SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

03. März 2010, 06:26 Uhr

Kinderopfer in Karthago

Opfer des römischen Rufmords

Von

Die Karthager waren Roms ärgste Feinde - und pflegten angeblich grausame Rituale: Um ihren Gott milde zu stimmen, sollen sie kleine Kinder geopfert haben. Alles nur römische Propaganda? Archäologen haben jetzt Spuren gefunden, die das negative Bild erschüttern.

"Ceterum censeo Carthaginem esse delendam" - "im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss!"

Mit diesem Satz beendete der ehemalige Feldherr und Senator Marcus Porcius Cato jede seiner Reden vor dem römischen Senat - so jedenfalls die Legende. Es war die Forderung nach der Vernichtung des ärgsten Feindes, den das römische Imperium vom vierten bis zum zweiten Jahrhundert vor Christus besaß: Karthago. Die Stadt an der nordafrikanischen Küste, nahe dem heutigen Tunis gelegen, war das Zentrum einer See- und Handelsmacht, die es wagte, Rom die Herrschaft streitig zu machen. Mehrere Kriege führte Rom gegen Karthago, bis es im Jahr 146 vor Christus soweit war und Catos Forderung erfüllt wurde: im dritten Punischen Krieg wurde Karthago erobert und zerstört.

Über den Feind erzählte man sich in Rom abscheuliche Dinge: So sollen die Karthager ihrem Gott Baal-Hammon regelmäßig Kinder geopfert haben. Eine Szene haben römische Geschichtsschreiber genau beschrieben: Im Jahr 310 vor Christus lag vor den Toren Karthagos das Heer des Agathokles von Syrakus und schnitt die Stadt von jeder Versorgung aus dem Hinterland ab. Das Wasser wurde knapp, in der Sommerhitze litten die Menschen unsägliche Qualen. Schließlich verkündeten die Priester des Baal-Hammon, wie die Stadt gerettet werden könne: Ihr Hauptgott, so waren sie überzeugt, gierte nach dem Blut der erstgeborenen Söhne der Elite. Zu lange schon hätten die Reichen der Stadt versucht, den Gott zu betrügen, indem sie an Stelle der eigenen Sprösslinge Sklavenkinder geopfert hätten. Oder hatten gar versucht, dem Gott Tier- statt Menschenfleisch unterzujubeln.

Nach und nach rollten die kleinen Kinder ins lodernde Feuer

Die Misere also, so sagten die Priester, sei nun die Rache des Baal. Um ihn wieder zu besänftigen, trieben sie die männlichen Nachkommen zusammen, entzündeten zu den Füßen seiner Statue ein riesiges Feuer und legten die Kinder auf die leicht abschüssigen, ausgestreckten Arme des Götzenbildes. Nach und nach rollten die kleinen Kinder ins lodernde Feuer.

So zumindest ist es nachzulesen bei den antiken Geschichtsschreibern Diodorus Siculus und Plutarch. Und so führte es auch 1862 Gustav Flaubert in seinem Roman "Salammbô" in ekelerregender Detailgenauigkeit aus: "Dann ward die Glut im Innern dunkler, und man erkannte brennendes Fleisch. Manche glaubten sogar Haare, Glieder und ganze Körper wahrzunehmen. (...) Man hörte das Schreien der Mütter und das Prasseln des Fetts, das auf die Kohlen herabtropfte..."

Nur hat die Sache einen Haken: Flaubert schrieb für ein sensationslüsterndes französisches Publikum. Und die beiden antiken Geschichtsschreiber wurden von römischen Herrschern für ihre Dienste bezahlt. So haben Archäologen seit geraumer Zeit berechtigte Zweifel an der Verlässlichkeit dieser literarischen Schilderungen.

Waren die abstoßenden Kindesopfer also nur römische Propaganda?

Jüngste Belege dafür, dass die Karthager möglicherweise unschuldig waren, hat nun Jeffrey Schwartz von der University of Pittsburgh vorgelegt. Der Anthropologe untersuchte die Knochen aus 348 Urnen aus einem Kinderfriedhof der Stadt.

Um diesen Kinderfriedhof, Tophet genannt, ranken sich seit den ersten wissenschaftlichen Untersuchungen in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts die finstersten Gerüchte. Hier ruhen nur die Knochen von sehr jungen Kindern. Ältere Kinder sowie die Erwachsenen wurden auf den regulären Friedhöfen der Stadt beigesetzt. Es lag also nahe, in den hier Bestatteten die Opfer des grausamen Baal-Hammon zu vermuten - die erstgeborenen Söhne der Stadt, die für den Gott in den Flammen sterben mussten.

