Kekulés Kolumne Drehbuch für den jüngsten Tag

Lange haben Regierungen die Warnungen der Klimaforscher ignoriert. Doch die neuesten Hiobsbotschaften lassen sich nicht mehr wegdiskutieren.

Von Alexander S. Kekulé


Unbeliebte Hiobsbotschaft: Die Erdkugel erwärmt sich
ESA

Unbeliebte Hiobsbotschaft: Die Erdkugel erwärmt sich

Schilderungen des Weltuntergangs hatten schon immer eine magische Anziehungskraft, von der Prophezeiung des Johannes bis "Independence Day". Das Publikum liebt die Grusel-Szenarien auch deshalb, weil es sich nach dem kalten Schauder in der Wirklichkeit um so geborgener fühlen kann. Politiker profitieren davon, weil neben dem phantasiegeborenen Horror die Unzulänglichkeiten des Alltags verblassen. Im Gegensatz dazu sind - wen wundert's - die Überbringer wahrer Hiobsbotschaften bei den Herrschenden eher unbeliebt: Die Abneigung steigt proportional zum Ausmaß der vorhergesagten Katastrophe und dem Aufwand, der zu ihrer Abwendung erforderlich ist.

Folgerichtig nehmen die Klimaforscher seit vielen Jahren unter den unbeliebten Propheten die Spitzenposition ein. Ihre Szenarien vom Weltuntergang durch Treibhausgase, Erderwärmung und Ozonloch erfordern drastische und äußerst unbequeme Maßnahmen, die dem Fortschritt in seiner bekannten Version scheinbar zuwider laufen. Die vordringlichste und erste Maßnahme, die Politiker zur Abwendung des globalen Klimawandels ergriffen haben, war daher stets die Beauftragung von Gegengutachtern. Die fanden dann immer ein paar fehlende Messwerte oder ungenaue Berechnungen, mit denen die ganze Vorhersage angezweifelt werden konnte.

Damit dürfte es demnächst ein Ende haben. Die vereinzelten Mahner der siebziger Jahre haben sich zu weltweiten Organisationen zusammengeschlossen, ihre vagen Prognosen wurden durch immer bessere Klimamodelle ersetzt. Wichtigste Bastion der Wetter-Warner ist die "Zwischenstaatliche Kommission für den Klimawandel" (IPCC), die 1988 von der World Meteorological Organization (WMO) und der Umweltbehörde der Vereinten Nationen (Unep) ins Leben gerufen wurde. Seitdem koordinieren Wissenschaftler aus aller Welt ihre Forschung, um zuverlässige Klimavorhersagen als Grundlage für politische Entscheidungen zu entwickeln.

Im Januar legte die IPCC den ersten von drei Teilen ihres neuesten Berichtes vor, der fünf Jahre Forschungsarbeit von annähernd zweitausend Wissenschaftlern zusammenfasst. Seitdem gibt es keinen Zweifel mehr: Die Erde erwärmt sich stärker als je zuvor in den vergangenen tausend Jahren, bis 2100 wird die mittlere Oberflächentemperatur um weitere 1,4 bis 5,8 Grad Celsius steigen.

Versinkende Inselstaaten

Schuld daran ist die Produktion von Treibhausgasen durch den Menschen - natürliche Prozesse wie die Schwankung der Sonnenaktivität oder Vulkanausbrüche können inzwischen als Verursacher ausgeschlossen werden. Die Menge des Treibhausgases Kohlendioxid, das bei der Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen entsteht, steigt immer noch unvermindert an - es hat den Höchststand seit mindestens 420.000 Jahren erreicht. Durch Einbeziehung weiterer Faktoren wie zusätzlicher Treibhausgase und der Wärmeaufnahme durch die Ozeane stimmen die neuesten Modellrechnungen mit den tatsächlichen Messwerten erschreckend genau überein.

Der zweite Teil des IPCC-Berichtes, der am Montag dieser Woche veröffentlicht wurde, schildert jetzt die Auswirkungen der berechneten Klimaveränderungen auf Mensch und Umwelt - er liest sich wie das Drehbuch zum Weltuntergang: Wassermangel, Malaria und Dengue-Fieber in den Tropenregionen, daneben schmelzende Polkappen, Überschwemmungskatastrophen und Tornados.

Der Bericht stellt wissenschaftlich und trocken fest, dass die "erforderliche Anpassung" an den Klimawandel durch weniger entwickelte Staaten nicht zu bewerkstelligen ist - sprich: Millionen werden verhungern oder bei Naturkatastrophen umkommen, Küstenregionen und ganze Inselstaaten im Meer versinken.

Die Amerikaner, die mit fünf Prozent der Erdbevölkerung ein Viertel des Kohlendioxids produzieren, spielen angesichts der erdrückenden Beweislast erst einmal auf Zeit. Nachdem bereits die Klimakonferenz in Den Haag vergangenen November an der amerikanischen Blockadehaltung gescheitert ist, hat sich die Bush-Regierung am Montag wieder durchgesetzt: Die für Mai geplante Fortsetzung der Konferenz wird erst einmal verschoben.



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