

Von Max Rauner

Jahr für Jahr werden in Mekka Hunderte Pilger totgetrampelt, weil es im Gedränge zu Massenpaniken kommt. Deutsche Forscher und Ingenieure haben nun den Saudis geholfen, die Wallfahrt neu zu organisieren. Ist das Ritual jetzt sicher?

Mehr als 1400 Tote im Jahr 1990, 270 Tote 1994, 118 Tote 1998, 251 Tote 2004. Erdrückt, totgetrampelt, erstickt. Anders Johansson kannte Mekka, so wie jeder angehende Panikforscher Mekka kennenlernt: in Opferzahlen.

Am 12. Januar 2006 erlebt Johansson mit, was hinter der Statistik steckt. Auf Einladung des Bauministeriums von Saudi-Arabien ist er nach Mekka gereist. Johansson soll die Pilgerströme erforschen, es ist das Thema seiner Doktorarbeit an der Technischen Universität Dresden. Als die Sonne sich dem Zenit nähert, sieht er auf einem Monitor ein Meer aus hellen Punkten: Pilger in weißen Gewändern, unterwegs zu drei Säulen im Tal von Mina, einige Kilometer außerhalb von Mekka. Die Säulen symbolisieren den Teufel, der nun gesteinigt wird. Hier soll Abraham den Teufel einst mit Steinwürfen in die Flucht geschlagen haben, so steht es im Koran. Heute ist das Areal videoüberwacht.

Um 11.53 Uhr nimmt das Geschubse an einem Zugang zu den Säulen zu, die Menge drängt vorwärts. Um 12.19 Uhr stockt der Fluss, um 12.30 Uhr entsteht plötzlich ein Loch in der Menge. Einige Pilger sind gestürzt, andere stolpern über sie. Anders Johansson ahnt, was in diesem Moment passiert, er muss sich setzen, er weiß: In diesem Gedränge kann auf den Körper der Druck von mehr als einer Tonne wirken. Das Gewicht eines Kleinwagens.

Die Teufelssteinigung von 2006 ging mit 364 Toten in die Statistik ein. Als Anders Johansson wenige Tage später in sein Büro an der TU Dresden zurückkehrt, hat er Videos im Gepäck: Filme von Menschen, die sich dicht gedrängt vorwärts schieben. Nun soll er die Ursache der Katastrophe erforschen. Er hat nicht viel Zeit. Am 28. Dezember 2006 beginnt die nächste Wallfahrt.

Nach der Massenpanik vom 12. Januar hatten die Behörden genug. Sie nahmen sich vor, die schwellenden Pilgerströme wieder in kontrollierbare Bahnen zu lenken, und holten sich Rat bei Dirk Helbing von der TU Dresden. Helbing, ein jugendlicher Zweimetermann, hat die Panikforschung mitbegründet, seine Artikel über Fußgängerströme und Massenpanik in Fußballstadien sind die meistzitierten des Fachs. Er stellte den Saudis ein deutsches Expertenteam zusammen, mit Verkehrsplanern aus Aachen, Logistikern aus Dresden sowie seinem Doktoranden Anders Johansson. Für Helbing ist Mekka "das größte Fußgängerproblem der Welt".

Jeder Muslim soll einmal im Leben nach Mekka pilgern, um seinen Gehorsam vor Gott zu beweisen. Die Wallfahrt, der sogenannte Hadsch (wörtlich übersetzt: "sich auf den Weg machen"), fällt jedes Jahr auf fünf Tage im letzten Monat des islamischen Mondkalenders. Der Prophet Mohammed begründete den Hadsch im siebten Jahrhundert. Erst kamen Hunderte, dann Tausende, bald Zehntausende Muslime. Am 12. Januar 2006 waren es drei Millionen.

Das macht Mekka, den Ort der Erlösung, zu einem Ort des Risikos. Nirgendwo sonst drängen sich so viele Menschen auf so engem Raum. Das Tal von Mina misst etwa drei mal drei Kilometer. Es ist, als würden alle Einwohner Berlins auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld zusammenströmen.

