Kekulés Kolumne Glücksfall Rinderwahn?

Neue Erkenntnisse über die Behandlung der menschlichen BSE-Variante haben die Fachwelt aufhorchen lassen. Nicht nur Creutzfeldt-Jakob-Patienten, auch Alzheimer-Kranke könnten von der Entwicklung profitieren.

Von Alexander S. Kekulé


Der Star ist endlich wieder einmal ein Deutscher. Carsten Korth, 37-jähriger Exil-Forscher in San Francisco, brachte vergangene Woche die Fachwelt zum Staunen: Die neue Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, vCJK genannt und mysteriöseste aller Infektionskrankheiten, ist möglicherweise mit einem simplen Medikament heilbar - dem Malariamittel Quinacrin.

Modell eines normalen Prionen-Proteins
UCSF

Modell eines normalen Prionen-Proteins

Mindestens 106 Briten haben sich seit 1995 mit der menschlichen Form des Rinderwahns angesteckt, 99 von ihnen sind bereits gestorben; die Krankheit führt mit erschreckender Gleichförmigkeit immer zum Tode. Da zwischen Verzehr des infizierten Fleisches und dem Ausbruch von vCJK viele Jahre liegen, steht der Höhepunkt der Seuche noch bevor: Bis zu 140.000 Europäer, die meisten davon Briten, könnten ihr nach pessimistischen Schätzungen noch zum Opfer fallen.

Ein Medikament gegen vCJK wäre daher ein Durchbruch für die Medizin - von dem sind die gefeierten Forscher jedoch noch meilenweit entfernt. Die Erfolgsmeldungen stützen sich auf eine einzige Patientin, deren Vater in einer Londoner Boulevardzeitung euphorisch vom angeblichen Erfolg der nur 19-tägigen Therapie berichtete. Eine zweite CJD-Patientin, die ebenfalls mit dem Malaria-Mittel behandelt wurde, zeigte keine Besserung. Korth und seine Kollegen, die zum Labor des Nobelpreisträgers Stanley Prusiner gehören, hatten das neue Verfahren zuvor nur an kultivierten Zellen erprobt, bisher gab es nicht einmal Tierversuche.

Ohne die Schützenhilfe der Boulevardpresse wäre die Veröffentlichung aus dem Star-Labor nicht einmal besonders originell: Bereits im vergangenen Mai berichtete eine japanische Forschergruppe, dass Quinacrin im Laborversuch gegen krank machende Prionen wirkt. Auch ein zweites vom Prusiner-Team getestetes Uralt-Medikament - Chlorpromazin - ist bereits seit Jahren als Prionen-Zerstörer bekannt. Obwohl eine der Konkurrenzarbeiten sogar im renommierten "Journal of Virology" erschienen ist, wurden sie von der Nobelpreisträger-Gruppe angeblich schlichtweg übersehen.

Doch gerade die Tatsache, dass die Ergebnisse des Prusiner-Labors nicht konkurrenzlos dastehen, ist die eigentlich gute Nachricht: Die Vielzahl der in den letzten Jahren gefundenen, möglichen Therapieansätze zeigt, dass Prionenerkrankungen wie vCJK bald ihren Schrecken verlieren könnten.

Die unheimliche Einfachheit der Erreger, die nur aus Protein ohne Erbinformation bestehen, erweist sich hierbei zunehmend als Achillesferse. Wenn sie in das Gehirn gelangen, lösen krank machende Prionen wie der vCJD-Erreger eine Verklumpung gesunder Prionen aus, die auf normalen Zellen vorkommen: Die Nervenzellen sterben ab.

Bisher galt die Auflösung der todbringenden Prionenklumpen als ähnlich unmöglich wie die Rückverwandlung eines Rühreis in Dotter und Eiweiß. Doch jetzt zeigt sich, dass einfache Wirkstoffe und an Prionen bindende Antikörper nicht nur die Aggregation verhindern, sondern sogar verklumpte Prionen wieder auflösen können. Bei rechtzeitiger Behandlung könnten Prionenerkrankungen damit eines Tages heilbar sein - zumindest im Prinzip.

Die Prionenforschung, ein bis vor kurzem exotischer Forschungszweig, wird inzwischen allein in Deutschland mit knapp dreistelligen Millionenbeträgen unterstützt. Auch wenn - wie von optimistischen Prognosen vorhergesagt - nur ein paar hundert Menschen an vCJK erkranken, ist der Aufwand gerechtfertigt: Wie sich zunehmend herausstellt, werden die Ablagerungen im Gehirn bei der Alzheimer-Krankheit, die Amyloid-Plaques, auf ähnliche Weise wie die verklumpten Prionen gebildet.

In Analogie zu den Prionenexperimenten wurde bereits gezeigt, dass auch die Aggregation von Amyloid durch chemische Wirkstoffe und Antikörper verhindert werden kann. Ein Medikament gegen die Volkskrankheit Alzheimer könnte weltweit mehr als zehn Millionen Patienten helfen und immensen volkswirtschaftlichen Schaden abwenden. Wenn die Prionenforschung dazu beiträgt, hätte die BSE-Katastrophe zuletzt doch noch ein Gutes gehabt.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.