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08. Dezember 2007, 17:53 Uhr

Kernkraft

Leukämiefälle entfachen Atomstreit

Wird die Atomdebatte in Deutschland wieder neu belebt? Eine Studie über Kinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken wohnen und an Leukämie erkrankten, führt jetzt zum Schlagabtausch in der Politik. Die Grünen sehen ihren Kurs bestätigt, Umweltminister Sigmar Gabriel reagiert vorsichtig und die Union will die Zahlen zunächst genau untersuchen.

Berlin - Spätestens mit dem rot-grünen Atomausstieg schien die Debatte über Sinn und Zweck von Kernkraftwerken in Deutschland ab zu flachen. Wenig war noch zu spüren von jenen oftmals auch aufgeregten Auseinandersetzungen, die das Land bis in die 90er Jahre hinein tief gespalten hatte.

Trügerische Idylle: Zwei Jungen planschen vor dem Atomkraftwerk Krümmel
AP

Trügerische Idylle: Zwei Jungen planschen vor dem Atomkraftwerk Krümmel

Lediglich CDU/CSU, die nach wie vor die Restlaufzeiten der bestehenden Kraftwerke verlängern wollen, setzen immer mal wieder beim Thema Atomkraft Akzente.

Doch nun scheint eine jüngste Studie über gehäufte Leukämieerkrankungen von Kindern, die im Umfeld von Kernkraftwerken leben, die Debatte über die Risiken der Kernenergie neu anzuheizen.

Zumindest aus Sicht ihrer Gegner.

Hintergrund sind Daten, die Forscher unter der Leitung der Mainzer Epidemiologin Maria Blettner jetzt vorlegten.Sie hatten festgestellt, dass zwischen 1980 und 2003 im Umkreis von fünf Kilometern um die Reaktoren 77 Kinder an Krebs, davon 37 an Leukämie, erkrankt waren. Im statistischen Durchschnitt seien 48 Krebs- beziehungsweise 17 Leukämiefälle zu erwarten gewesen. Etwa 20 Neuerkrankungen seien also allein auf das Wohnen in diesem Umkreis zurückzuführen.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD), der am rot-grünen Atomausstieg festhalten will, reagierte am Samstag zunächst vorsichtig auf das neue Zahlenwerk, das das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) vorgelegt hatte: Er will die Untersuchung überprüfen lassen. Seine Begründung: Der beobachtete Anstieg der Erkrankungen könne nach derzeitigem Kenntnisstand nicht durch die Strahlenbelastung aus einem Atomkraftwerk erklärt werden.

Gabriel hat nun die Strahlenschutzkommission (SSK) mit einer umfassenden Bewertung der Ergebnisse beauftragt. Sobald die Ergebnisse vorlägen, werde über das weitere Vorgehen entschieden, so der SPD-Politiker.

Am Samstag begründete er seine Skepsis an den neuesten Zahlen so: Die Strahlenbelastung der Bevölkerung müsste durch den Betrieb der Atomkraftwerke in Deutschland um mindestens das Tausendfache höher sein, um den beobachteten Anstieg des Krebsrisikos erklären zu können. Die statistische Untersuchung und bekannte Ursachenzusammenhänge zwischen Krebsrisiko und Strahlung stünden damit nicht im Einklang miteinander, so der SPD-Politiker weiter.

Während also Gabriel abwartend reagierte, sehen sich die Grünen in ihrem Antiatomkurs vollauf bestätigt. Ihr Energieexperte Hans-Josef Fell erklärte, Atomreaktoren schneller abzuschalten als bisher geplant. Auch Grünen-Chef Reinhard Bütikofer verlangte die "beschleunigte Abschaltung gerade der ältesten Atomkraftwerke". Wer angesichts der Ergebnisse der Studie für einen längeren Betrieb von Atommeilern eintrete, handele verantwortungslos. Ebenso plädierte der Links-Fraktionsvize Werner Dreibus dafür, zu prüfen, ob der Atomausstieg schneller möglich ist.

Auch im niedersächsischen Wahlkampf wurde die Studie aufgegriffen - vom SPD-Spitzenkandidaten Wolfgang Jüttner. Sie sei von einer "entwaffnenden neuen Qualität". Je näher ein Kind an einem Kernkraftwerk wohne, umso größer sei die Gefahr, Leukämie zu bekommen. Man dürfe aber nicht zulassen, "dass überhaupt ein Kind gefährdet wird".

Erwartungsgemäß zurückhaltend reagierte die Vizevorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Katherina Reiche. Man werde sich die Studie genau ansehen müssen. Sie sei jedoch verwundert über die Botschaft der Untersuchung. So solle die Erkrankungsrate in der Nähe der Atomkraftwerke hoch sein, doch werde darauf hingewiesen, dass dies nicht auf Strahlungswirkungen zurückzuführen sei. "So sehr ich mir Aufklärung über diese Zusammenhänge von der Wissenschaft erhoffe, so sehr kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Studie die Antipathien gegen die Kernkraft schüren soll", sagte die CDU-Politikerin.

sev/ddp/ap

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