Die Pilger kommen aus mehr als hundert Ländern, die meisten steigen zum ersten Mal in ein Flugzeug, sie landen auf dem Flughafen von Dschidda am Roten Meer, der während der Wallfahrt ein eigenes Terminal eröffnet. Hunderttausende können nicht lesen, sie sprechen in Dutzenden verschiedenen Sprachen durcheinander. In einigen ihrer Herkunftsländer geht man rechts, in anderen links. "Viele unkontrollierbare Variablen", meint Dirk Helbing nüchtern.

Die Forscher fahndeten nach Vorzeichen der Massenpanik

Aus Simulationen wissen Forscher, dass Menschen, die aus einem Raum flüchten wollen, sich gegenseitig blockieren können. "Stillstand durch Bewegung" nennen sie das. Wenn die Hinteren schieben und vorn der Ausgang blockiert ist, werden Menschen zu Tode gedrückt. Mekka jedoch stellte die Wissenschaftler vor ein Rätsel. Dort kamen Menschen selbst in der freien Ebene zu Tode.

Um die Videos vom Januar 2006 auszuwerten, schrieb Anders Johansson ein Computerprogramm, das die Pilger zählt. Wenn Menschen sich in eine U-Bahn oder einen Fahrstuhl drängen, passen drei bis vier auf einen Quadratmeter. Die Szenarien von Fußgängerforschern, ausgehend vom durchschnittsdicken Europäer, enden bei sechs Personen pro Quadratmeter. In Mekka waren es zehn.

In den Videoaufnahmen fahndeten Helbing und Johansson nach Vorzeichen der Massenpanik. Als sie den Film mit zehnfacher Geschwindigkeit abspielten, kamen sie auf die richtige Spur: 20 Minuten vor der Katastrophe erkannten sie in der Menge, die vorher gleichmäßig dahingeströmt war, erste Stop-and-go-Wellen. Kurz vor dem Unglück begannen plötzlich ganze Blöcke von Hunderten Menschen ruckartig in alle Richtungen zu driften. Was eben noch flüssig wirkte, verhält sich nun "wie die Erde bei einem Beben", erklärt Helbing. Risse entstehen zwischen Menschenblöcken. Manche Menschen verlieren den Boden unter den Füßen. Wer fällt, steht vielleicht nicht mehr auf.

Die Katastrophe kommt meist am letzten Tag des Hadsch. Die Pilger haben dann bereits zwei Nächte in den Zeltstädten von Mina verbracht. Von hier gehen sie jeden Tag ein paar hundert Meter zu den drei Teufelssäulen und werfen insgesamt 49 Kieselsteine in einer festgelegten Reihenfolge auf die Stelen. Am fünften Tag sollen sie nach dem Mittagsgebet ihre letzten 21 Steine werfen, sieben auf jede Säule. Die meisten wollen danach abreisen, daher nimmt das Gedränge gefährlich zu, wenn die Sonne am höchsten steht. Um den Ansturm der Pilger zu bewältigen, ließen die Behörden Anfang der sechziger Jahre eine Brücke bauen. Auf dem Mittelstreifen wurden drei Löcher für die Stelen ausgespart, umgeben von einer Brüstung. So konnten Pilger ihre Kiesel sowohl vom Erdgeschoss als auch von der Brücke aus werfen. Doch seit den neunziger Jahren häuften sich die Unfälle. Der Aufgang zur Brücke wurde zum Nadelöhr.

Nach dem Unglück vom Januar 2006 ließen die Behörden die alte Brücke abreißen. Schon zuvor hatten sie eine neue, noch größere geplant. Künftig würde die Steinigung von vier Etagen und dem Erdgeschoss aus möglich sein. Ein Bauwerk, größer als der Berliner Hauptbahnhof, mit Rettungswegen im Keller, Hubschrauberlandeplätzen und einem Transportband für die im Keller anfallenden Steinchen. Mit Zustimmung der Religionsgelehrten waren die drei Stelen schon zwei Jahre zuvor in elliptische Betonmauern eingefasst worden, um die Steinigungsfläche zu vergrößern. Die fertige Brücke soll bis zu fünf Millionen Pilger pro Tag fassen.