Die Zähne zeigten: 20 Prozent der Kinder waren Totgeburten

Schwartz fand heraus, dass zumindest sehr viele von ihnen gar nicht hätten geopfert werden können - weil sie schon ihre Geburt nicht überlebt hatten.

Schwartz konnte an den Knochen keinerlei Spuren von Gewalteinwirkung feststellen. "Ich habe sehr sorgfältig nach Schnittspuren gesucht, weil es in einigen Berichten heißt, den Kindern seien die Kehlen durchgeschnitten worden, bevor man sie ins Feuer warf", erzählt der Forscher. "Natürlich könnten sie auch zuvor betäubt worden sein - das hätte an den Knochen keine Spuren hinterlassen." Von 70 Skeletten waren die Beckenknochen so weit erhalten, dass Schwartz an ihnen das Geschlecht der Toten bestimmen konnte. Und hier widersprachen die Ergebnisse eindeutig den Schilderungen des Opferritus: Mindestens 38 der Kinder aus dem Tophet waren nämlich Mädchen. Nur bei 26 der Knochen konnte Schwartz eindeutig auf Jungen schließen, bei den restlichen sechs Kindern war das Ergebnis nicht eindeutig.

Die nächste Überraschung war die Bestimmung des Alters. Dazu nahm Schwartz die kleinen Schädelknochen, Sitz- und Schambeine sowie die Zähne unter die Lupe. Fast alle Kinder starben, ohne ihren ersten Geburtstag erlebt zu haben. Der häufigste Todeszeitpunkt lag zwischen den zweiten und dem fünften Lebensmonat. Und etwa 20 Prozent aller Kinder hatten gar nie das Licht der Sonne gesehen - sie waren Totgeburten.

Um sicherzugehen, zog Schwartz weitere Kollegen hinzu. Er wählte Zähne von 50 Kindern aus, deren Todeszeitpunkt er kurz vor oder unmittelbar nach der Geburt vermutete, und schickte sie an Roberto Macchiarelli vom Muséum National d'Histoire Naturelle in Paris und Luca Bondioli vom Museo Nazionale Preistorico Etnografico in Rom. Er bat die Kollegen, die Zähne auf ihre neonatale Linie zu untersuchen. Diese feine Linie bildet sich im Zahnschmelz, wenn dessen Produktion bei der Geburt und für die ersten Tage danach vorrübergehend eingestellt wird. Ist sie im Zahnschmelz zu sehen, hat das Kind diese Zeit überlebt. Fehlt sie, ist es während oder kurz nach der Geburt gestorben. Mit dieser sehr genauen Methode der Bestimmung des Todeszeitpunktes konnten die Forscher 26 Kinder ausmachen, die tatsächlich tot geboren worden waren - und damit auch ganz bestimmt nicht dem Baal-Hammon als Opfer dargebracht werden konnten.

"Unter den Römern selber war Kindsmord durchaus gängig"

War also der verrufene Tophet gar nichts anderes als ein Friedhof für Kinder, die entweder tot geboren wurden oder starben, bevor sie in die Gesellschaft Karthagos aufgenommen wurden? So wie im Christentum die Taufe nötig ist, um das Recht auf eine Bestattung in geweihter Erde zu erwerben, könnte es auch bei den Karthagern ein ähnliches Ritual gegeben haben. Und eine hohe Kindersterblichkeit ist für die Antike nichts Ungewöhnliches. Die schlechte Wasserver- und Abfallentsorgung schaffte auch in römischen Großstädten jener Zeit wie Pompeji, Ostia oder Rom ein ungesundes Klima für Neugeborene. Pocken und Malariaepidemien, Hepatitis, Lepra oder Thyphus rafften nur allzu oft das neue Leben dahin, kaum dass es auf die Welt gekommen war.

Zudem hatten die Römer gar keinen Grund, im Angesicht der angeblichen karthager Kinderopfer Empörung zu Heucheln: "Unter den Römern selber war der Infantizid - der Kindermord - durchaus gängig", erklärt Schwartz. "Ungewollte Kinder, insbesondere Mädchen, wurden einfach in den Bergen zum Sterben ausgesetzt." Es gibt einen Brief eines Römers an seine Frau aus dem Jahr 1 v. Chr., in dem dieser offen mit dem Thema umgeht: "Ich bin noch in Alexandria", schrieb er heim. "Ich bitte dich und flehe dich an, auf unser kleines Kind aufzupassen! Sobald ich Lohn bekomme, werde ich ihn dir schicken. Und falls du unterdessen (Viel Glück!) wieder gebierst - dann lass das Kind leben, so es ein Junge ist; und ist es ein Mädchen, so setz' es aus."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung