Faszinierende Archäologie In den Totenstädten des Kaukasus

Die Ahnen der Osseten haben beeindruckende Turmsiedlungen hinterlassen. Die jahrhundertealten Bauwerke im Kaukasus waren auch Totenstädte - hier wurden Verstorbene auf raffinierte Weise mumifiziert.

Blick auf Tsimiti: Gute Ventilation in den Grüften
Alexandre Sladkevich

Blick auf Tsimiti: Gute Ventilation in den Grüften


Ist das Irland? Oder eine Szenerie aus "Herr der Ringe"? In der russischen Republik Nordossetien-Alanien im Kaukasus stößt man immer wieder auf halb verfallene Grabstätten umgeben von markanten Wohn- und Verteidigungstürmen. Die bis zu 700 Jahre alten Bauten stammen vom Volk der Alanen und ihren Nachfahren, den Osseten.

Wohntürme konnten sich nur die reichsten Familien leisten. Sie verfügten über bis zu vier Stockwerke. Drinnen befanden sich ein Stall, eine Feuerstelle, eine Schlaffläche, eine Art Gästezimmer und eine Vorratskammer. Der obere Stock war zur Verteidigung gedacht. Daher auch die Bezeichnung: Halbverteidigungstürme.

Wenn der Feind eine Siedlung angriff, kletterten die Menschen eine zwei bis drei Meter hohe Leiter hoch, zogen diese nach oben und schlossen die Tür. Die Lebensmittel- und Wasservorräte reichten über Wochen aus, so konnten die Versteckten eine Belagerung ohne Weiteres überleben.

Neben den Türmen stehen Gebäude, die wie kleine Wohnhäuser aussehen. Doch es handelt sich um Grüfte, die eine Nekropolis bilden. Eine der größten, wenn nicht die größte Nekropolis im Nordkaukasus befindet sich unmittelbar bei der Siedlung Dargaws und zählt knapp hundert Grüfte, die ober- und halbunterirdisch sind. Die Ursprünge der Totenstadt reichen zurück bis ins 14. Jahrhundert.

Turmsiedlungen im Kaukasus: Festung, Wohnung, Grab

Ruinen in Tsimiti (Kaukasus): In der russischen Republik Nordossetien-Alanien haben die Ahnen der Osseten faszinierende Siedlungen hinterlassen. Sie werden dominiert von Türmen, die zugleich als Wohnstätte und zur Verteidigung dienten.

Die kleineren Gebäude neben den Türmen sehen aus wie Wohnhäuser. Sie wurden als Grüfte genutzt.

Blick auf Tsimiti: Die Gebäude für die Verstorbenen befinden sich verteilt zwischen den Wohn- und Verteidigungstürmen.

Die wohl größte Totenstadt im Nordkaukasus befindet sich nahe der Siedlung Dargaws. Die Gebäude wurden immer wieder repariert, weshalb sie in einem besseren Zustand sind als etwa jene in Tsimiti.

In dieser kleinen Gruft in Tsimiti wurden wahrscheinlich Frauen bestattet.

Blick in eine Gruft in Tsimiti: Die Totenstädte waren auch eine Art Quarantänestation. Menschen, die an der Pest erkrankt waren, schlossen sich in den Grüften ein und verbrachten dort ihre letzten Tage.

In die Wände machten die Erbauer Löcher - dies sorgte für eine gute Ventilation. Auch dank des Klimas im Kaukasus wurden die Leichen mumifiziert.

Gruft in Dargaws: Mitunter wurden die Leichen in kleine Boote gelegt, obwohl es in der Gegend keine schiffbaren Flüsse gibt. Man glaubte wohl, dass die Seelen der Verstorbenen einen Fluss überqueren mussten, um den Himmel zu erreichen.

Verfallene Türme im Kaukasus (bei Werchnij Fiagdon): Wohntürme verfügten über bis zu vier Stockwerke. Drinnen befand sich ein Stall, eine Feuerstelle, eine Schlaffläche, eine Art Gästezimmer und eine Vorratskammer.

Skelette in Dargaws: Wenn alle Regale voll waren, wurden die am längsten darin liegenden Leichen nach unten in eine Grube befördert.

So wie üblich, wurde sie auf einer Erhebung errichtet, damit der Wind kräftig um die überirdischen Grabkammern bläst. In die Wände machten die Erbauer Löcher - dies sorgt für eine gute Ventilation. Deshalb haben sich die Leichen nicht zersetzt, sondern sind mumifiziert.

Die Verstorbenen wurden eingekleidet oder in Stoff gewickelt und mit kleinen Beigaben durch das Fenster in der Gruft platziert, oft auf hölzernen Regalen. Wenn alle Regale voll waren, wurden die am längsten darinliegenden Leichen nach unten in eine Grube befördert. Dadurch entstand Platz für kürzlich Verstorbene.

Für archäologisch Interessierte sind die Totenstädte kaum erreichbar, denn sie liegen abgelegen in den Bergen des Nordkaukasus. Die Anfahrt über schmale, schlechte Straßen ist beschwerlich. Tourismus gibt es in Nordossetien-Alanien ohnehin kaum - nicht zuletzt wegen des Tschetschenien-Konflikts.



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