Bis zum Hadsch im Dezember 2006 sollte die erste Etage der neuen Brücke stehen, anschließend würde jedes Jahr eine neue hinzukommen. Eine Pilgerfahrt wegen Bauarbeiten ausfallen zu lassen – undenkbar. Die neuen Sicherheitsmaßnahmen mussten im Dezember auf Anhieb funktionieren.

In der Operation Sicherheit-für-Mekka prallten Kulturen aufeinander. Deutsche und Araber, Imame und Generäle, Beamte, Physiker und Ingenieure. "Es war viel Überzeugungsarbeit notwendig", sagt ein Mitarbeiter des saudischen Bauministeriums, der die Maßnahmen mit koordiniert hat, doch das Ziel war für alle das Gleiche: "Menschen sicher von A nach B zu bringen und wieder zurück."

Zu den umstrittensten Vorschlägen gehörte die Idee mit den Einbahnstraßen von Dirk Serwill und Reiner Vollmer. Die beiden Verkehrsplaner hatten 2005 mit dem Aachener Ingenieurbüro IVV das Mobilitätskonzept für den katholischen Weltjugendtag erarbeitet. Ein Acker westlich von Köln, 50 Kilometer provisorische Straßen, mehr als eine Million Pilger, 12.000 Dixi-Klos. Als alles vorbei war, dachte Serwill: "So etwas kommt nie wieder." Er täuschte sich. Die Saudis wollten diesmal nicht nur eine neue Brücke bauen, sondern die Fußgängerströme von den Zeltstädten zur Brücke besser lenken. Damit beauftragten sie die Aachener Ingenieure. Die konnten allerdings nicht selbst nach Mekka reisen, um sich alles vor Ort anzuschauen, das dürfen nur Muslime. Also schickten die Saudis ihnen Fotos von der Steinigung. Pilger strömten darauf quer über den Platz, manche hatten eigene Zelte aufgeschlagen, Händler und Friseure saßen auf Teppichen mitten im Getümmel. "Da haben wir geschluckt", sagt Serwill, "das war Chaos pur."

Ist Mekka nun sicher?

Am Zugang zur alten Brücke trafen verschiedene Pilgerströme aufeinander. Serwill spricht von Waschmaschinen, weil es von oben so aussieht, als würden die Pilgerströme kreisförmig ineinandergeraten. "Das da mal einer stolpert, war programmiert."

Er zeigte den Saudis ein Foto, aufgenommen beim Weltjugendtag: Ein Zaun mitten auf der Straße, auf der einen Seite strömt die Jugend in Richtung Papst, auf der anderen ist Platz für Rettungswagen. Es gab damals viele solcher Einbahnstraßen. Aber das war Deutschland, nicht Mekka. Die saudischen Militärs waren skeptisch. Andererseits: War der Weltjugendtag bis auf überfüllte Bahnhöfe nicht reibungslos verlaufen? Und hatten die Ingenieure nicht sogar ein Stück Autobahn sperren lassen? 13 Kilometer eines nationalen Heiligtums zum Busparkplatz umfunktioniert? Vielleicht hat das die Saudis überzeugt. Sie genehmigten die Pilger-Einbahnstraßen.

In einen Plan von Mina zeichneten die Verkehrsplaner rote und grüne Straßen ein, grün für die Leute, die zum Steinewerfen gehen, rot für jene, die zurückkommen. Sie markierten Flächen, die abgesperrt und nur im Notfall geöffnet werden sollten. So wie die Auenlandschaften am Rhein, die bei Hochwasser überflutet werden. Und sie zogen Zäune auf dem Papier, um die Fußgängerströme zu kanalisieren. "Lieber einen Stau in einer zehn Meter breiten Straße als auf einem 50 Meter breiten Platz", sagt Serwill. Die Deutschen sorgten für Ordnung. Reiner Vollmer sagt nur ein Wort: "Struktur".

Dazu gehörte auch der wohl größte Stundenplan der Welt, den der Logistiker Knut Haase von der TU Dresden entwickelte: 30.000 Gruppen mit jeweils hundert Pilgern wies er jeweils eine Route und einen Zeitpunkt für das Steinigungsritual zu. Der Verkehrspsychologe Bernhard Schlag beriet die Saudis bei der Gestaltung der Hinweisschilder, und das Hadsch-Ministerium drehte einen Aufklärungsfilm über die Neuorganisation des Steinigungsrituals – er wurde den Hadschis während der Anreise im Flugzeug gezeigt.

Ein Problem jedoch konnte kein Wissenschaftler lösen und kein Ingenieur einzäunen: die Frage nach Leben und Tod. Für manche Pilger gilt es nicht als das Schlechteste, während des Hadsch zu sterben. Dann komme man sofort in den Himmel, glauben sie. Warum also Sicherheitsmaßnahmen beachten? Die Behörden luden Religionsgelehrte zu ihren Workshops ein und baten höflich darum, sich von solchen Interpretationen des Islams zu distanzieren. Mehr konnten sie nicht tun. Am 28. Dezember 2006 begann der Hadsch des Jahres 1427 nach muslimischem Kalender. Als die Pilger am dritten Tag nach Mina kamen, fanden sie eine Baustelle vor, überall Kräne und roher Beton, aus den Stützpfeilern der Brücke ragten Eisenstäbe empor. Bauarbeiter hatten in letzter Minute das Flutlicht angeschlossen, die erste Etage der Brücke war gerade fertig geworden. Anders Johansson, selbst Muslim, war wieder nach Mekka gereist, sein Computerprogramm zählte die Pilger auf den Monitoren.

Einige kleine Überraschungen warteten in der Pilgerstadt auf die Deutschen: Dieses Jahr kamen besonders viele Menschen. Denn der zweite Tag des Hadsch fiel auf einen Freitag, das erhöht die religiöse Bedeutung. Außerdem luden manche Busse die Pilger am falschen Ort aus, einige VIPs fuhren mit ihren Autos quer zu den Pilgerströmen, und viele Hadschis aus Iran umgingen die Brücke, sie wollten beim Steinigen auf festem Boden stehen.

Die große Masse aber reihte sich ein. Sie folgte den grünen Pfeilen zu den Stelen, die Pilger warfen ihre Steine und murmelten ihre Gebete, sie gingen auf anderen Straßen zurück zum Zelt. Einige Ausweichflächen mussten geöffnet werden, doch es blieb dabei: kein Unfall, keine Panik, keine Toten.

Ist Mekka nun also sicher? "Sicherer", sagt Panikforscher Helbing, "Hundertprozentige Sicherheit wird man wohl niemals erreichen können." Dazu müsste man Berge versetzen.

Doch ein Jahr ohne Tote zählt viel. Als Dank für die Einbahnstraßen bekam Dirk Serwill ein Emailleschild der Brücke mit Dankesinschrift überreicht. Er wird weiterplanen, wenn die neuen Stockwerke hinzukommen. Anders Johansson will sein Computerprogramm verbessern, damit es bald automatisch Alarm schlägt, wenn eine Massenpanik droht. Und Dirk Helbing ist nachdenklich geworden. "Bei mir passiert nichts aus Zufall", sagt er, "aber dieses Projekt hatte etwas Schicksalhaftes. Vielleicht wollte Allah, dass wir dabei helfen."

Korrektur: In diesem Text hieß es, sowohl der Koran als auch die Bibel berichteten darüber, dass Abraham den Teufel einst mit Steinwürfen in die Flucht geschlagen haben soll. In der Bibel findet sich eine solche Beschreibung jedoch nicht. Wir bitten um Entschuldigung!

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